Theaterstück im Chössi: Wenn der Schrank vor dem Vorhang fällt

Die gravierenden Folgen eines Schrank-Umfalls zeigten Nina Dimitri und Silvana Gargiulo am Samtagabend im Chössi-Theater in Lichtensteig.

Michael Hug
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Silvana Gargiulo (links) versucht mit allen Mitteln, Nina Dimitris Erinnerung zu wecken. Diese aber lacht nur verzückt.

Silvana Gargiulo (links) versucht mit allen Mitteln, Nina Dimitris Erinnerung zu wecken. Diese aber lacht nur verzückt.

Bild: Michael Hug

Die Diva motzt über die schmutzige Garderobe. Viel zu klein ist die Bühne und die Requisiten muss man auch noch selber hereinschleppen. Nichts passt den beiden Hauptdarstellerinnen, wie will man denn da eine saubere Vorstellung aufs Parkett legen?

Von der Diva, die keinen Mucks mehr macht

Die Vorzeichen für den Samstagabend stehen schlecht. Währenddessen die Eine herummosert, nimmt die Andere es gelassen und stellt erst mal die Requisiten auf. Doch dann passierts: Der Schrankkoffer mit den kostbaren Kostümen fällt um – und die Diva darin macht keinen Mucks mehr.

Wenn das Publikum schon weiss, dass es ein guter Abend wird

So beginnt die Geschichte von Nina Dimitri und Silvana Gargiulo. Es ist das dritte gemeinsame Theaterstück unter der Regie von Ueli Bichsel. Beide, Dimitris Tochter Nina aus dem Tessin und die Neapolitanerin Gargiulo spielten schon öfters im Chössi-Theater in der einen oder anderen Rolle und Formation, immer waren die Vorstellungen Erfolge. Das wusste auch das Publikum und füllte das Theater bis fast zum letzten Platz. Diesmal zogen zwei berühmte Namen– bei der Vorstellung am Samstag vor einer Woche funktionierte das nicht, obwohl Markus Schönholzer und Charles Lewinsky ja auch nicht wirklich unbekannt sind. Manchmal «riecht» das Publikum förmlich, ob der Abend ein guter Abend wird und lohnt das Chössi-Theater mit seinem Besuch. Diesmal hatte es die richtige Nase.

Frohen Mutes wird nur noch Französisch gesungen

Was schliesslich doch nicht wirklich wundert. Dimitri und Gargiulo, egal in welcher Zusammensetzung und ob mit oder ohne Bichsel auf der Bühne, garantieren sozusagen für wunderbare Unterhaltung. Im Stück «Il disastro» bieten die Beiden ein grandioses tragikomisches Schauspiel mit einem unerwarteten Happy End. In diesem Desaster verliert die Diva ihr Gedächtnis, kann sich an nichts mehr erinnern, nicht einmal mehr an ihre Muttersprache. Dafür spricht und singt sie frohen Mutes nur noch in Französisch.

Zwei, die aneinander vorbei spiele und reden

Für die Kleine, Mollige, stets etwas gestresst nervöse Partnerin wird es nicht einfacher. Sie kann sich zwar in zwei Sprachen verständigen, aber französisch spricht und versteht sie nicht. Und so reden und spielen die Zwei aneinander vorbei, derweil rückt der Beginn der Vorstellung immer näher und das Publikum ist auch schon da.

Ein sich selbst wieder gutmachender Unfall

Der Diva scheint die Notlage, in der sich ihre Bühnenpartnerin und sie selbst sich befindet, nicht offensichtlich und sie würde lieber «Carmen» spielen oder den Krieg oder die Tragödie des nimmerwiederkehrenden Matrosen. Da hat Gargiulo eine wahrlich in den Kopf geschossene Idee: Einfach den Koffer nochmals fallen lassen – natürlich mit der Diva drin. Der sich selbst wiedergutmachende «Umfall» funktioniert aber nicht.

Fabelhafte Unterhaltung

Die Katastrophe ist nun so bleich wie Gargiulos Gesicht. Sie ist mit schieren Händen zu fassen – aber Nina Dimitri grinst ihr breites Lachen, als wäre überhaupt nichts geschehen. Alles nur Theater, aber echtes Theater, denn das grosse Drama ist nur gespielt. «Ne me quitter pas» singt Dimitri epochal dramatisch, derweil Gargiulo gehetzt vor- und rückwärts rudert in ihrer konfusen Panik. Aber dann schlägt die Diva zum dritten Mal ihren Kopf aufs Holz und alles wird gut. Fabelhafte Unterhaltung.