«Wenn Schliessung, dann in Wil!» – das Toggenburg kämpft weiter für sein Spital

Die Spitaldebatte nimmt wieder Fahrt auf. Der Förderverein Regionalspital Toggenburg Wattwil fasste an seiner Mitgliederversammlung seine Argumente noch einmal zusammen. Am wichtigsten bleibt: Kein Verzicht auf ein stationäres Angebot.

Ruben Schönenberger
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Der – wegen des Schutz vor dem Coronavirus mit viel Abstand gestuhlte «Thurpark» – war gut gefüllt. An der öffentlichen Mitgliederversammlung referierten Präsident Alois Gunzenreiner und der Präsident des Toggenburger Ärztevereins (stehend).

Der – wegen des Schutz vor dem Coronavirus mit viel Abstand gestuhlte «Thurpark» – war gut gefüllt. An der öffentlichen Mitgliederversammlung referierten Präsident Alois Gunzenreiner und der Präsident des Toggenburger Ärztevereins (stehend).

Bild: Ruben Schönenberger (Wattwil, 17. Juni 2020)

Die St.Galler Spitaldebatte war coronabedingt etwas eingeschlafen. Das Virus hat zwar Gesundheitsfragen in den Vordergrund gerückt, aber solche anderer Art. Die Besprechung der Spitalvorlage im Kantonsrat wurde gar vertagt. Statt im Frühling soll das Geschäft in der Septembersession behandelt werden.

Darum geht's: 4plus5 – Vier Spitäler und fünf GNZ

Der Kanton St.Gallen will seine Spitallandschaft reformieren. Statt der heute neun Spitäler soll es nur noch vier geben. An den fünf von einer Schliessung betroffenen Standorten sollen sogenannte Gesundheits- und Notfallzentren entstehen. In Wattwil plant die Regierung zudem ein Kompetenzzentrum für die spezialisierte Pflege, das von der Solviva AG betrieben werden soll. Diese soll auch den bereits fertiggestellten Neubau übernehmen. (rus)

Nicht eingeschlafen scheint aber der Toggenburger Widerstand gegen die Pläne der Regierung. An der öffentlichen Mitgliederversammlung des Fördervereins Regionalspital Toggenburg Wattwil vom Mittwochabend nahmen rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teil. Mehr, als selbst die Verantwortlichen erwartet hatten.

Verein sucht einen Kassier

Der statutarische Teil der Mitgliederversammlung des Fördervereins Regionalspital Toggenburg Wattwil verlief ohne Aufreger. Der Verein erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr ein Minus von rund 4500 Franken. Dieses wurde zum letzten Mal von Christian Hildebrand in der Buchhaltung festgehalten, der als Kassier zurücktrat. Nach seinem Nachfolger wird noch gesucht. (rus)

Argumente noch einmal geschärft

Alois Gunzenreiner, Präsident des Fördervereins Regionalspital Toggenburg Wattwil.

Alois Gunzenreiner, Präsident des Fördervereins Regionalspital Toggenburg Wattwil.

Bild: Benjamin Manser (Wattwil, 17. Mai 2019)

Inhaltlich blieben sich die Verantwortlichen und wohl auch die anwesenden Mitglieder und Gäste über die Coronapause treu. Wenn überhaupt, dann wurden die Kritik und die Forderungen noch mal etwas geschärft. Die bisher von einer Gruppe um den SVP-Kantonsrat Ivan Louis vorgebrachte Forderung, anstelle des Spitals Wattwil jenes in Wil zu schliessen, ist jetzt auch die offizielle Forderung des Fördervereins; leicht abgeschwächt. «Wenn Schliessung, dann in Wil!», forderte Alois Gunzenreiner in seinem Jahresbericht. Der Wattwiler Gemeindepräsident steht auch dem Förderverein vor.

Die Gründe, die Gunzenreiner dafür vorbrachte, sind bekannt. Da ist zum einen die von der Regierung angedachte Lösung mit der Solviva AG, die am Standort Wattwil zusätzlich zum Gesundheits- und Notfallzentrum spezialisierte Pflege anbieten will. Man habe zwar nichts gegen dieses Angebot, aber es sei kein Ersatz. «Pflege ist keine Medizin», sagte Gunzenreiner. Zumal die Firma den Neubau für mutmasslich bloss 10 Millionen Franken kaufen könne und danach sogar einzelne Teile an den Kanton zurück vermieten würde.

Keine «Vernichtung von Volksvermögen»

Die 60 Millionen Franken, die am Standort Wattwil bereits verbaut wurden, werden aus der Bilanz des Kantons gestrichen. Auch gegen diese «Vernichtung von Volksvermögen» setzt sich der Förderverein zur Wehr. Das sei insofern besonders störend, weil in Wil später 170 Millionen Franken investiert werden sollen. Dabei sei die Achse Rorschach-Wil sowieso schon überversorgt.

Zudem wurde auch die geografische und topografische Lage des Toggenburgs noch einmal etwas genauer aufgezeigt. Bei einem Wegfall des Spitals Wattwil sei die Versorgung gefährdet. Aus dem ganzen Gebiet Nesslau-Neu St.Johann-Krummenau sei beispielsweise ausser dem Spital Wattwil kein Spital innert 30 Minuten erreichbar.

Das ganze Tal droht abgehängt zu werden

Uwe Hauswirth, Präsident des Toggenburger Ärztevereins.

Uwe Hauswirth, Präsident des Toggenburger Ärztevereins.

Bild: Ruben Schönenberger (Wattwil, 11. November 2019)

Wer das zumutbar finde, wohne selbst meist in gut erschlossenen Gebieten, sagte Uwe Hauswirth. Der Präsident des Toggenburger Ärztevereins (TÄV) ging zudem auf mögliche weitere Entwicklungen ein: Würde die Konzentration im Spitalwesen dereinst weitergehen und die Standorte weiter reduziert werden, drohe das ganze Gebiet zwischen Bütschwil und Wildhaus abgehängt zu werden. Aus dem Toggenburg wäre man dann an vielen Orten bis zu 50 Minuten von einem Spital entfernt.

In Bezug auf die Versorgung thematisierte Hauswirth auch die Ärztedichte. Heute seien 28 Hausärzte für rund 37'000 Einwohnerinnen und Einwohner zuständig – Kirchberg gehört versorgungstechnisch nicht zur Region Toggenburg. Doch aus Altersgründen fallen in den nächsten Jahren 1600 Stellenprozente weg. Eine Studie der KMPG geht allerdings davon aus, dass ab 2028 für die Region Toggenburg 53 Hausärzte nötig wären. Dann habe man also noch rund zehn Hausärzte und kein Spital. Hauswirth fragt deshalb:

«Wie soll das dann mit dem Notfall funktionieren? Das überlegt sich der Kanton offenbar nicht.»

Damit sich mehr Ärztinnen und Ärzte in der Region niederlassen, spiele das Spital Wattwil eine entscheidende Rolle. Von den heute 28 Hausärzten hätten 15 eine Ausbildung an einem Landspital absolviert, davon wiederum etwa die Hälfte am Spital Wattwil. Wer eine Region in der Ausbildung kennenlerne, bleibe eher in der Region. Die Nachwuchsförderung brauche darum Ausbildungsplätze. Und wenn dadurch viele Ärztinnen und Ärzte in der Region blieben, fördere das auch die Attraktivität der Region als Wohn- und Tourismusregion.

Kann das Spital Wattwil gerettet werden?

Kann das Spital Wattwil gerettet werden?

Bild: Ruben Schönenberger (Wattwil, 24. Oktober 2019)

Ohne Spital sieht der TÄV die medizinische Versorgung der Region gefährdet. «Grund- und Notfallversorgung ist nur mit einem Spital möglich», sagte Hauswirth. Auch der TÄV fordert deshalb den Erhalt des Einspartenspitals. Hauswirth sprach sich auf eine Frage aus dem Publikum auch explizit gegen den Standort Wil aus. Er sagte:

«Wil fällt sowieso.»

Gerade wenn die interkantonale Zusammenarbeit angegangen wird, sei Wil nicht nötig.

Forderungen von allen Seiten

Bis es allenfalls soweit kommt, steht erst die Behandlung in der Septembersession des Kantonsrat bevor. Und danach kommt es zu Abstimmungen. Einige obligatorisch, einige fakultativ. In der abschliessenden Fragerunde kam es deshalb gleich zu mehreren Forderungen. Kantonsrat Christoph Thurnherr forderte die Bürgerinnen und Bürger auf, mit anderen zu diskutieren und sie aufzuklären. Der Wattwiler Schulratspräsident Norbert Stieger forderte wiederum den Kantonsrat auf, aufzuzeigen, was hier ablaufe.

Alois Gunzenreiner sagte schliesslich, dass die fakultativen Referenden erst ergriffen werden müssten. Und gleich an mehreren Tischen wurde dann über Solidarität, über Demonstrationen «wie damals» gesprochen. Dem Toggenburg steht ein heisser Spitalherbst bevor.

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