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Weiler Lutenwil: Er lag einst an der Autobahn des Mittelalters

Der Weiler Lutenwil oberhalb von Nesslau war Teil eines für die Besiedlung des oberen Toggenburgs wichtigen Saumpfades.

Urs M. Hemm
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Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
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Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)
Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)

Das «Heimetli» vor 1925, bevor es aufgestockt wurde. (Bild: PD)

Vom Dorf aus nicht zu sehen, liegt oberhalb von Nesslau auf 930 Meter über Meer der Weiler Lutenwil. Heute ist es ein ruhiger, fast vergessener Ort, der von der Landwirtschaft geprägt ist. Im Mittelalter jedoch, so vermuten Historiker, war Lutenwil ein wichtiger Durchgangsort für Personen und Güter und Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts als Kurort bei gestressten Städtern sehr beliebt. Vom Durchgangsverkehr ist dieser Tage nichts mehr zu spüren und von den einst zahlreichen Pensionen sind nur noch vereinzelte übrig geblieben. Wer sich also nach Ruhe und Erholung in einer intakten Landschaft sehnt, beispielsweise am noch heute beliebten Badweiher unterhalb von Lutenwil, ist hier sicherlich am richtigen Ort.

Der Weiler Lutenwil, oberhalb von Nesslau, war im Mittelalter vermutlich ein belebter Durchgangsort auf dem Weg von St.Gallen ins obere Toggenburg. (Bild: Urs M. Hemm)

Der Weiler Lutenwil, oberhalb von Nesslau, war im Mittelalter vermutlich ein belebter Durchgangsort auf dem Weg von St.Gallen ins obere Toggenburg. (Bild: Urs M. Hemm)

Auf direktem Weg 
nach St.Gallen

Bruno Wickli, Historiker, Neu St. Johann. (Bild: pd)

Bruno Wickli, Historiker, Neu St. Johann. (Bild: pd)

Eine Quelle aus dem Jahr 912 erwähnt erstmals einen Ort namens Luteraheimara. «Leider ist man sich in der Forschung nicht ganz sicher, ob damit wirklich Lutenwil gemeint war», sagt Historiker Bruno Wickli aus Neu St.Johann. Erst im Jahr 1379 wird der Weiler mit seinem heutigen Namen – und damit sicher zuzuordnen – in einer Urkunde als «den Hof ze Lutenwile, gelegen im Thurtal» schriftlich festgehalten. Aufgrund der topografischen Vorteile Lutenwils – es liegt auf der Sonnenseite des Tals auf einer Hochebene und wird durch verschiedene Bäche mit Wasser versorgt – glaubt Bruno Wickli aber an die Existenz einer Siedlung, die bis auf die Jahrtausendwende zurückreicht, als die Alemannen in Richtung Süden vorstiessen. Mit der weiteren Besiedlung des Thurtals und insbesondere mit der Gründung des Klosters Alt St.Johann um das Jahr 1150 gewann Lutenwil an Bedeutung.

Historiker glauben, dass die Strasse in Richtung Strickweid und Rietbad Teil des Saumpfades war. Hier der Blick gegen Lutenwil. (Bild: Urs M. Hemm)

Historiker glauben, dass die Strasse in Richtung Strickweid und Rietbad Teil des Saumpfades war. Hier der Blick gegen Lutenwil. (Bild: Urs M. Hemm)

«Wir nehmen heute an, dass der Weg vom Kloster Alt St.Johann über Stein und Lutenwil, über das Riet und dann über den Chräzerenpass nach St.Gallen für den Güterfluss vom und zum abgelegenen Kloster im Obertoggenburg ab dem 13. Jahrhundert sehr bedeutend war», sagt Bruno Wickli. Hinzu sei gekommen, dass im Spätmittelalter auch ein reger Export von Vieh- und Milchwirtschaftsprodukten von den Alpen nach der Stadt und dem Kloster St.Gallen begonnen habe. «Der Weg über Lutenwil war dafür vielleicht nicht der bequemste, sicher aber der kürzeste. Denn der Weg über das Rheintal war länger und der Weg über den Rotsteinpass nach Appenzell wird man kaum gegangen sein», sagt Bruno Wickli.

Der Badweiher, auf halbem Weg zwischen Nesslau und Lutenwil gelegen, war und ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel. (Bild: Urs M. Hemm)

Der Badweiher, auf halbem Weg zwischen Nesslau und Lutenwil gelegen, war und ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel. (Bild: Urs M. Hemm)

Ein weiteres Indiz für diese Theorie ist die Erwähnung des heute noch gängigen Flurnamens Strick auf der Eschmannkarte aus den 1840er-Jahren. «Das bedeutet gemäss Ortsnamenbuch Weg oder Pfad. Das würde gut zur Geschichte von Lutenwil als Durchgangsort eines wichtigen Saumwegs passen», ist Bruno Wickli überzeugt, ergänzt aber, dass dieser Schluss etwas spekulativ sei. Dennoch: «Ausser, man hatte im Nesslauer Talkessel etwas zu erledigen gehabt, machte es schlicht keinen Sinn, die Höhendifferenz von der Germen/Hueb hinunter nach Nesslau zu marschieren, um danach die Höhenmeter von Sidwald nach Ennetbühl wieder hinauf zu steigen.» Hinzu komme, dass die direkte Verbindung von Lutenwil zum Rietbad viel kürzer war.

Das Heimetli soll in neuem, alten Glanz erscheinen

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde Lutenwil zum beliebten Erholungsort für Menschen aus der Stadt. «Damals betraf es vor allem noch den Sommertourismus, das heisst, es kamen die sprichwörtlichen ‹Sommerfrischler›», sagt Bruno Wickli. Vor allem nach 1920, mit dem Untergang der Heimstickerei, hätten viele Bauern kleine Pensionen im Nebenerwerb betrieben. Den nachhaltigsten Erfolg habe dabei das Heimetli gehabt. Lange in Privatbesitz, wurde das Heimetli im Jahr 1926 vom Schweizerischen Töchternbund übernommen, welcher es bis 1970 als Ferienheim nutzte und während dieser Zeit (1947 und 1967) ausbaute. Von 1970 bis 2013 wurde das Heimetli als alkoholfreies Ferien- und Erholungsheim des Blauen Kreuzes geführt.

Weiler Lutenwil: Das Ferienhaus Heimetli wartet auf seine neue Bestimmung. (Bild: Urs M. Hemm)

Weiler Lutenwil: Das Ferienhaus Heimetli wartet auf seine neue Bestimmung. (Bild: Urs M. Hemm)

Nach verschiedenen Zwischennutzungen, unter anderem lebten Bewohner des Wohnheims Felsengrund in den drei Häusern, währendem ihr Heim neu gebaut wurde, kaufte im Jahr 2018 die Bavag AG aus Nesslau das Heimetli. Für die heutigen Besitzer Christian Schmid und Andy Scherrer war schnell klar, dass ein Betrieb als Pension für sie nicht in Frage kommt. Sie bauen nun – nach gründlichen Abklärungen mit der Gemeinde Nesslau und dem Heimatschutz – in den drei Gebäuden des Heimetli insgesamt elf Eigentumswohnungen. «Wir lassen so viel wie möglich der ursprünglichen Bausubstanz bestehen, streben aber dennoch einen modernen Wohnkomfort an», sagt Christian Schmid. So sollen elf unterschiedliche Wohnungen mit eigenem Charme und Charakter entstehen.

Während der Sichtung aller Räumlichkeiten seien ihnen kistenweise Material ihrer Vorbesitzer, vor allem aber des Töchternbundes, in die Hände gefallen. Wir haben zahlreiche Gästebücher, Aufzeichnungen der Heimleitung und Fotos gefunden. In Absprache mit den Besitzern behalten wir alles hier und richten einen Schrank mit diesen Hinterlassenschaften ein, die Teil dieses Hauses und somit auch dessen Geschichte sind», sagt Andy Scherrer.

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