Wie die Einwohner von Wildhaus-Alt St.Johann die Zukunft der Gemeinde mitgestalten können

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann startet einen Beteiligungsprozess, um zu definieren, in welche Richtung sich die Gemeinde entwickeln soll. Gemeindepräsident Rolf Züllig erklärt, was sich der Gemeinderat davon verspricht.

Sabine Camedda
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In der Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann bekommen die Bürger und Gäste die Möglichkeit, ihre Ideen kundzutun und so die Zukunft mitzugestalten. (Bild: Martin Lendi)

In der Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann bekommen die Bürger und Gäste die Möglichkeit, ihre Ideen kundzutun und so die Zukunft mitzugestalten. (Bild: Martin Lendi)

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann lädt Bürger, Zweitwohnungsbesitzer und Feriengäste zu einem Workshop am Samstag, 9. März, ein. Dabei sollen Ideen für die Entwicklung der Dörfer und der Tourismusdestination aufgeworfen und diskutiert werden. Als Basis dafür wird derzeit mittels eines Fragebogens ein Stimmungsbarometer erstellt.

Wie sehen Sie die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann heute?

Rolf Züllig: Ich bin zufrieden, Wildhaus-Alt St.Johann geht es gut. Seit diese zusammengeschlossene Gemeinde vor zehn Jahren gestartet ist, ist sie ein Erfolgsmodell. Wir haben stets Ertragsüberschüsse produziert, nie Aufwandsüberschüsse, und wir haben notwendige Investitionen ohne Probleme tätigen und im vergangenen Jahr sogar den Steuerfuss senken können. Wildhaus-Alt St.Johann ist von einer verschuldeten Gemeinde zu einer Gemeinde geworden, die ein Pro-Kopf-Vermögen hat. Der Gemeinderat ist sich aber bewusst, dass das ein temporärer Zustand ist.

Was bedeutet das für die Arbeit des Gemeinderats?

Weil es uns gut geht, können wir uns überlegen, ob wir uns selbstzufrieden zurücklehnen oder einen Blick in die Zukunft wagen sollen. Dieser Blick zeigt eine Vielzahl an Herausforderungen. Als Berggemeinde und zugleich touristische Destination müssen wir uns zudem überlegen, wohin wir wollen. Zentrale Fragen dabei sind, welche Qualitäten wir beibehalten und bewahren wollen. Welche gemeinsamen Visionen wir für unsere Entwicklung haben.

Wie sehen Sie die Gemeinde vordergründig, das Leben in den Dörfern?

In unseren Dörfern leben wir auf einem hohen Level. Niemand muss hungern, alle haben ein Ein- und ein Auskommen. Zwar wächst der Anteil der älteren Bevölkerung ständig, aber auf der anderen Seite verzeichnen wir jährlich 25 bis 30 Geburten und wir können immer neue Klassen führen. Es stimmt aber, dass unsere Einwohner zum Pendeln gezwungen sind, dies je nach Arbeitsstelle. Aber sie werden dafür mit einer hohen Lebensqualität beim Wohnen entschädigt. Seit etwa drei Jahren stelle ich jedoch fest, dass unsere Aussenwahrnehmung durch die interne Auseinandersetzung der Bergbahnen leidet. Einige Einwohner wollen das so nicht wahrhaben, aber die Wahrnehmung entscheidet, welche Sympathien uns von aussen entgegengebracht werden.

Die Gemeinde und Toggenburg Tourismus führen nun zusammen einen öffentlichen Austausch unter dem Titel «Bewegen und Gestalten» durch. Was möchten Sie damit erreichen?

Wir hatten mit dem Masterplan, den verschiedene Interessengruppen gemeinsam erarbeitet hatten, eine gute Basis. In den letzten Jahren haben wir aber gesehen, dass Aktivitäten von Toggenburg Tourismus und von der Gemeinde nicht ungeteilt Zustimmung finden in der Bevölkerung und primär bei den Stimmberechtigten. Wir von der Gemeinde und von Toggenburg Tourismus sind der Meinung, dass wir einen minimalen Konsens darüber haben müssten, wohin wir wollen und wie unsere Zukunft aussehen soll. Darum haben wir diesen Beteiligungsprozess gestartet.

Zur Einladung haben Sie einen Fragebogen verschickt, um ein Stimmungsbarometer zu erstellen. Dabei darf jeder mitmachen?

Ja, jeder, der Interesse an unserer Gemeinde hat, soll seine Meinung äussern.

Das bedingt also nicht zwingend die Teilnahme am Informationstag?

Nein, jeder kann seine Meinung äussern, auch wenn er am 9. März nicht dabei ist. Das Stimmungsbarometer kann und soll aber nicht dazu dienen, detaillierte Aussagen zu einer Fragestellung zu machen. Es zeigt uns ein Stimmungsbild. Wenn wir also beispielsweise in einer Sparte volle Zustimmung haben, dann wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind und nichts ändern müssen. Ich gehe aber eher von einer grosse Disparität aus. Damit meine ich, dass wir bei einzelnen Aussagen sowohl volle Zustimmung als auch volle Ablehnung bekommen werden.

Was können Sie in diesem Fall machen?

Dann müssen wir dieses Thema diskutieren. Wir müssen herausfinden, wie die Erwartung der Bevölkerung ist und wie die Aktivitäten der Gemeinde wahrgenommen werden. Wenn herauskommt, dass sich die Gemeinde zu wenig engagiert, muss sich der Gemeinderat zusammen mit der Bevölkerung überlegen, was er tun soll.

In den Fragen im Stimmungsbarometer bekommt der Tourismus ein starkes Gewicht. Geht dabei der Alltag der Dorfbewohner nicht unter?

Wir haben uns die Themen sorgfältig überlegt und haben uns auf rund ein Dutzend Kernaussagen beschränkt. Es mag den Anschein haben, dass sich viele Fragen um den Tourismus drehen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass bei uns zwei von drei Franken im Tourismus verdient werden. Für Fragen zu anderen Themen wie beispielsweise zur Schule haben wir andere Plattformen.

Wie soll dieser Diskussionstag am 9. März ablaufen?

Jeder, der Lust hat, mitzureden und mitzugestalten, kann dabei sein. Wie genau wir den Tag gestalten, hängt von der Anzahl Teilnehmer ab. Es geht beim Workshop nicht darum, zu sehr in Visionen und in riesigen Projekten zu verharren oder zu überlegen, mit wem die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann in zehn Jahren fusionieren könnte. Vielmehr sollen im kleinen Bereich umsetzbare Idee und Projekte definiert werden, die sofort oder innerhalb einer vernünftigen Frist realisierbar sind. Sofern sie unsere Gemeinde voranbringen und bei den Bürgern und Gästen auf Anklang stossen.

Wer soll diese Ideen nachher umsetzen? Kommen die ins Hausaufgabenbüchlein der Gemeinde?

Die Schwierigkeit eines solchen Workshops ist, zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren zu unterscheiden. Wir möchten bereits an diesem Tag die vorgebrachten Ideen filtern und ein Stück weit priorisieren. Die Ideen können auf einer separate Website eingesehen, kommentiert und weiter entwickelt werden. Nach einer gewissen Zeit machen wir wieder ein Resümee und definieren die Verantwortlichkeiten, damit die Ideen konkret und umsetzbar werden.

Mit der Umsetzung kommt auch die Finanzierung auf den Tisch.

Die ist selbstverständlich auch Bestandteil des Prozesses.

Wenn die Gemeinde etwas finanzieren soll, braucht sie wiederum die Zustimmung des Stimmbürgers.

Das ist durchaus möglich. Aber ich glaube nicht, dass wir für jede Idee, die wir umsetzen wollen, zwingend viel Geld in die Hand nehmen müssen. Vielleicht sehen sich auch Leistungsträger in der Pflicht, etwas umzusetzen. Wenn es die Gemeinde ist, die etwas realisieren muss, können wir den Betrag ins Budget aufnehmen und beschliessen, wenn die Idee der Bevölkerung etwas bringt und die Bürgerschaft das auch will.

Sie nennen bewusst keine Ideen, um nichts vorwegzunehmen. So bleibt die ganze Idee des Beteiligungsprozesses schwammig und tönt ein bisschen nach Ratlosigkeit beim Tourismus und beim Gemeinderat. Wollen Sie am Workshop hören, dass es zu wenig Bänkli gibt?

Es werden sicher Ideen kommen wie mehr Bänkli, mehr Blumenschmuck an den Häusern oder Fackeln an einem Wanderweg im Winter. Solche Ideen wollen wir bewusst zulassen, die können wir mit wenig Aufwand realisieren. Vielleicht entsteht ja auch etwas Grosses. Es ist aber nicht so, dass der Tourismus und der Gemeinderat nicht weiter wissen. Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere spannende Sachen gehabt, aber die sind ins Stocken geraten oder haben den Goodwill in der Bevölkerung nicht gefunden. Es ist also nicht mehr als opportun, dass die Bürgerschaft die Gelegenheit bekommt, sich zu äussern. Nur darauf zu warten, dass etwas kommt und dann Daumen hoch oder Daumen runter, das geht nicht. Die Entwicklung der Gemeinde ist Aufgabe von uns allen. Wir geben den Bürgern und Gästen jetzt eine Gelegenheit und bleiben möglichst ergebnisoffen. Vorgaben sind Leitplanken, das wollen wir bewusst vermeiden.

Der Mensch hat doch immer ein Aber im Hinterkopf. Wie wollen Sie das ausblenden?

Das Aber kommt bei jedem Projekt. Was beim Einen Begeisterung auslöst, ruft beim Anderen Ablehnung hervor. Darum müssen wir Projekte haben, die mehrheitsfähig sind und die wir umsetzen können. Wir machen das, was eine Mehrheit will, solange es gesetzeskonform und moralisch vertretbar ist.

In der Einladung schreiben Sie vom «Erfolg, der einem nicht einfach in den Schoss fällt». Wie definieren Sie in diesem Zusammenhang Erfolg?

Wenn ein breiter Konsens darüber besteht, was die Gemeinde realisieren soll. Ein Misserfolg wäre, wenn sich niemand dazu äussert und abwartet, was die Gemeinde bringt, und dann Ja oder Nein sagt. Die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann ist ein Lebensraum, der als Berggebiet gegenüber anderen Räumen gewisse negative Einflüsse akzeptieren muss. Unser Leben wird in vieler Hinsicht von aussen bestimmt. Wir können nicht ausbrechen und eine eigene Republik ausrufen. Aber wir können selber bestimmen, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen, mit all den Einschränkungen, die wir haben.

Wie wäre das Ideal? Wie sehen Sie die Gemeinde in zehn Jahren?

Genau dazu will ich mich jetzt nicht äussern. Es sollen ja vor dem Workshop keine Vorgaben entstehen. Wir sind ergebnisoffen und jeder soll seine Vorstellung dazu kundtun. Aber alle Ideen müssen am Ende mehrheitsfähig sein, sonst können wir sie nicht umsetzen.

Hinweis

Der öffentliche Austausch unter dem Titel «Bewegen und Gestalten in Wildhaus-Alt St.Johann findet am Samstag, 9. März, von 9 bis 16 Uhr in der Tennis- und Eventhalle Unterwasser statt. Die Organisatoren bitten die Teilnehmer, möglichst mit dem öffentlichen Verkehr anzureisen. Anmeldeschluss ist am 28. Februar.
www.bewegen-gestalten.ch