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Wetterkapriolen, politische Konflikte und Tintenrezepte: Was das 200-jährige Tagebuch eines Toggenburger Bauern verrät

Der Bauer und Amtmann Niklaus Feurer hat vor über 200 Jahren in seinem Tagebuch Wetterkapriolen und Hungersnöte festgehalten.
Fabian Brändle
Fein säuberlich berichtete Niklaus Feurer in seinem Tagebuch über das Toggenburger Geschehen. (Bild: PD)

Fein säuberlich berichtete Niklaus Feurer in seinem Tagebuch über das Toggenburger Geschehen. (Bild: PD)

Wer glaubt, dass vor 200 Jahren nur Gelehrte und Mächtige des Schreibens und Lesens kundig waren, sieht sich getäuscht. Auch eine Minderheit von Handwerkern und Bauern beherrschte diese Kunst. Das Schulwesen war zwar noch lange nicht perfekt, führte aber doch in die Anfangsgründe der Alphabetisierung ein.

Ein Beispiel dafür ist der reformierte Alt St.Johanner Bauer und Amtmann Niklaus Feurer, der um das Jahr 1800 herum ein Tagebuch führte und darin Tintenrezepte, Wetterabnormitäten, aber auch Beschreibungen von Teuerungen und politischen Konflikten aufschrieb. Es wird im Archiv des Toggenburger Museums in Lichtensteig aufbewahrt.

Dem Wetter galt seine Hauptsorge

Niklaus Feurer führte sein Tagebuch von den 1770er-Jahren bis zum Jahr 1817. Er hielt seine jährlichen Einträge knapp, indem er sich meist auf ein paar Sätze beschränkte. Inmitten des Tagebuchs finden sich diverse Tintenrezepte, die Feurer teilweise von Freunden mitgeteilt wurden. Tinte war teuer, aber unerlässlich zum Schreiben – auch für den Bauernstand, der so manches Geschäft schriftlich abzuwickeln hatte.

Als Bauer war Niklaus Feurer vom Wetter abhängig. Ihm gilt seine Hauptsorge. Nur gutes Wetter versprach eine ausreichende Ernte Heu. In der von ihm beschriebenen Zeitspanne machte das Wetter viele Kapriolen, war mal zu heiss und zu trocken, sodass das Gras verdorrte, mal zu nass und zu kalt. Brachte der Winter zu viel Schnee, bedrohten Lawinen Vieh und Mensch. Manchmal gab es im Winter auch Wärmeeinbrüche. Dann marschierten einige Alt St.Johanner barfuss auf die Alp, um die abnorme Wärme sinnfällig zu machen. Folgten mehrere schlechte Sommer hintereinander, drohte eine Hungersnot, wie in den Jahren 1770/71, als sich die Lebensmittel extrem verteuerten. Feurer führte die Nahrungsmittelpreise an und hielt somit fest, was die Menschen an Leib und Leben bedrohte.

Kornreserven für die reformierten Toggenburger

Es war der weisen Voraussicht Fürstabts Beda (des Gütigen) zu verdanken, dass die Hungersnot von 1770/71 nicht mehr Menschenleben forderte. Fürstabt Beda Angehrn hatte nämlich Kornreserven anlegen lassen, die er nun auch an die reformierten Toggenburger zu einem vernünftigen Preis verteilen liess. Besonders betroffen von der Krise waren übrigens die zahlreichen Heimweber in der Textilindustrie. Sie verfügten in der Regel nur über einen kleinen «Pflanzblätz», wo sie ein paar Kartoffeln und Gemüse anbauten. Ihre Reserven waren schnell verbraucht.

«Hungernde Familie, der Tod im Rücken»: ein Ausschnitt aus einem Gedenkblatt zur Hungersnot 1816/1817, im Besitz des Toggenburger Museums. (Bild: PD)

«Hungernde Familie, der Tod im Rücken»: ein Ausschnitt aus einem Gedenkblatt zur Hungersnot 1816/1817, im Besitz des Toggenburger Museums. (Bild: PD)

Dies zeigte sich besonders dramatisch bei der Hungersnot von 1816/1817, dem «grossen Sterben», bei dem Hunderte, ja wohl Tausende von Toggenburgerinnen und Toggenburgern verhungerten. Die neue Obrigkeit hatte anders als der Fürstabt kaum interveniert und zeigte sich zu passiv. Den Armenbehörden ging das Geld aus. Suppenküchen standen nur wenige zur Verfügung. Es spielten sich traurige Szenen ab. Viele Einheimische entgingen dem Tod auch durch Auswanderung.

Weniger Politik, mehr Religion

Die Politik kommt in Niklaus Feurers Aufzeichnungen seltener vor. Napoleon erwähnte der Bauer beispielsweise mit keinem Wort. Der Rede wert waren ihm die unruhigen «Freygemeinden» der 1790er-Jahre sowie die Landsgemeinde von 1798, anlässlich der sich das Toggenburg vom Fürstabt lossagte. Gerüchte machten die Runde. Mehr als einmal bewaffnete sich das Volk mit Degen, Knüppeln oder Haagstecken.

Immer wieder ein Thema war die Religion. Reformierte und Katholiken konnten ihr Misstrauen zueinander grundsätzlich nicht beilegen. Die Obertoggenburger Katholiken, in einer klaren Minderheitsposition, fühlten sich oft an die Wand gedrängt und beharrten auf dem alten Grundsatz der Parität, wenn es beispielsweise um die Verteilung von Posten ging. So hiessen manche Katholiken die österreichischen Truppen willkommen und sehnten sich nach dem alten fürstäbtischen Staat zurück.

Bemerkenswert sind Details, die Feurer erwähnt. So berichtete er von zwei Walenstadtern, die nach Alt St.Johann kamen, um Medikamente abzuholen. Hatten Obertoggenburger Ärzte einen besonders guten Ruf? Als der reformierte Pfarrer von Alt St.Johann, Johann Melchior Bösch, nach 44 Jahren Dienstzeit verstarb, notierte Feurer die Anzahl Taufen (1050), Beerdigungen und Eheschliessungen (239), die er vorgenommen hatte. Ein Pfarrer stand unter der Beobachtung des Dorfs, seine Amtshandlungen wurden beäugt und offenbar statistisch genau erfasst.

Eine interessante Quelle für Historiker

Feurers Tagebuch ist eine hochinteressante Quelle für das Toggenburg um 1800, eine politische Umbruchzeit. Die Aufzeichnungen bringen aber auch den Sozialhistoriker weiter, der Aufschlüsse erhält über Krisenzeiten und Hungersnöte. Von unschätzbarem Wert aber ist die Quelle für Klimahistoriker, die sich ein Bild machen können über die Wetterkapriolen, die das Obertoggenburg in jenen Jahrzehnten in Atem hielten.

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