Interview

Wenn Druck das Leben der Lehrpersonen beeinflusst

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind vor Stressfaktoren nicht gefeit – dazu zählen auch Lehrkräfte. Orlando Simeon, Kirchberger Schulpräsident, erklärt, wie die Situation gehandhabt wird, wenn Lehrkräfte «am Anschlag» laufen.

Interview: Beat Lanzendorfer
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Wenn Lehrkräfte an ihre Belastungsgrenzen stossen, können sie intern das Hilfsangebot der Schulleitungen, des Schulrats, der Verwaltung oder der Schulsozialarbeit in Anspruch nehmen. (Symbolbild: Benjamin Manser)

Wenn Lehrkräfte an ihre Belastungsgrenzen stossen, können sie intern das Hilfsangebot der Schulleitungen, des Schulrats, der Verwaltung oder der Schulsozialarbeit in Anspruch nehmen. (Symbolbild: Benjamin Manser)

Orlando Simeon, in der Gesellschaft wird häufig von einem Burnout gesprochen, wenn jemand ein sogenanntes Erschöpfungs-Syndrom erleidet. Kennen Sie dies an Ihrer Schule auch?

Selten, dass es aber bei den Lehrpersonen eine Dunkelziffer gibt, welche an einem Erschöpfungszustand leiden, möchte ich nicht ausschliessen. Es gibt ja nicht nur «Burnout» oder «nicht Burnout», da gibt es viele Zwischenstadien.

Was sind die Gründe, weshalb Lehrkräfte ein Burnout erleiden?

Die Gründe sind unterschiedlich. Wenn die Ansprüche an die eigene Arbeit nicht mehr erfüllt werden können, die Abgrenzung von der Schule auf das Privatleben nicht mehr gelingt und die Lehrperson am Feierabend nicht abschalten kann. Grundsätzlich ist ein Burnout aber nicht ein Problem, welches speziell in der Schule auftritt. Ein Burnout unterscheidet nicht zwischen den Berufsgattungen.

Orlando Simeon, Kirchberger Schulpräsident. (Bild: PD)

Orlando Simeon, Kirchberger Schulpräsident. (Bild: PD)

Aber haben die Lehrkräfte heute einen grösseren Stress als noch vor zehn, zwanzig oder vierzig Jahren?

Die Stellung in der Gesellschaft hat sich gewandelt. Heute sind die Rahmenbedingungen anders. Die Ansprüche, welche an die Schule gestellt werden, sind gestiegen. Die Schule soll zum Beispiel Erziehungsarbeit leisten. Hinzu kommt die Prävention in allen möglichen Belangen wie Sexualpädagogik, Umgang mit Medien, Cybermobbing oder Mobbing. Dies wird von den Eltern zum Teil vorausgesetzt. Wenn die Kinder oder Jugendlichen dann gegen diese Regelungen verstossen und die Schule eingreift, ist die Erziehung plötzlich Privatsache. Der Gang von Eltern zu Anwälten nimmt zu. Der Erziehungsauftrag ist eine Gratwanderung in einer nebulösen Umgebung.

Erkennen Sie noch weitere Probleme?

Ja. Eine weitere Herausforderung, die auf uns zukommt, respektive die uns schon erreicht hat, ist die Digitalisierung. Es wird erwartet, dass die Schule und die Lehrpersonen mit der technischen Entwicklung mithalten können.

Welche Altersgruppe der Lehrkräfte ist eher gefährdet?

Grundsätzlich kann es alle treffen. An den Schulen Kirchberg kann keine Aussage gemacht werden, welche Altersgruppe am stärksten betroffen ist.

Sind erfahrene Lehrer oder Junglehrer stressresistenter?

Die Stressresistenz ist eine Frage der Belastbarkeit. Diese hängt wiederum davon ab, wie eine Lehrperson mit ihrem Verhalten und mit den Rahmenbedingungen umgehen kann.

Was unternimmt die Schule Kirchberg, um Erschöpfungs-Syndrome ihrer Lehrkräfte zu vermeiden?

In einer guten Personalpolitik wird eine Wertschätzungskultur gelebt, gewisse Kompetenzen den Mitarbeitenden delegiert, regelmässig Gespräche geführt, Weiterbildungen gefördert und auf einer soliden Vertrauensbasis gearbeitet. Die Schule Kirchberg hat per 1. Januar dieses Jahres ein Leitbild und einen Leitfaden für die Personalführung erstellt, das der Gesundheit des Personals einen wichtigen Stellenwert verschafft.

Falls sich ein Burnout einstellt. Bietet die Schule Unterstützung an, wenn die Lehrkräfte mit ihrer Situation nicht mehr zurechtkommen?

Es besteht die Möglichkeit, Hilfe anzufordern. Intern bieten die Schulleitungen, der Schulrat, die Schulverwaltung, die Schulsozialarbeit oder Arbeitskolleginnen und -kollegen Unterstützung an. Extern stehen die Lehrerberatung, eine Krisenintervention oder das Coaching zur Verfügung. Wichtig ist, dass die Betroffenen eine Vertrauensperson haben und auch den Mut aufbringen, diese anzusprechen.

Eine wichtige Rolle können auch die Schulsozialarbeitenden sein, welche bei Bedarf als Vertrauenspersonen mit einbezogen werden.

Arbeiten an den Schulen speziell ausgebildete Personen, die frühzeitig erkennen, wenn jemand unter einem Erschöpfungs-Syndrom leidet oder kurz davor steht, eines zu erleiden?

Speziell ausgebildete Personen nicht direkt. Die Schulleitungen sind die direkten Vorgesetzten der Lehrpersonen, welche mit der Führung des Personals beauftragt sind und insofern auch für die Erhaltung der Gesundheit der mitverantwortlich sind. Schulsozialarbeitenden sein, welche bei Bedarf als Vertrauenspersonen mit einbezogen werden.

Gibt es an Ihrer Schule Lehrkräfte, die Hilfe in Anspruch genommen haben?

Ja, das gibt es immer wieder. Dazu sind die Angebote auch da, extern oder intern.

Was sagt die Erfahrung? Ist eine Lehrkraft nach einem überstandenen Burnout wieder voll einsatzfähig?

Das kann so pauschal nicht beantwortet werden. Es kommt immer auf die Heftigkeit der Beeinträchtigung an, auf die Konstitution der Betroffenen, auf das Umfeld der Betroffenen, da gibt es ganz viele Einflussfaktoren. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass eine Wiederaufnahme der Tätigkeit für die Betroffenen sich oft positiv auf den Heilungsprozess auswirkt. Diese Wiederaufnahme muss aber begleitet und gut beobachtet werden.

Gibt es eigentlich viele Lehrkräfte, die wegen zu viel Stress den Beruf wechseln?

Nein, viele sind dies nicht. Es kann vorkommen, dass Lehrpersonen den Beruf wechseln. Das kann aber auch die Folge einer falschen Berufswahl oder falschen Vorstellungen über den Lehrerberuf sein. Solche Fehleinschätzungen beeinflussen die Motivation am Beruf, was zu Belastungssituationen führen kann. Es ist aber auch möglich, dass im Rahmen der regulären Mitarbeiterentwicklung/-führung festgestellt wird, dass eine weitere Lehrtätigkeit nicht die gewünschte Herausforderung für alle Beteiligten sein wird. Das ist dann die Führungsaufgabe der Schulleitungen respektive des Schulrates, eine für beide Parteien gute Lösung zu finden.

Ein Erschöpfungs-Syndrom können nicht nur Lehrpersonen erleiden. Auch Schülerinnen oder Schüler geraten häufig in Stresssituation. Ist dem so?

Das ist leider so. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, welche unter Schlaf- oder Essstörungen leiden, sich hyperaktiv oder aggressiv verhalten, eine Konzentrations- oder Lernschwächen aufweisen, nimmt stetig zu. Diese Belastungen können auch zu Lernverweigerung oder der Angst zu versagen führen.

Es ist die Führungsaufgabe der Schulleitungen respektive des Schulrates, eine für beide Parteien gute Lösung zu finden.

Worauf führen Sie das zurück?

Ein grosser Einfluss auf diese Situation hat etwa der hohe Medienkonsum, das permanente Online sein sowie die hohe Erwartungshaltung auf die Kinder seitens der Eltern und seitens der Schule.

Können auch sie Hilfe in Anspruch nehmen?

Ja. Wie bei den Lehrpersonen ist es auch bei den Schülerinnen und Schülern wichtig, dass sie eine Vertrauensperson haben. Das kann eine Lehrperson oder die Schulleitung sein, die Heilpädagogin oder der Heilpädagoge, die Schulsozialarbeiterin oder der Schulsozialarbeiter, die Eltern, Verwandte oder kantonale Stellen.

Hinweis: Hilfe bietet auch die Dokumentation «sicher!gsund». Ein Angebot der Departemente Bildung, Gesundheit, Inneres sowie Sicherheit und Justiz des Kantons St.Gallen.