Wie ein Zufall zu einer Maturaarbeit zum Wattwiler Maler Willy Fries führte

Der 18-jährige Kantonsschüler Samuel Gossweiler hat sich in seiner Maturaarbeit mit der «Passion» des Wattwiler Malers Willy Fries befasst. Dieses Thema mit Bezug zum eigenen Heimatdorf hat er über Umwege gefunden.

Anina Rütsche
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Für Samuel Gossweiler ist das Archiv der Stiftung Willy Fries in Wattwil in den vergangenen Monaten zu einem Rückzugsort geworden, um sich seiner Maturaarbeit zu widmen. Im Hintergrund ist ein Ausschnitt einer «Passions»-Skizze von Willy Fries zu sehen. (Bild: Anina Rütsche)

Für Samuel Gossweiler ist das Archiv der Stiftung Willy Fries in Wattwil in den vergangenen Monaten zu einem Rückzugsort geworden, um sich seiner Maturaarbeit zu widmen. Im Hintergrund ist ein Ausschnitt einer «Passions»-Skizze von Willy Fries zu sehen. (Bild: Anina Rütsche)

Eigentlich war alles ganz anders geplant. Samuel Gossweiler, Maturand an der Kantonsschule Wattwil, wollte sich im Rahmen seines Abschlussprojekts ursprünglich mit der «Bekennenden Kirche», also mit dem Widerstand der evangelischen Kirche zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland befassen. Doch bei seinen Recherchen nach Verbindungen in die Schweiz stiess er eines Tages auf den Namen Willy Fries, und so eröffnete sich dem 18-Jährigen eine bis dahin kaum bekannte Welt.

Denn Willy Fries (1907 – 1980), seines Zeichens Kunstmaler und Autor, stammte wie er aus Wattwil, und auch in Fries’ Leben spielten Fragen zu Religion und Glauben eine bedeutende Rolle. Samuel Gossweiler ist nach wie vor verblüfft: «Von Willy Fries hatte ich schon gehört, doch ich wusste bis dahin nicht, dass dieser Mann aus meinem Heimatdorf den Kirchenkampf in Deutschland während seiner Zeit in Berlin hautnah miterlebt hatte». Willy Fries habe in den 1930er-Jahren Kontakte zu Mitgliedern der «Bekennenden Kirche» gepflegt, die ihn in seinem Wirken stark beeinflusst hätten, unter anderem in Bezug auf seinen umstrittenen Bilderzyklus «Passion», der für Widerstand, Eigenverantwortung, Schuldeingeständnis – gerade auch in der Schweiz – und den Wunsch nach Frieden steht.

Die Präsentation findet im Januar statt

So kam es, dass sich Samuel Gossweiler kurzfristig, aber vollends überzeugt einen neuen Schwerpunkt für seine Maturaarbeit bei Geschichtslehrer Anselm Zikeli setzte. Der Titel der 67 Seiten umfassenden Arbeit lautet nun: «Infame Geschichtsfälschung oder Bekenntnis? – Der Wattwiler Kunstmaler Willy Fries und seine ‹Passion›: wie sie entstand und welche Reaktionen sie in der Schweiz der Nachkriegszeit auslöste.» Die «Passion» war nämlich von politischer Seite vehement angegriffen und instrumentalisiert worden.

Hilfreich war für Samuel Gossweiler auch die Tatsache, dass sich wenige Meter von seinem Wohnort entfernt das Archiv der Stiftung Willy Fries befindet. «Dass die Antworten auf meine Fragen in so unmittelbarer Nähe liegen würden, hätte ich nie geahnt», sagt der Kantonsschüler, der in den vergangenen Monaten einen grossen Teil seiner Freizeit in die Maturaarbeit investiert hat. Momentan sei diese noch in Bewertung, im Januar werde sie aber im Rahmen der Maturaarbeitspräsentationen an der Kantonsschule Wattwil vorgestellt werden.

Im Frühjahr hat der Kantonsschüler damit begonnen, sich in sein Thema einzulesen. Unterstützt hat ihn dabei Silvan Altermatt, der Werkverantwortliche und Kurator der Stiftung Willy Fries. «Von ihm habe ich viele Quellen, Bilder und Dokumente erhalten, beispielsweise historische Zeitungsausschnitte, die ich ihm Rahmen meines Projekts sichten, ordnen und klassifizieren konnte.» Die Reaktionen in der Presse auf die «Passion» auszuwerten, sei eine Fleissarbeit, aber auch sehr spannend gewesen, sagt Samuel Gossweiler.

Eine wissenschaftliche Grundlage geschaffen

Samuel Gossweiler legt Wert darauf, dass seine Arbeit als geschichtlicher, nicht als künstlerisch orientierter Text klassifiziert wird. Sein Fazit lautet, dass die «Passion» vor allem von religiösen Kreisen verstanden und verteidigt wurde und dass sich in diesen Kreisen – angesichts der ausgewerteten Zeitungsartikel – auch eine tendenziell hohe Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Schuld in Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage im zweiten Weltkrieg ausmachen lässt. Wie die «Passion» in der breiten Bevölkerung wahrgenommen wurde, könne er mit seiner Arbeit aber nicht abschliessend beantworten.

Samuel Gossweiler ist sich bewusst, dass er mit «Infame Geschichtsfälschung oder Bekenntnis?» eine Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten über Willy Fries geschaffen hat. Dessen Schaffen sei auch aus heutiger Zeit interessant und dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Bezüglich Studienwahl ist noch alles offen

Naheliegend wäre nun, dass der 18-Jährige sich nach seiner Matura mit Schwerpunktfach Musik für ein Geschichtsstudium einschreiben würde. Bezüglich der Studienwahl hat er sich allerdings noch nicht festgelegt, das lasse er momentan offen: «Nächsten Sommer gehe ich zuerst ins Militär, und dann möchte ich einen Sprachaufenthalt machen.» Alles andere werde sich, ist Samuel Gossweiler sich sicher, «im Weiteren ergeben».