Wer Talente aufnimmt, zahlt drauf: Die vom Kanton festgelegten Schulgelder reichen in der Region Wil-Toggenburg kaum

Der Kanton legt fest, wie viel abgebende Gemeinden für Schüler zahlen müssen, die eine Talentschule in einer anderen Gemeinde besuchen. Die Kosten sind damit in den meisten Fällen nicht gedeckt.

David Grob und Dinah Hauser
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Begabte Jugendliche werden im Kanton St.Gallen in Talentschulen gefördert.

Begabte Jugendliche werden im Kanton St.Gallen in Talentschulen gefördert.

Bild: Michel Canonica

Ob Wil, Nesslau, Jonschwil- Schwarzenbach oder St.Gallen: Alle Schulgemeinden betreiben Talentschulen, alle fördern Schüler mit speziellen Talenten in Sport, Musik oder Kunst – und fast alle zahlen drauf, wenn sie einen Talentschüler aus einer anderen Gemeinde aufnehmen.

Ein fiktives Beispiel: Kevin B., 15, aus Nesslau, ist ein talentierter Nachwuchsskifahrer und besucht die Talentschule in Nesslau. Für ihn wendet die Schulgemeinde jährlich mindestens 21'000 Franken auf. Seine Klassenkollegin Fatima Ö., auch 15, talentierte Skispringerin, aus Wildhaus, wird in ihrer Sportart in Nesslau ebenfalls spezifisch gefördert. Für sie erhält die Schulgemeinde Nesslau von der Wohnortgemeinde Wildhaus jedoch nur 11'000 Franken. Die effektiven Kosten sind damit nicht gedeckt.

Der Grund für die Unterschiede sind die kantonalen Regelungen aus dem Sommer 2018. Damals legte der Regierungsrat die Tarife für Talentschüler fest: 15'000 Franken für ein Talent im Bereich Kunst und 11'000 Franken für ein Talent im Sport. Die Differenz zwischen den festgelegten Tarifen und den tatsächlichen Kosten führte in der Stadt St.Gallen zu einem Konflikt, den das Bundesgericht schliesslich lösen musste (siehe Kasten).

St.Gallen blitzt vor Gericht ab

Die St.Galler Kantonsregierung legte im Sommer 2018 fest, dass Schulgemeinden, die eine Schülerin oder einen Schüler auswärts an eine Talentschule abgeben, der Trägergemeinde 11'000 Franken für ein Talent im Sport und 15'000 Franken für ein Talent in der Kunst bezahlen müssen, sofern die Talente in gemischten Klassen mit anderen Schülerinnen und Schülern unterrichtet werden. 19'000 Franken beträgt das Schulgeld, wenn Begabte in einer reinen Talentklasse beschult werden. Für einen auswärtigen Schüler ohne Talentstatus darf die Stadt aber die effektiven Schulkosten verlangen.

Die Beiträge für auswärtige Talentschüler liegen unter den Vollkosten, wie auch die Nachfrage bei den regionalen Talentschulen zeigt. Die Differenz müsste also die Gemeinde stemmen, in der die Talentschule liegt. Die Stadt St. Gallen, welche eine Talentschule mit über 100 Jugendlichen betreibt, reichte daher Beschwerde beim Bundesgericht ein – vergeblich. Das Urteil vom Dezember hält fest, dass es der Stadt St. Gallen nicht mehr möglich ist, den Differenzbetrag, soweit er den üblichen Volksschulunterricht betrifft, bei den Eltern der Talentschüler einzufordern.

Das Bundesgericht führt aber auch aus, dass die st.-gallische Regelung keine Vorgaben macht bezüglich der Frage, ob die Trägergemeinde einer Talentschule von Dritten den Differenzbetrag erheben darf und wer für einen solchen Differenzbetrag aufzukommen hat. Als mögliche Zahler nennen die Richter in Lausanne etwa den Kanton, die Trägerschaft der
Talentschule, Sportverbände oder anderweitige Förderinstitutionen. (dh)

Nesslau schluckt die bittere Pille

Hansjörg Huser, Schulratspräsident Nesslau

Hansjörg Huser, Schulratspräsident Nesslau

Bild: PD

Acht Sporttalente fördert die Oberstufe Nesslau zurzeit. Drei davon stammen aus anderen Gemeinden. Kostenpunkt: Über 30'000 Franken, welche die Schulgemeinde aus dem eigenen Budgetposten bezahlt. Und damit indirekt der Nesslauer Steuerzahler. Die Kosten dürften gar noch höher sein, schätzt Nesslaus Schulratspräsident Hansjörg Huser. Denn seine Gemeinde biete noch eine zusätzliche Hausaufgabenhilfe und einen Sportkoordinator an. Budgetposten, die ohnehin aus dem eigenen Sack bezahlt werden. «Die momentane Situation ist problematisch», findet Huser.

«Der Kanton müsste seine Tarife hinterfragen und anpassen.»

Die Gemeinde habe mehrfach das Gespräch mit dem Kanton gesucht. Vergeblich. Also schluckte die Gemeinde die bittere Pille. «Wir wollen sportliche Talente fördern – auch wenn wir zu viel zahlen», sagt Huser.

In Wil reicht das Geld mit reinen Talentklassen

In Wil ist die Sporttalentschule an die Oberstufe Lindenhof angegliedert, der Unterricht findet aber in reinen Talentklassen statt. Dafür bezahlen die Wohngemeinden auswärtige Schüler 19'000 Franken pro Jahr, was dem vom Kanton festgelegten Betrag entspricht. Zum Vergleich: Für das laufende Schuljahr kostet die Beschulung eines regulären Oberstufenschülers in der Stadt Wil 19'200 Franken und ist somit bereits höher als der Betrag für auswärtige Talentschüler. Die Sportschule unterrichtet derzeit 48 Schüler, nur zehn davon stammen aus der Stadt. Trotzdem sagt Andres Ulmann, Departementsleiter Bildung und Sport:

«Das Schulgeld reicht über das Ganze gesehen aus.»

Er begründet dies damit, dass in anderen Schulen Talente in Regelklassen integriert werden und die festgelegten Beiträge tiefer sind.

Das Bundesgerichtsurteil stellt aber auch fest, dass es im Kanton keine Regelung gibt, ob eine Talentschule den Differenzbetrag von Dritten erheben darf. Ulmann sagt dazu, das Schulgeld soll kostendeckend sein.

«Von den Schulträgern zu verlangen, Defizite durch Dritte abzudecken, können wir nicht unterstützen und ist auch systemfremd.»

In Jonschwil nur mit Mischrechnung

Thomas Plattner, Schulleiter Degenau

Thomas Plattner, Schulleiter Degenau

Bild: PD

Auch in der Gemeinde Jonschwil-Schwarzenbach deckt der Betrag von 15'000 Franken für Musiktalente die Vollkosten nicht. «Es braucht eine Mischrechnung, um die Kosten im Griff zu halten», sagt Schulleiter Thomas Plattner. Derzeit sind an der Oberstufe Degenau sechs Talente in Regelklassen integriert. Die zusätzlichen Theorielektionen fänden entsprechend der Jahrgangsstufe statt. Je weniger Jugendliche sich pro Jahrgang qualifizieren, desto höher sind auch die Kosten für den Einzelnen.

Plattner steht hinter der Talentförderung. «Bei vielen Jugendlichen fehlt es an einer aktiven Freizeitgestaltung», sagt er. In einer Talentschule lernten sie, fokussiert auf ein Ziel hin zu arbeiten. «Diese erlernte Eigenschaft hilft ihnen auch im weiteren Leben.»

Er könne nachvollziehen, dass Schulen mit Vollkosten rechnen wollen. «Andererseits schafft das Urteil auch definitiv Klarheit; ein Wildwuchs im Kanton wäre schliesslich auch nicht zielführend.» Für den Schulleiter ist jedoch wichtig:

«Die Kosten alleine dürfen für eine derart sinnvolle Förderung letztendlich nicht über dem Nutzen stehen.»