«Ich wusste nicht, dass ich es überhaupt so lange aushalte»: Der Ebnat-Kappler Norbert Huser radelte um die ganze Welt

Südamerika, Afrika und Asien – diese drei Kontinente bereiste Norbert Huser mit dem Velo. Seine Erlebnisse hielt er in zwei Büchern fest. Das neuere davon erschien dieses Jahr.

Julia Engel
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Eine Strecke eineinhalb Mal so lange wie der Erdumfang legte Norbert Huser auf dem Velosattel zurück.

Eine Strecke eineinhalb Mal so lange wie der Erdumfang legte Norbert Huser auf dem Velosattel zurück.

Bild: PD

Insgesamt eineinhalb Mal um die ganze Welt ist Norbert Huser mit seinem Velo schon gefahren. 65'000 Kilometer durch glühend heisse Wüsten, feuchte Regenwälder und windige Gebirgsgegenden.

Das letzte Mal verreiste er im Mai dieses Jahres für zwei Monate nach Peru, ohne Velo. Eine kurze Zeit, verglichen mit seinen zwei Veloreisen, die er in den Jahren 1994 und 2003 antrat. Er radelte jeweils für vier Jahre um die Welt, bei der ersten Reise durch Lateinamerika, bei der zweiten durch Afrika und Asien. Seine Erlebnisse hielt er in zwei Büchern fest. «Afrika und Asien auf zwei Rädern» erschien dieses Jahr.

Von Kindesbein an auf dem Velosattel daheim

«Mit dem Velo war ich bereits als Kind oft unterwegs», erzählt Huser. Bis ins Erwachsenenalter blieb dies sein liebstes Fortbewegungsmittel. Seine erste grosse Reise überhaupt mit dem Velo zu bestreiten, habe er jedoch nicht beabsichtigt. Er sei mit Kollegen für eine Trekkingtour nach Südamerika gereist. Geplant war ein Monat, eine Verlängerung möglich. Job und Mietvertrag hatte er gekündigt. Dass er gleich ganze vier Jahre unterwegs sein würde, hätte Huser trotzdem nicht gedacht.

«Ich hatte bei meiner ersten Reise noch gar keine Erfahrung. Ich wusste nicht, dass ich es überhaupt so lange aushalte.»

Zum Velo sei er unverhofft gekommen. Er habe einen Mann getroffen, der des Velofahrens müde wurde. «Da habe ich sein Velo und die Ausrüstung gekauft», erzählt Huser. Damit fuhr er vier Jahre lang durch Lateinamerika.

In dieser Zeit packte ihn das Reisefieber so richtig. Bereits zuvor sei er viel in der Schweiz gereist: «Ich ging oft in die Berge und war viel biken. Das Abenteuerliche begleitete mich schon länger.» In die Ferien sei er mit seinen Eltern aber nie gegangen. Deshalb habe er sich erst recht gedacht: «Ich will jetzt noch etwas kennen lernen.»

Spontan, unkompliziert und nicht verbissen

Norbert Huser reist am liebsten spontan. Doch ein Ziel hatte er im Kopf: Südafrika. Hier das Beweisfoto, auf dem er vor dem Kap der guten Hoffnung posiert.

Norbert Huser reist am liebsten spontan. Doch ein Ziel hatte er im Kopf: Südafrika. Hier das Beweisfoto, auf dem er vor dem Kap der guten Hoffnung posiert.

Bild: PD

Fünf Jahre nach der Rückkehr von seiner ersten Veloreise, zog es ihn erneut in die weite Welt. Diesmal war «Carbonga», sein Velo, von Anfang an dabei. Er reiste von der Schweiz in den Süden nach Afrika, über den Indischen Ozean nach Südostasien und danach über Osteuropa zurück in die Schweiz. Die Route habe er nicht geplant.

«Ich bin ein unkomplizierter und spontaner Reisender. Normalerweise buche ich den Flug und wenn ich spät ankomme, noch das Hotel für die erste Nacht.»

Diese Spontanität begleitete Huser damals wie heute. So reist er nach wie vor ohne Handy. «Ich finde es spannend, wenn ich ankomme und nicht weiss, wo ich übernachte», schildert er. Nur ein Ziel hatte er vor Augen: «Ich hatte immer im Kopf, einmal nach Südafrika, genauer nach Kapstadt zu kommen.»

42'000 Kilometer trat Huser bei seiner zweiten Reise selbst in die Pedale. «Mit dem Velo hat man ein gutes Tempo, um ein Land wirklich kennen zu lernen», erklärt er dessen Vorteile.

«Ich landete oft in Dörfern, von denen in Reiseführern nichts stand.»

Zu Fuss wäre er dafür zu langsam gewesen, der Töff hätte die Reise mit anderen Transportmitteln erschwert. Hatte er keine Lust mehr zu radeln, habe er Busse, Flugzeuge, Schiffe und Züge genutzt, wobei Letztere ausserhalb Europas kaum vorhanden seien. «Ich traf Veloreisende mit einer ganz anderen Philosophie, die jeden Meter mit dem Velo zurücklegen wollten. So bin ich nicht.»

Wollte Norbert Huser nicht mehr radeln, reiste er mit anderen Verkehrsmittel wie beispielsweise dem Schiff weiter.

Wollte Norbert Huser nicht mehr radeln, reiste er mit anderen Verkehrsmittel wie beispielsweise dem Schiff weiter.

Bild: PD

Sprachbarriere nicht selten zu hoch

Ein Lieblingsland habe er nicht. «Es gibt Länder wie Namibia, die ich landschaftlich irrsinnig schön fand. Andere, so beispielsweise Mali, fand ich von den Leuten her super. Viele Länder hatten beides.» Spezielle Begegnungen habe er nicht nur mit Einheimischen gehabt. In Tibet habe er einen Australier getroffen, der ihm sehr ähnlich gewesen sei. «Wir sind zusammen durch ganz Tibet geradelt», erzählt Huser. Solche Reisekontakte seien einen Moment lang intensiv, doch man verliere den Kontakt nach der Reise wieder. Der intensive Kontakt mit Einheimischen sei oft aufgrund der Sprachbarriere gescheitert. «Für tieferen Kontakt ist die Sprache essenziell», findet Huser. Dies sei ein grosser Unterschied von seiner ersten zur zweiten Reise. Während er in Lateinamerika mit seinem Spanisch, das er während der Reise lernte, gut zurechtgekommen sei, habe er in Afrika und Asien Schwierigkeiten gehabt.

Um seine Reise festzuhalten, schrieb Huser nicht nur, er fotografierte auch fleissig. «Alles mit einer analogen Kamera», wie er erzählt. Damit dies nicht zu sehr aufgefallen sei, habe er sich anders verhalten müssen. «Als Schweizer in Afrika hatte ich oft das Gefühl, alle beobachten mich. Auf einem Markt mit vielen Leuten setzte ich mich halt eine Stunde hin, bis mich die Leute nicht mehr beobachteten.» Dann habe er fotografiert.

Norbert Huser (58) arbeitet als Bauingenieur und reist in seinen Ferien gerne mit dem Velo um die Welt.

Norbert Huser (58) arbeitet als Bauingenieur und reist in seinen Ferien gerne mit dem Velo um die Welt.

Bild: Julia Engel

Verändert haben ihn die Reisen kaum mehr. «Ich bin immer noch der Schweizer», so Huser. Für die Änderung seiner Persönlichkeit sei er bereits zu alt gewesen. «Bei meiner ersten Reise war ich ungefähr 30. Diese Jahre in der Schweiz haben mich mehr geprägt als die acht Jahre auf Reisen. Mein Charakter war schon lange gebildet.» Bescheiden sei er schon immer gewesen. Trotzdem habe er sich über die vier Besucher, die aus der Schweiz anreisten, und deren Geschenke gefreut: «Mir wurden Cervelats, Käse, Milchprodukte und richtig gutes Brot mitgebracht.»

Verzicht, um Träume zu erfüllen

Seine beiden Bücher hat Huser erst lange nach seinen Reisen veröffentlicht. «Verkaufsstrategisch wäre es besser gewesen, die Bücher jeweils direkt rauszugeben», stellt er im Nachhinein fest. Doch:

«Ich musste mich überwinden, das zu veröffentlichen. Teilweise stehen ja schon private Dinge im Buch.»

Um das Geld sei es ihm sowieso nicht gegangen, so Huser. «Würde ich die Bücher zum Preis verkaufen, den ich investiert habe, wäre der Betrag doppelt so hoch.» Er habe die Bücher vielmehr für sich selbst, seine Freunde und die Familie geschrieben.

Apropos Finanzen, acht Jahre lang Reisen – da kann man sich durchaus fragen, wie man eine solche Reise finanziert. Huser rechnet vor: «Wenn ich zwei Wochen in die Ferien gehe, gebe ich viel mehr aus, als wenn ich ein Jahr lang unterwegs bin.» Auf seiner zweiten Reise habe er durchschnittlich etwa 1'000 Franken pro Monat ausgegeben, wobei das sehr vom Land abhängig sei. Das mache etwa 48'000 Franken für eine vierjährige Reise. Was sein Portemonnaie dafür entlastet: «Ich habe kein Auto. Hätte ich eines, würde ich etwa 20'000 Franken ausgeben, mit denen ich auch zwei Jahre in der Weltgeschichte umhertingeln kann.»

Auf dass die Reiselust erneut zuschlägt

Einen grossen Reisewunsch hegt Huser noch immer. «Ich reiste von Südamerika mit dem Schiff nach Hause über den Atlantik und von Südafrika nach Singapur mit dem Schiff über den Indischen Ozean. Jetzt fehlt mir noch der Pazifik.» Auf seiner Reise habe er Pensionierte getroffen, die mit dem Velo unterwegs waren. Eine weitere Reise mit dem Velo schliesse er nicht aus.

Doch vorerst geniesst Huser sein Leben im Toggenburg, wohin er nach seinen Reisen des Jobs wegen zog: «Zuerst habe ich ein halbes Jahr auf dem Bauamt gearbeitet.» Jetzt arbeitet er als Bauingenieur. Seit elf Jahren wohnt er bereits in Ebnat-Kappel. Sein Fazit: «Für mich stimmt die Umgebung. Ich gehe gerne in die Berge, was ich hier gut kann.» Sein Arbeitsweg legt er, wenn immer möglich, mit dem Velo zurück.

Hinweis
Buchpräsentation am Dienstag, 10. Dezember, 19 Uhr, bei 2Rad-Gabathuler, Wilerstrasse 19, 9630 Wattwil

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Dass er über gutes Sitzleder verfügt, hat der Ebnat-Kappler Norbert Huser bewiesen. Denn er durchquerte während vier Jahren Lateinamerika mit dem Fahrrad. Seine Erlebnisse und Gedanken zu dieser Reise veröffentlichte er nun in einem Buch, das er am 11. August – in einem Fahrradgeschäft – präsentieren wird.
Urs M. Hemm

Auf dem Drahtesel zu Hause

Norbert Huser ist 55 Jahre alt, wurde in Aarau geboren und ist in Niederrohrdorf im Aargauischen Reusstal aufgewachsen ist. Durch seine Hobbies Orientierungslauf, Bergsteigen und Radfahren entdeckte der gelernte Bauingenieur seine Freude am Reisen.