«Wir haben klare Vorgaben erhalten»: Toggenburger Brennerei Stillhart produziert während der Coronakrise neben Schnaps auch Desinfektionsmittel

Die Brennerei Stillhart in Dietfurt produziert neu auch Desinfektionsmittel. Die Nachfrage steigt täglich.

Fabio Giger
Merken
Drucken
Teilen
Bettina und Franz Stillhart: Tochter und Vater produzieren neben Schnaps nun auch Desinfektionsmittel.

Bettina und Franz Stillhart: Tochter und Vater produzieren neben Schnaps nun auch Desinfektionsmittel.

Bild: Fabio Giger

Aus den Brennhäfen der Brennerei von Franz Stillhart strömt ein aromatischer Duft. Normalerweise brennt er hier Edelbrände und verarbeitet diese weiter zu Likören. Doch in dieser Zeit ist nichts wie sonst. Der Brennmeister aus Dietfurt produziert momentan in einem seiner Häfen Desinfektionsmittel auf Obstbasis.

Seine desinfizierende Wirkung verdankt das Mittel, das sich die ganze Welt wie wild auf die Hände schmiert, dem Ethanol. Ethanol ist nichts anderes als Trinkalkohol, das Stillhart schon seit Jahrzehnten produziert. Jetzt füllt er den Ethanol aber nicht in edle Glasflaschen mit verspielten Etiketten, sondern in Kanister und Sprühdispenser mit nüchterner Aufschrift.

Das Rezept stammt von der WHO

Für den Desinfektions-Ethanol brennt Stillhart aber weder vergorenes Obst, das für einen Edelbrand gedacht ist, noch dampft er schon abgefüllte Destillate weiter ein. «Dazu kaufen wir vergorenen Apfelsaft oder Weinresten ein», sagt Bettina Stillhart, Tochter von Inhaber Franz.

Hauptsache das Ausgangsprodukt ist zuckerhaltig und vergoren. Kartoffeln oder Getreide wird in Dietfurt nicht gebrannt – auch nicht für die Desinfektionsmittel-Herstellung. «Dafür sind wir nicht eingerichtet», erklärt Stillhart.

In diesen Behältern gibt es das Mittel zu kaufen.

In diesen Behältern gibt es das Mittel zu kaufen.

Bild: Fabio Giger

Ihr Desinfektionsmittel besteht aus 85-prozentigem Ethanol. Dieser ist denaturiert und somit nicht trinkbar, die antivirale Wirksamkeit bleibt jedoch. Verdünnt mit destilliertem Wasser, Wasserstoffperoxid und etwas Glyzerin wird das Gemisch hautverträglicher. Stillhart sagt:

«Wir haben von der eidgenössischen Zollverwaltung klare Vorgaben erhalten.»

Die Rezeptur stammt von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Eine goldene Nase will sich Stillhart nicht verdienen

Grundsätzlich sind Brennereien nicht befugt, desinfizierende Mittel herzustellen. Für die schweizweite Notlage hat das Bundesamt für Gesundheit den Brennmeistern aber eine Ausnahmebewilligung erteilt. Seit etwas mehr als zwei Wochen hat Stillhart schon 230 Liter Desinfektionsmittel produziert – und das nur nebenbei. Hauptsächlich brennt Vater Franz noch immer Edelbrände. Seine Tocher stellt klar:

«Wenn die Nachfrage weiter steigt, werden wir die Produktion aber weiter hochfahren.»

Den Brennern ist es ein Anliegen, die Fläschchen nicht zu überteuerten Preisen zu verkaufen oder aus der Not anderer Profit zu schöpfen. «Mindestens die Produktionskosten müssen aber gedeckt sein», sagt Stillhart. Obwohl sie das Mittel selbst vertreiben und nicht in grossem Stil produzieren können, kostet ihr Desinfektionsmittel in etwa so viel wie im Detailhandel. Erhältlich ist es über den Onlineshop oder direkt in Stillharts’ Laden in Dietfurt.

Grossaufträge blieben bislang aus

Die grösste Schwierigkeit sei im Moment vergorenes Ausgangsmaterial zu finden, das man brennen könnte. «Auch alkoholresistente Fläschchen aufzutreiben ist sehr schwierig», weiss Stillhart. Einen Restposten an Sprühdispensern konnte sie noch auftreiben. Zur Not verkauft Stillhart das Mittel jetzt in Glasflaschen. Grossbestellungen werden in Kanister gefüllt.

Von Toggenburger Altersheimen, Arztpraxen oder Apotheken gingen bei Stillhart bislang noch keine Grossaufträge ein. Einer Drogerie habe man schon hochprozentigen Alkohol geliefert, die daraus dann selbst Desinfektionsmittel mischte. «Ein Unternehmen hat schon nachgefragt, ob wir für ihren Eigengebrauch produzieren können», berichtet Stillhart. Verschärfe sich die Desinfektionsmittel-Knappheit klopfen wahrscheinlich auch medizinische Institutionen bei der Brennerei Stillhart an.

So wirken Alkohol und Seife gegen das Virus

Schon im 13. Jahrhundert entdeckten Mediziner die antibakterielle und antivirale Wirkung von Alkohol, respektive Ethanol. Dieses greift die Proteine der äusseren Schutzschichten, die sogenannten Membranen, von Viren und Bakterien an. Der Alkohol verändert die Bausteine dieser Schutzschichten der Krankheitserreger, sodass sie ihre biologische Wirkung verlieren und ungefährlich werden. Anders, aber mindestens so zuverlässig, wirkt Seife. Diese greift ebenfalls die Oberfläche der Viren an, allerdings die Fettkomponente der Schutzschicht. Seife löst die Fett-Konstrukte der viralen Oberfläche auf. In der Folge kollabiert das Virus und stirbt ab.