Wenn dieser Rickenbacher mit seinem 53-jährigem Schmuckstück unterwegs ist, verzichtet er gerne auf einige Annehmlichkeiten, die heute Standard sind

Norbert Rüttimann liebt seine beiden VW-Käfer. Aber sein Camping-Bus hat einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen: Seit 23 Jahren verreist er mit ihm in die Ferien.

Daniela Huijser
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Norbert Rüthemann geniesst das Besondere: «Ich mache gerne Ferien mit dem Bus. Er ist nicht nur schön, sondern auch praktisch.»

Norbert Rüthemann geniesst das Besondere: «Ich mache gerne Ferien mit dem Bus. Er ist nicht nur schön, sondern auch praktisch.»

Bild: Hans Sutter

Beide sind 53 und strahlen um die Wette. Der eine über beide Backen, der andere samtgrün-perlweiss im Sonnenschein: Norbert Rüthemann und sein VW Camping-Bus. Oldtimerfan Rüthemann hat sein Schmuckstück ins beste Licht gefahren, alle Türen geöffnet, die Motorhaube hochgeklappt.

Stolz zeigt er den tipptopp funktionierenden Antrieb, das schlichte Armaturenbrett, die kleine Küche und die Rückbank, die im Nu zu einer Liegefläche wird. Der Camping-Bus ist innen wie aussen ein Bijou – auch dank Norbert Rüthemanns aufwendiger und sorgfältiger Pflege.

Eine dicke Sandschicht auf dem Tank

Gut in Schuss hielt ihn allerdings schon sein Vorbesitzer, ein Pensionär aus Bronschhofen. «1996 verkaufte er mir den Bus für 7500 Franken. Daraufhin begann ich mit der grossen Reinigung. Der Bus hatte drei Vorbesitzer – der zweite fuhr damit lange Zeit durch Afrika. Deswegen lag in allen Nischen und Ritzen roter Sand», erinnert sich Norbert Rüthemann.

«Allein auf dem Tank fand
ich eine Sandschicht von
einem Zentimeter»

Schön und praktisch

Am 16. Mai 1997 ging’s auf die erste grössere Reise: nach Cecina Mare in der Toskana. Norbert Rüthemann weiss das so genau, weil zum Bus ein kleines, schwarzes Tagebuch gehört, in das schon der Vorbesitzer seine Reisen eintrug, beschriftet mit «Übernachtung im Wohnauto».

Im schwarzen Tagebuch sind Eintragungen zu finden, die auf das Jahr 1997 zurückgehen.

Im schwarzen Tagebuch sind Eintragungen zu finden, die auf das Jahr 1997 zurückgehen.

Bild: Hans Suter

«Meine erste Übernachtung im Camping-Bus war sehr angenehm. Ich konnte nach der langen Fahrt richtig gut entspannen.» Damals schon zog Norbert Rüthemanns Bus viel Aufmerksamkeit auf sich. «Viele, die mich überholten, winkten und lachten mir zu. Und heute werde ich auch immer wieder im Vorbeifahren gefilmt», sagt er schmunzelnd und mit etwas Stolz.

Unterwegs ist der Rickenbacher, der bei der Larag als Lastwagenersatzteilverkäufer arbeitet, häufig. «Ich mache gerne Ferien mit dem Bus, kann meinen eigenen Rhythmus leben. Der VW ist nicht nur schön, sondern auch praktisch.»

Reparieren ohne Zeitdruck

Zur Schönheit hat Norbert Rüthemann so einiges beigetragen. Obwohl er keine Ausbildung als Mechaniker hat, machte er sich mutig ans Werk und probierte einfach. «Im Geschäft konnte ich ab und zu die Mechaniker fragen, aber ich liess mir immer genügend Zeit, arbeitete ohne Druck.» Während mehrerer Winter restaurierte er das Eine oder Andere in seiner privaten Werkstatt, die er auch mit einem Hebelift ausstattete. Zum einen waren es mechanische, zum anderen dekorative Arbeiten.

Die rechte Aussenseite etwa lackierte er neu. «Im hellen Sonnenlicht ist der Unterschied zur Frontseite ein bisschen zu sehen. Auf der Frontseite war anfangs noch ein Reserverad montiert, das gefiel mir aber nicht. Denn diese Art VW-Bus hat mit der geteilten Windschutzscheibe und den grossen runden Scheinwerfern ein Gesicht.»

Im Innen liess er eine Küchenzeile mit zwei Gaskochfeldern und einem Waschbecken einbauen. «Gekocht habe ich allerdings nur selten, denn der Essensgeruch bleibt noch sehr lange im Raum.» Lieber lege er etwas auf den Grill. Der orange-gelbe Bezug der Sitz-/Liegebank wie auch die karierten kleinen Vorhänge basieren auf der Originalausstattung. «Den Stoff habe ich gekauft, meine Mutter nähte daraus dann die Vorhänge.»

Viel Stauraum

Norbert Rüthemann ist kein Oldtimer-Purist. Für ihn ist wichtig, dass etwas gut funktioniert. Beim Armaturenbrett bevorzugt er allerdings ein schlichtes Design. «Als ich den Bus kaufte, hatte es am Armaturenbrett sehr viele Schalter, jetzt sind es wieder ganz wenige.» Allerdings habe er ein modernes Radio untergebracht und eine Haltevorrichtung für ein Navigationsgerät.

Guido Rüthemann.

Guido Rüthemann.

Bild: Hans Suter

«Der Bus hat jetzt auch einen Warnblinker – und einen Anschluss für eine Kühlbox.» Die steht unter dem Waschbecken, wie Norbert Rüthemann zeigt. Routiniert öffnet er grössere und kleinere Schranktüren, um zu zeigen, über wie viel Stauraum sein Bus verfügt. Fährt er zwei Wochen in die Ferien, lässt sich hier einiges versorgen.

Wohin es dieses Jahr gehen wird, weiss der Fan mobiler Ferien noch nicht. In den letzten Jahren zog es ihn öfters nach Südfrankreich, zudem bereiste er Schweden, England und auch Kroatien. Und das alles fast ohne Panne. Nur ein einziges Mal musste der 47PS starke VW-Bus unterwegs in die Werkstatt.

«Ich fuhr Richtung Italien, als kurz nach der Grenze der Gaszug brach. Zum Glück aber fand ich gleich einen Mechaniker, der ihn wieder reparierte»

Ein Herz für Käfer

Ab und zu trifft sich Norbert Rüthemann mit Gleichgesinnten. Normalerweise findet an Auffahrt jeweils in Deutschland ein Treffen statt. Dann kommen Besitzer von VW-Bussen mit geteilten Scheiben zusammen, verbringen gemütliche Stunden miteinander und geniessen ein feines Essen. Mitglied in einem Verein ist der Rickenbacher aber nicht.

«Früher war ich beim Käfer-Verein Frauenfeld dabei», fügt er an. Mit Insekten hatte das nichts zu tun, sondern mit einem Käfer, der das Herz von Norbert Rüthemann Anfang der 1990er-Jahre erobert hatte. Der weisse VW mit Jahrgang 1970 stand am Strassenrand in Bronschhofen und war «zu verkaufen».

«Mich reizte die Form, sie ist so anders als andere Autos. Aber ich musste zuerst meinen Vater fragen, denn ich wollte den Käfer auf seinem Firmengelände einstellen.»

Ohne Servolenkung und Klimaanlage unterwegs

Vater Rüthemann zählte alle Nachteile eines solchen Oldtimers auf, doch Sohn Norbert packte die Gelegenheit und kaufte den Käfer für 3000 Franken. In den folgenden Jahren arbeitete er jeweils im Winter an seinem VW, der über 34 PS verfügt, und genoss im Sommer Fahrten ins Blaue. Apropos Blau: Diese Farbe hat Norbert Rüthemanns zweiter Käfer, ein Modell mit Sonnendach.

«Ich wollte mal ein Cabrio und entdeckte in einem Magazin ein Inserat.» Kurz darauf kaufte er den blauen Käfer. Allerdings steht der immer noch in der Werkstatt. «Ich bin noch am Restaurieren, er ist noch nicht fahrbereit.» Aber Single Norbert Rüthemann muss ja niemandem Rechenschaft ablegen und kann sich für seine Oldtimer ausgiebig Zeit nehmen.

Zeit nimmt er sich auch für seine Reisen mit dem Camping-Bus. Denn so schön er auch ist, über den Komfort moderner Busse verfügt das grün-weisse Schmuckstück nicht. «Ich habe keine Servounterstützung und keine Klimaanlage, das ist nach ein paar Stunden Fahrt körperlich anstrengend.» Das hält ihn aber nie von Ausflügen und Reisen mit dem Camping-Bus ab. Denn sein Oldtimer sei «kein Stehzeug, sondern ein Fahrzeug».