Wie dem «Rössli» neues Leben eingehaucht wurde: Dokumentarfilm im Kino Passerelle in Wattwil zeigt den steinernen Weg heutiger Beizen

Der neue Film von Erich Langjahr und Silvia Haselbeck thematisiert das Beizensterben. Auch das Toggenburg ist davon betroffen.

Julia Engel
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Peter Bötschi, Erich Langjahr und Silvia Haselbeck (von links) diskutieren im Kino Passerelle über das Beizensterben. (Bild: Julia Engel)

Peter Bötschi, Erich Langjahr und Silvia Haselbeck (von links) diskutieren im Kino Passerelle über das Beizensterben. (Bild: Julia Engel)

Was die Restaurants Toggenburg in Wattwil, Steigrüthi in Lichtensteig und viele weitere im Toggenburg gemeinsam haben? Sie wurden verlassen und haben mit ihren Besitzerinnen und Besitzern auch ihre Seele verloren. Sie sind Beispiele des Beizensterbens.

Das gleiche Schicksal erlitt das Restaurant Rössli in Root im Kanton Luzern. Doch dieses wurde renoviert. Erich Langjahr und Silvia Haselbeck begleiteten die Renovation des ehemaligen Dorfzentrums mit der Kamera. Am Dienstag waren sie im Kino Passerelle zu Besuch, um mit den Leuten aus dem Toggenburg über das auch hier aktuelle Thema zu diskutieren.

Treffen der Urgesteine des Kinos und Films

Als Treffen der Urgesteine des Kinos und Films bezeichnete Peter Bötschi, Geschäftsführer des Kinos Passerelle, den Besuch Erich Langjahrs und Silvia Haselbecks am Dienstagabend. Alle Filme Langjahrs wurden bisher im Passerelle gezeigt, so auch der neue Film «Das Rössli, die Seele eines Dorfes». Denn, so Bötschi:

«Tote Rössli gibt es in jeder Gegend. Manchmal heissen sie einfach Hirschen oder Leuen.»

Als Vorfilm wurde das Werk «Do It Yourself» von Langjahr aus dem Jahr 1982 gespielt. Dabei geht es um eine ehemalige Müllhalde, die sich direkt hinter dem Gasthaus namens «Rössli» befand. Bis im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts wurden dort Unmengen an alten Fernsehern und weiteren Geräten verbrannt. Grund dafür waren die neuen Farbfernseher, weshalb die bisher genutzten Schwarz-Weiss-Bildschirme keinen Gebrauch mehr fanden. Die Transformation hin zur «Wegwerfgesellschaft» war schon damals in vollem Gange.

Das Thema des Wandels zieht sich auch durch den Hauptfilm Langjahrs, genauso wie das «Rössli» darin vorkommt. Über fünf Jahre hinweg begleiteten Langjahr und Hanselbeck, die in Root wohnhaft sind, das Bauprojekt. So wie sich die Fernseher veränderten, tun dies auch die ländlichen Gasthäuser. Einst war das «Rössli» der Dorfmittelpunkt, wie eine aus Root angereiste Zuschauerin erzählt:

«Wollte man etwas erleben, ging man ins Rössli.»

Der Film erzählt die Geschichte einer Wirtschaft, die 1751 erbaut wurde und sich rasch zum Dorfzentrum entwickelte sowie zur Identität der Einheimischen gehörte. 242 Jahre lang bewirtschaftete die Familie Petermann das Gasthaus, bis es in den 90er-Jahren dem Niedergang geweiht war. Als der Anbau abgerissen wurde, konnte das barocke Bauernhaus «Rössli» selbst im Jahr 1998 nur dank dem Denkmalschutz vor dem Abriss bewahrt werden. Nachdem es lange leer stand und mit Begriffen wie «Schandfleck» oder «Geisterhaus» beschrieben wurde, investierte die Stiftung Abendrot 12 Millionen Franken in die Renovierung des «Rösslis» und den Neubau des Anbaus.

Dokumentarfilm und Einblick in den Bau zugleich

Neben der Geschichte des «Rösslis» gewährt der Film einen Einblick hinter die Kulissen des Baus, der 2014 begann. «Ich wollte schon immer einen Film über eine Baustelle drehen», sagt Langjahr dazu. Fast alle am Bau beteiligten Leute wurden mit der Kamera begleitet, wodurch diese ein Gesicht bekamen. Auffallend sind dabei die unterschiedlichen Herkünfte aus ganz Europa, passend zum Thema des Wandels.

Seit April dieses Jahres ist das Gasthaus wieder in Betrieb, neu unter dem Namen «Rössli hü». Nun müsse sich eine neue Seele bilden, so Haselbeck. Was mit den «Rössli» in anderen Ortschaften passiert, dürfte in Zukunft noch für Gesprächsstoff sorgen. Klar ist, dass der Kulturwandel weitergehen wird.