Wie konnte sich Karl Herrmann mit einem Gewehr in die Brust schiessen? Ein Fall mit vielen Rätseln kommt auf die Bühne

Das Theater Jetzt zeigt im Bad Hemberg die Geschichte eines Doppelmordes, der sich 1931 ereignete.

Mirjam Bächtold
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Oliver Kühn (rechts) schlüpft im Stück in fünf verschiedene Rollen. Die andere Person im Bild ist Florian Schüpp.

Oliver Kühn (rechts) schlüpft im Stück in fünf verschiedene Rollen. Die andere Person im Bild ist Florian Schüpp.

Bild: PD

Dass er in einem Stück gleich Mörder und Staatsanwalt spielen würde, hätte Oliver Kühn vorher nicht gedacht. Als der Verein Kunsthallen Toggenburg ihn anfragte, ob er für die Ausstellung «Freie Republik Bad Hemberg» ein Theaterstück über den Doppelmord im Bad Hemberg auf die Beine stellen könne, war sein erster Gedanke: «Bloss kein Krimidinner!»

Doch dann hat er sich mit der Tat, die am 11. Mai 1931 geschah, beschäftigt. Er hat mehrere Artikel darüber gelesen, die – einer sensationslüsterner als der andere – die Tat beschreiben. Dabei nennen die Journalisten den vollen Namen des Täters und betiteln ihn mit Attributen wie «notorischer Trinker» und «Tunichtgut», einer schreibt gar von einem «Lebenswandel mit Defekten».

Was hat den Mann zur Tat getrieben?

Und plötzlich war Oliver Kühns Interesse geweckt. «Mich interessierte vor allem die Frage, was den Mann zu dieser Tat getrieben hat», sagt er. Nach angeregten Diskussionen mit seinen Kollegen von Theater Jetzt, Madeleine Rascher und Florian Schüpp, und weiteren Recherchen im Staatsarchiv schrieb er eine für die Bühne freiere Adaption des Doppelmords im Bad Hemberg. In seiner Version nennt er den Täter Karl Herrmann, aus Pietätsgründen gegenüber dessen Nachfahren, die noch im Toggenburg leben, hat er den Namen geändert.

Gemäss der Zeitungsartikel, die sich teilweise widersprechen, geschah Folgendes: Karl Herrmann erscheint morgens um 7 Uhr mit seinem Ordonnanzgewehr im Restaurant Bad Hemberg. Er will sich an der Wirtin rächen, die ihn mehrmals wegen seines Trinkens ermahnt hat. Er überrascht dort den Ofenbauer Josef Fent und den Vater der Wirtin, Georg Frey, und versteckt sich vor ihnen in einem Schlafsaal im oberen Stock. Doch als er merkt, dass sie ihm folgen, feuert er einen Schuss durch die geschlossene Tür. Durch einen Zufall trifft die Kugel Fent genau ins Herz. Danach schiesst Herrmann durch den Holzschrank, hinter dem Frey sich versteckt, und tötet auch diesen.

Viele Fragen bleiben offen

Wie er es dann schafft, sich mit einem Gewehr in die Brust zu schiessen, ist eines der vielen Rätsel des Falls. Er trifft nicht das Herz, sondern die Lunge und wird von der um kurz nach 9 Uhr eintreffenden Staatsanwaltschaft befragt, bevor er erst um 13 Uhr ins Spital gebracht wird. Er stirbt entweder im Spital oder auf dem Weg dahin und wird zur Obduktion ins Anatomische Institut in Zürich gebracht. Durch die widersprüchlichen Artikel als einzige Quelle nebst den Bildern vom Tatort aus dem Staatsarchiv, bleiben viele Fragen offen. Oliver Kühn sagt:

«Uns interessierte an diesem Ereignis vor allem der gesellschaftliche Aspekt.»

Niemand werde als Mörder geboren. «Welche Umstände haben dazu geführt, dass Hermann zum Gewehr griff? Dieser Frage gehen wir im Stück nach.»

Während Madeleine Rascher das Stück mit Eigenkompositionen und Improvisationen untermalt, schlüpft Oliver Kühn in fünf verschiedene Rollen. Ausser Hermann als Leiche spielt er alle Parts selbst: die Wirtin Grob, die sich die Mitschuld an der Schürze abwischt, den lethargischen Journalisten mit Ranzen, dem die Ungereimtheiten egal sind, den Beamten der Staatsanwaltschaft, der den Sterbenden mit einem diabolischen Flüstern ausquetscht und Hermann selbst.

Figuren sind absichtlich überzeichnet

Kühn überzeichnet seine Figuren absichtlich und schafft Karikaturen. Er habe sich bewusst dafür entschieden, alle Charaktere selbst zu spielen:

«Bei einer kleinen Produktion verdiene ich zwar weniger, dafür kann ich aber bewusst Neues ausprobieren.»

Dass er Täter wie Befrager spielt, zeigt, dass es eben nicht einfach nur Schwarz und Weiss gibt. Wenn der Beamte den Sterbenden auf der Bühne unnachgiebig zu einem Geständnis zwingt, könnte der Zuschauer plötzlich mehr Sympathie für den Mörder haben. Das Ziel sei nicht, Herrmanns Tat zu verharmlosen oder zu entschuldigen, sagt Kühn. «Mich stört jedoch, dass zwei Schüsse, die zuerst durch Holz gingen, mit einem Rachefeldzug eines Säufers in Verbindung gebracht werden. Wir möchten mit dem Stück zeigen, dass es nicht so einfach ist, wie in den Artikeln beschrieben.»

Premiere, Sonntag, 6. September, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen auf www.kunsthallen-toggenburg.ch.