Wildschutz im Toggenburg zwischen Überlebenskampf und Tourismus

Mit touristischen Angeboten und guten Erschliessungen kommen sich Mensch und Tier immer mehr ins Gehege. Der kantonale Wildhüter Urs Büchler sprach an einem Anlass der SAC-Sektion Toggenburg und des SGW-Kulturforums.

Sascha Erni
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Seit 25 Jahren ist Urs Büchler kantonaler Wildhüter und betreut die Tiere von Wildhaus bis Wattwil, vom Alpstein bis zu den Churfirsten. Passend zur anstehenden Eröffnung der Wintersaison warf er am Mittwochabend im grossen Saal des Thurparks einen Blick auf das Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen des Menschen und dem Überleben der Wildtiere.

Gemsen suchen an einem Waldrand nach Nahrung.

Gemsen suchen an einem Waldrand nach Nahrung.

(Bild: Keystone / Urs Flüeler)

42 Besucher am Vortrag

Der SAC Sektion Toggenburg und das SGW-Kulturforum hatten zu einem Vortrag eingeladen. 42 Gäste lauschten den Ausführungen von Urs Büchler zum Thema «Wintertouren und Wildschutz».

Wegen der Coronapandemie fand der Vortrag im Thurpark-Saal statt.

Wegen der Coronapandemie fand der Vortrag im Thurpark-Saal statt.

(Bild: Sascha Erni)

«Nicht jeder hat meinen Job, ich kann verstehen, dass man dann in der Freizeit unbedingt in die Natur möchte», meinte Urs Büchler im Verlaufe seines Vortrags. Aber es ist klar: Mit der guten touristischen Erschliessung des Toggenburgs und dem stetig zunehmenden Angebot an neuen Sportarten kommen sich Mensch und Tier mehr und mehr ins Gehege.

Urs Büchler.

Urs Büchler.

(Bild Sascha Erni)

Tiere leben im Winter auf Sparflamme

Man spürte, wie sehr Urs Büchler die Tiere am Herz liegen. Leidenschaftlich und mit viel Verve führte er die verschiedenen Überlebensstrategien des heimischen Wildes auf. Manche Tiere wie etwa das Murmeltier halten Winterschlaf, denen wird man als Wanderer im Schnee kaum begegnen. Viele jedoch halten nur eine Winterruhe ein, reduzieren also ihren Energieverbrauch auf ein Minimum und legen immer wieder Fress-Phasen ein.

Steinböcke aber auch Hirsche nehmen saisonale Wanderungen vor, verschieben sich auf den Winter zum Beispiel von den Nord- zu den Südhängen, um die wenigen Sonnenstunden voll auszuschöpfen. Dazu nehmen sie Anfang Saison oft lange Strecken unter die Hufe, um dann im tieferen Winter unnötige Bewegung vermeiden zu können.

Körpertemperatur um mehr als einen Drittel gesenkt

Das Wild ist gezwungen, seinen Stoffwechsel herunter zu fahren. «Die Tiere gehen total auf Sparflamme», erläuterte Urs Büchler. Dann sinkt etwa die Körpertemperatur eines Hirschs von 38 Grad Celsius auf 24 Grad Celsius und nur die wichtigsten Organe des Tieres werden wärmer gehalten. Im Idealfall kommt es bei diesen Tieren zu einer Kältestarre. Doch genau hier liegt das Problem.

«Nur ungestörte Tiere gehen in die Kältestarre, irritiert man sie, geht es wieder blitzartig hoch.»

Die Tiere flüchten vor ungewohnten Gerüchen und Geräuschen, zum Beispiel von Wanderern, was enorm viel Energie verbraucht.

«Die Fettreserven sind quasi der Akku des Tiers. Entleert er sich zu stark, fehlt im Frühling die Energie für die Aufzucht der Jungen oder die Tiere verenden bereits zuvor.»

Die Lösung für dieses Problem seien die Wildruhezonen, erklärte Urs Büchler – und dass Naturbegeisterte sich auch von diesen Rückzugsgebieten fernhielten.

Für zuzrückhaltende Markierung

Alle paar Jahre werden die Wildruhezonen aufgrund von Bestandserhebungen und Beobachtungen der saisonalen Bewegungen angepasst, wodurch zuvor ausgeschilderte Wanderwege nicht immer auch genutzt werden dürfen. Urs Büchler selbst bezeichnete sich als Verfechter einer zurückhaltenden Markierung im Gelände, auch, weil sich Wanderer und Sportler heute mit Smartphone und GPS genauer und aktueller informieren können. Er verwies auf die Website www.wildruhezonen.ch, auf der das Bundesamt für Umwelt und die Kantone jene Gebiete, in denen man keinen Sport treiben soll, detailliert ausweisen und die weiterhin erlaubten Wanderwege grün hervorheben.

Gute Planung ist das A und O für den Wintersport

Was heisst das für Wanderer und Sportlerinnen? Urs Büchler gab vier Tipps mit auf den Weg. Erstens soll man sich mit Hilfe der Online-Informationen auf Skitouren und Wanderungen vorbereiten und die Route genau planen. Zweitens sollte man besonnte Wildstände, etwa an Südhängen, meiden.

Drittens stellen Touren zur Dämmerungszeit oder in der Nacht einen grossen Stress-Faktor für die Tiere dar. Und viertens sollte man nicht entlang oberer Waldgrenzen wandern, und falls man doch einen Wald queren muss, das in einem möglichst geraden und engen Trichter erledigen. «Das Zusammenleben von Mensch und Tier stellt uns vor Herausforderungen, aber diese können wir lösen», betonte der Wildhüter.