«Wer als Pädagogin viel investiert, bekommt viel zurück»

Als schulische Heilpädagogin an der Oberstufe in Nesslau arbeitete Heidi Mettler mehr als 20 Jahre lang mit Jugendlichen mit besonderen Lernbedürfnissen. Ein «Schoggijob», findet sie. Am Donnerstag wurde sie in die Pension verabschiedet.

Sabine Camedda
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An ihrem letzten «Schultag» ging Heidi Mettlers Wunsch in Erfüllung: Sie durfte für den Weg vom Bahnhof ins Oberstufenschulhaus Büelen auf dem Hornschlitten Platz nehmen. (Bild: Sabine Camedda)

An ihrem letzten «Schultag» ging Heidi Mettlers Wunsch in Erfüllung: Sie durfte für den Weg vom Bahnhof ins Oberstufenschulhaus Büelen auf dem Hornschlitten Platz nehmen. (Bild: Sabine Camedda)

Ende Woche will er in Pension gehen, der Nesslauer Oberstufenschüler. «Wenn Sie, Frau Mettler, nicht mehr zur Schule kommen, komme ich auch nicht mehr.» Die angesprochene Lehrerin und schulische Heilpädagogin Heidi Mettler erzählt diese Anekdote und lacht. Es ist nur eine der Geschichten im Lauf des Gesprächs, die das sehr gute Verhältnis von Heidi Mettler zu ihren Schülern beweisen.

Mehr als 25 Jahre lang ist Heidi Mettler in der Oberstufe Nesslau ein und aus gegangen. Die letzten 14 Jahre pendelte sie von St. Gallen mit dem Zug ins Obertoggenburg. «Ich beobachte sehr viel auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Schulhaus», sagt sie. Wer mit wem spricht und wer wie motiviert scheint, sind nur zwei Beobachtungen.

Sie sieht noch einen weiteren Vorteil in ihrem Wohnort: «Seit ich in die Stadt gezügelt bin, habe ich ein unverkrampftes Verhältnis zu den Toggenburgern.» Sie habe während ihrer ganzen Laufbahn viel Unterstützung von der Schule erhalten. Das war auch nötig, denn als schulische Heilpädagogin arbeitet sie mit Jugendlichen mit besonderen Lernbedürfnissen und baute einen Lehrlingsunterricht auf. Dabei musste sie oftmals mit dem Pensum jonglieren, sagt sie. Die Schulpräsidenten und die Schulräte hätten sie aber unterstützt und auch einmal ein zwei Zusatzlektionen bewilligt.

«Ich wurde von allen geschätzt»

Heidi Mettler sieht sich in einer privilegierten Position. Sie spricht sogar von einem «Schoggijob», weil sie von sehr vielen positive Rückmeldungen erhalte. Zuerst von den Schülern, weil sie die Möglichkeit habe, sich Zeit für sie zu nehmen und mit ihnen den Stoff in ihrem Tempo durchzunehmen.

Dies wiederum entlastet die Lehrpersonen, die für die ganze Klasse zuständig sind und in einer integrativen Klasse auch mit lernschwachen Kindern arbeiten müssen. Die Eltern letztlich finden die Unterstützung von Heidi Mettler wertvoll, weil ihre Kinder dank dieser Unterstützung ihre Schulzeit in der Normalschule doch noch erfolgreich hinter sich bringen und ihnen der Weg in die Arbeitswelt offen steht.

Mit Beziehungen die Jugendlichen bestärken

«Ich bin mir bewusst, dass die Gewerbeschule für einige der geförderten Kinder eine hohe Hürde darstellt. Für sie bieten wir den Lehrlingsunterricht an», erklärt Heidi Mettler. Ihrer Ansicht nach hört eine gute Schule erst beim ersten Berufsausweis auf und nicht vorher.

«Mit der Beziehung, die ich zu den Jugendlichen in der Oberstufenschulzeit aufbaue, kann ich viele von ihnen bestärken.»

Unzählige Male haben es ihr die Jugendlichen verdankt. Ein Highlight sei gewesen, als einer aus dem Förderunterricht nach einer EBA-Ausbildung noch eine EFZ-Ausbildung anhängen konnte. «Ich habe viel investiert und auch viel zurück bekommen», findet Heidi Mettler. Die Motivation für die Jugendlichen sei in Nesslau gegeben. «Hier gilt die Arbeit sehr viel. Die Jugendlichen wissen, dass ein gutes Leben viel Geld kostet. Dafür brauchen sie eine gute Arbeitsstelle und die gibt es nur mit einer guten Ausbildung. Also legen sie sich ins Zeug.»

Heidi Mettler war aber auch bereit, alles für «ihre» Schüler zu geben. Weil die Kleinklasse in Ebnat-Kappel 1995 aufgelöst wurde, fanden sich in der Realschule alle wieder, vom normal begabten Kind bis zum lernbehinderten. Ihre Furchtlosigkeit und ihr Idealismus waren wichtig beim Führen von schwierigen Gesprächen mit Jugendlichen, Eltern und Behörden. Mit guter Kommunikation kamen viele Vertrauensverhältnisse zustande, die Voraussetzung für eine gute Förderung sind. «Mit der Zeit habe ich mir in Nesslau einen guten Ruf unter den Lehrpersonen, den Eltern und den Lehrmeistern geschaffen», sagt sie.

Oftmals habe sie ein Kind bestärkt, an es geglaubt. «Und wenn ich davon überzeugt war, dass ein Jugendlicher es schafft, hat er das auch geglaubt und die meisten Ziele erreicht. Es sei streng gewesen, als vierfache Mutter mit 37 Jahren Heilpädagogik zu studieren. Der Weg sei aber richtig gewesen. Nicht nur, weil sie für das Einkommen der Familie schauen musste. Sondern auch, weil sie ihre Aufgabe gern gemacht hat. «Ich fühle mich privilegiert, wenn ich auf meine Arbeitsjahre zurückschaue», zieht sie Bilanz.

Zuerst schauen, was zu ihr passt

Heidi Mettler wollte an Ende des vergangenen Schuljahrs aufhören. Weil aber die Nachfolge nicht geregelt werden konnte, hat sie noch ein Semester angehängt. Konkrete Pläne für die Zeit nach ihrer Pensionierung hat sie nicht. «Ich will mir die Zeit nicht schon füllen und zuerst schauen, was zu mir passt», sagt sie. Sicher werde sie öfter zu ihren Töchtern und den Enkelkindern reisen, die in Berlin leben. Und für einen Kurs hat sie sich angemeldet. Er trägt den Titel «Das Beste kommt noch».