«Am Ende habe ich  – wenn’s gut kommt – fünf gute Bilder»: Dieser Wattwiler Fotograf will die Schönheit von Gletscherhöhlen festhalten – und begibt sich damit auch in Gefahr

Der Fotograf Hanspeter Schachtler aus Wattwil stellt seine Bilder an der Photo20 in Zürich aus. 

David Grob
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Im Innern des Langgletschers im Lötschental: Eines der drei Bilder, die Hanspeter Schachtler an der Photo20 in Zürich ausstellt.

Im Innern des Langgletschers im Lötschental: Eines der drei Bilder, die Hanspeter Schachtler an der Photo20 in Zürich ausstellt.

Hanspeter Schachtler

Auf der Suche nach der Schönheit begibt sich der Wattwiler Fotograf Hanspeter Schachtler in fremde Welten. Immer wieder steigt er alleine in finstre Täler und eisige Höhlen. Ihn faszinieren Gletscher, das ewige Eis, dessen Ewigkeit immer vergänglicher wird. Und immer wieder begibt er sich in Gefahr, dann, wenn er sich in Gletscherhöhlen begibt, das Eis knackt, Wasser rauscht, tropft, rinnt. Und sich schon mal ein Eisblock über dem Höhlenbogen löst. Schachtler sagt:

«Ich habe oft ein mulmiges Gefühl, bevor ich in den Gletscher steige.»
Hanspeter Schachtler, Fotograf aus Wattwil, stellt seine Gletscherbilder an der Photo 20 in Zürich aus.

Hanspeter Schachtler, Fotograf aus Wattwil, stellt seine Gletscherbilder an der Photo 20 in Zürich aus.

David Grob

Es schwindet erst, wenn er im Bauch des Gletschers ist. In jener fremden Welt aus Eis, Licht, Glanz, Schwärze, deren Schönheit ihn so fasziniert. «Da, wo die Landschaft sich verliert und Neues schafft», heisst es auf seiner Visitenkarte in schwarz-weiss.

Hanspeter Schachtler, Jahrgang 1952, hochgewachsen und drahtig wie der Ausdauersportler und Berggänger, der er ist, fotografiert aus Leidenschaft. Dieses Wochenende stellt er drei seiner Bilder an der Photo20 in Zürich aus. Im dritten Jahr. Und wie immer mit seinen Bildern aus dem ewigen Eis.

Bilder, rätselhaft wie abstrakte Gemälde

Jetzt sitzt man am Küchentisch in Schachtlers Haus, hoch über Wattwil. An der Wand hängen Bilder seiner Familie, drei erwachsene Kinder und Ehefrau Mägie. Im Durchgang zur Stube eine grosse gerahmte Fotografie. Ein Gletscherbild. Eines seiner Ersten, wie Schachtler verrät. Zuvor hatte er einem erwartet, draussen vor der Tür, kaum hat man das Auto parkiert.

Und jetzt, auf der Eckbank in dieser Küche, die mit ihren Schränken aus Naturholz eine wohlige Wärme ausstrahlt, geht man im Kopf nochmals die Fragen durch, die man einem passionierten Hobbyfotografen stellen will. Warum er in kalte Höhlen steigt. Was er mit seinen Bildern vermitteln will. Und warum er seine Bilder an der Photo20 in Zürich ausstellt. Und man denkt kurz zurück an die Bilder, die er auf seiner Website zeigt. Die mal anschaulich zeigen, was ist: Eis, Geröll, Bergspitzen. Die mal rätselhaft wie abstrakte Gemälde sind: Dunkle Fläche, helle Linien, blaue Flecken. Das Gletscherinnere als impressionistisches Gemälde.

Aus dem Innern des Langgletschers im Lötschental, Wallis. Diese drei Bilder stellt Hanspeter Schachtler an der Photo20 in Zürich aus.
6 Bilder
Ein Aufnahme aus dem Morteratschgletscher aus dem Jahr 2018.
Gletscherhöhlentor im Roseggletscher.

Aus dem Innern des Langgletschers im Lötschental, Wallis. Diese drei Bilder stellt Hanspeter Schachtler an der Photo20 in Zürich aus.

Bilder: Hanspeter Schachtler

Schachtler holt einen Bildband, den er einst für einen Freund erstellt hat, lässt darin blättern, erklärt. Er will mit seinen Fotografien den Rückgang der Schweizer Gletscher festhalten. Was als Eishöhle entstehe, werde später zur Eisbrücke und dann zum Geröllfeld, heisst es im Konzepttext, mit dem sich Schachtler bei der Photo20 beworben hat. Und weiter:

«Diese Bilder zeigen, was an Schweizer Gletschern bereits endgültig verloren ist.»

Früher fotografierte Schachtler oft an den Engadiner Morteratsch- oder Roseggletschern, einst Gletscherikone, jetzt kümmerlicher Rest ihrer selbst. «Es ist nicht mehr viel übrig, dass für mich fotografisch interessant ist.» Er reist jetzt vermehrt ins Wallis, zum Zinal- oder Langgletscher. Als Nichtautofahrer immer mit dem ÖV.

Hauptsächlich will der Hobbyfotograf aber die kalte Schönheit im Bild einfrieren. Den Moment im Bauch des Gletschers, wenn das Licht durchs Eis schimmert und sich in Tönen von Blau reflektiert. «Alles atmet in einem ganz eigenen Licht, in Räumen von Zauber und Farben», beschreibt Schachtler das Gletscherinnere auf seiner Website. Er setzt bei seinen Bildern ausschliesslich auf natürliches Licht. Die Technik hinter der Fotografie hat ihn, den Elektroingenieur und pensionierten Computertechniker, früher mehr interessiert. Jetzt ist es aber der Augenblick des Abdrückens. «Ich will ästhetische Bilder machen.»

Wenn es spricht, sprudelt es wie ein Gletscherbach

Man muss Schachtler nicht viele Fragen stellen. Wenn er ins Erzählen kommt, sprudelt es wie ein Gletscherbach. Sobald er spätabends nass und lehmbespritzt von einem seiner Ausflüge zurückkomme, so erzählt er, reinige er erst seine Kamera. Dann sortiert Schachtler seine Bilder aus. Von bis zu 400 auf 100 auf 30, die er dann minimal bearbeitet.

«Am Ende habe ich  – wenn’s gut kommt – fünf gute Bilder.»

Schachtler steht nicht gerne im Mittelpunkt. Er sei nicht vernetzt in der Welt der Fotografen. Später, beim Schiessen des Porträtfotos, merkt man: Er steht lieber auf der anderen Seite der Linse. Und doch will der Hobbyfotograf mit seinen Bildern eine Öffentlichkeit erreichen. «Ich möchte einen Bildband herausgeben. Sie kennen nicht zufällig einen Verleger?», sagt Schachtler und lacht.

Photobastei, Rotterdam, Instagram

Er will bekannter werden. Publizierte im letzten halben Jahr täglich ein Foto auf Instagram. Stellt seine Bilder aus. In der Photobastei in Zürich. Im Februar dann in Rotterdam. Und nun eben an der Photo20 in Zürich Oerlikon. Drei Bilder zeigt Schachtler auf einem Korpus von vier Quadratmetern. Und manchmal steht er neben seinen Bildern in der Ausstellung und beobachtet die Besucher. Wie reagiert das Publikum auf meine Bilder?

Jeder Aussteller bezahlt 390 Franken Anmeldegebühr, um an der Photo20 ausstellen zu können. Und 30 Prozent des Preises von Bildern, die an der Werkschau verkauft werden, gehen an die Organisatoren. Schachtler hofft weiterhin leise darauf, seine Bilder einst in einem Bildband publizieren zu können. Er bleibt aber gleichzeitig Realist. «Der Markt für einen solchen Band ist wohl klein.»

Die Photo20 findet vom 10. bis 14. Januar 2020, 11 bis 20 Uhr, in der Halle 622 in Zürich Oerlikon statt. www.photo-schweiz.ch