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Advents-Serie Folge 20: «Wir hielten stets zusammen und halfen einander»

Verschiedene Traditionen prägen die Advents- und Weihnachtszeit. Doch nicht in jedem Land und in jeder Familie wird auf die gleiche Weise gefeiert. Im Rahmen dieser Serie erzählen Menschen aus aller Welt ihre persönliche Weihnachtsgeschichte.

Anina Rütsche
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Der Nesslauer Pfarrer Lothar Schullerus ist als Rumäniendeutscher in Südsiebenbürgen aufgewachsen. (Bild: Anina Rütsche)

Der Nesslauer Pfarrer Lothar Schullerus ist als Rumäniendeutscher in Südsiebenbürgen aufgewachsen. (Bild: Anina Rütsche)

Dass mein Vater Pfarrer war, hat mich geprägt. So habe auch ich später diesen Beruf ergriffen, den ich seit 2004 in Nesslau ausübe. Aufgewachsen bin ich allerdings nicht im Toggenburg, sondern in Rumänien als Mitglied einer deutschsprachigen Minderheit zur Zeit des Kommunismus. Mit den Rumänen waren wir Rumäniendeutschen kaum in Kontakt – man lebte nebeneinander, nicht miteinander.

Dafür war der Zusammenhalt innerhalb unserer Gemeinschaft, die stark durch die evangelische Kirche geprägt war, umso stärker. In der Advents- und Weihnachtszeit wurde dies besonders deutlich. Bei uns war es sehr wichtig, stets auch an arme und kranke Mitbürger zu denken und diese zu unterstützen. Im Dorf half man einander gegenseitig, damit niemand «aus dem Netz fällt», wie wir sagten.

Aus Spenden wurden Guetzli

Am Ersten Advent beispielsweise gingen die Mitglieder des Frauenvereins von Haus zu Haus, um bei der Bevölkerung verschiedene Naturalienspenden zu sammeln. Aus den Gaben backten sie anschliessend wunderschön dekorierte Weihnachtskekse. Das taten sie immer im Haus der Pfarrfamilie, also bei uns daheim, und so bekamen meine drei Schwestern und ich mit, welch grosser Aufwand hinter dieser Tradition steckt. Später verteilten die Frauen die Kekse an Kinder bis zum Konfirmandenalter und an betagte Mitmenschen. Ich weiss noch, wie ich als Bub meine Wollmütze hinhielt, die dann mit allerlei Leckereien gefüllt wurde. Das war ein besonderer Moment, denn Süssigkeiten gab es damals, in den 60er-Jahren, weitaus nicht jeden Tag.

Zur Person

Lothar Schullerus, der heute als Pfarrer in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Nesslau tätig ist, ist Rumäniendeutscher. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Pfarrers in verschiedenen Orten in Südsiebenbürgen. Eine altluxemburgische Mundart ist Lothar Schullerus’ Muttersprache. Hochdeutsch hat er in der Schule als erste Fremdsprache gelernt, so wie es auch in der Deutschschweiz der Fall ist. (aru)

Und nicht nur in meiner Mütze tauchten plötzlich Leckereien auf, sondern auch in den Schuhen. Diese Tradition zum Nikolaustag ging so: Am 5. Dezember schrieben wir Kinder kurze Briefe ans Christkind und steckten diese in unsere Schuhe. Die Schuhe stellten wir über Nacht aufs Fensterbrett. Am nächsten Morgen waren die Briefe weg, dafür waren die Schuhe bis zum Rand mit Nüssen und Äpfeln gefüllt. Mandarinen wären auch passend gewesen, aber solche hatten wir damals noch nicht.

Zwei Gottesdienste in wenigen Stunden

Die Weihnachtstage selbst standen im Zeichen der Gemeinschaft. Am 24. Dezember abends traf man sich zum Hauptgottesdienst. Am 25. Dezember, morgens um 6 Uhr, fand erneut ein Gottesdienst statt. Unter anderem sangen wir «Dies ist der Tag, den Gott gemacht», ein Lied, das auch in der Deutschschweiz verbreitet ist, wie ich später mit Freude festgestellt habe.

Nach der Feier zogen wir Mädchen und Buben durchs Dorf, um den Verwandten, Freunden und Bekannten frohe Weihnachten zu wünschen und Gedichte aufzusagen. Dieser Brauch hatte insbesondere eine soziale Funktion, denn er stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Jede Familie hatte ein eigenes Schwein

Auch das Essen spielte bei uns eine zentrale Rolle. Zu Weihnachten gehört in Rumänien vielerorts das Schweinemetzgen, und so war es auch bei den Deutschsprachigen. Jede Familie hatte ihr eigenes Schwein, das im Dezember geschlachtet wurde. An Weihnachten gab es Schweinebraten, an den Tagen danach unter anderem Leberwurst und Schwartenmagen. Dass so viel Fleisch aufs Mal gegessen wurde, war aber nicht üblich. Abgesehen von den Festtagen mit ihren üppigen Mahlzeiten ging man sparsam mit tierischen Produkten um, weil sie nicht im Überfluss vorhanden waren.

Bei uns gab es übrigens auch Päckli. Wir Kinder bekamen zu Weihnachten vor allem praktische Geschenke, beispielsweise Kleider, Taschentücher oder Schulmaterial. Ab und gab es aber auch Spielsachen wie ein Trottinett oder ein hölzernes Schaukelpferd. Das Schaukelpferd gibt es noch immer. Mittlerweile spielen meine Enkel damit.

Alle Folgen der Advents-Serie finden Sie hier

Mit diesem Beitrag endet die Adventsserie des «Toggenburger Tagblatts». Die Redaktion wünscht der Leserschaft frohe Weihnachten.