Wegen Tuberkulose-Ausbruch nach Nesslau: Dort fand Fritz Frischknecht im Blauen Kreuz seine Bestimmung 

Das Blaue Kreuz engagiert sich seit rund 150 Jahren gegen übermässigen Alkoholkonsum. Der langjährige Mitarbeiter Fritz Frischknecht ist im Toggenburg sesshaft und berichtet über seine Zeit im Dienste der christlichen Organisation.

Flurina Lüchinger
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Fritz Frischknecht an der Buchvernissage des neuen Blaukreuz-Buches. (Bild. PD)

Fritz Frischknecht an der Buchvernissage des neuen Blaukreuz-Buches. (Bild. PD)

«Die Obertoggenburger Luft, Dunkelbrot und frische Geissenmilch», das sei Medizin, erklärt Fritz Frischknecht. Geboren ist der heute 90-Jährige in Herisau, als erstes von drei Kindern. Als er vier Jahre alt war, ist in der Familie und deren Umgebung die Tuberkulose ausgebrochen. So durften sie, wie er sagt, nach Nesslau ziehen, weil es da «die gesündeste Luft der Ostschweiz» gebe. Dies, so sagt er, sei gutes Heilmittel gegen die Tuberkulose.

Als die Familie nach zwölf Jahren, die Rückkehr nach Herisau beschloss, wollten Fritz Frischknecht und sein Bruder gar nicht weg. Sie hätten sich am Baum im Garten festgehalten und mussten mit Gewalt ins Auto gebracht werden, sagt der Ausserrhödler mit einem Schmunzeln.

Ausbildung im Bereich der Textilgestaltung

Nach Abschluss seiner Sekundarschulzeit machte er eine Lehre als Textildessinateur in einem kunstgewerblichen Betrieb in Bühler. Nach einer weiteren Zusatz-Ausbildung als Stickereientwerfer in St. Gallen baute er zusammen mit seinem Lehrmeister und zukünftigen Schwiegervater ein blühendes Textilgeschäft auf. Genau zu dem Zeitpunkt, als der Betrieb erstmals boomte, kam die Anfrage des Blauen Kreuzes, ob er sein Leben ganz der Organisation widmen würde. Er habe innerlich gespürt, dass er das tun müsse, sagt er. Denn schon, während er noch als Textildessinateur arbeitete, hat er Blaukreuz-Jugendgruppen gegründet und geleitet und mit diesen Jugendlagern, und auch Besinnungswochen für Alkohol-Betroffene organisiert und durchgeführt.

Selber kennengelernt hat er das Blaue Kreuz schon mit fünf Jahren, als er von seiner Mutter in Nesslau in den Hoffnungsbund, die Kindertreffen des Blauen Kreuzes, geschickt wurde. Er erzählt von einer Stunde, die ihm sehr gut in Erinnerung geblieben ist. Die Kinder mussten Margeriten mitbringen. Die Betreuerin hat diese in verschiedene Vasen gestellt und erklärt, dass sie jetzt eine Woche warten und dann schauen, was passiert. Was niemand wusste, in die Hälfte der Vasen hatte sie Alkohol gekippt. An der nächsten Versammlung war die Hälfte der Margeriten im Schnaps lahm und braun, die andere Hälfte im Wasser blühte jedoch immer noch. Dies sei ein eindrückliches Beispiel, um zu veranschaulichen, wie die Kinder in den Zusammenkünften der Hoffnungsbunde über Alkohol aufgeklärt worden sind.

Steckbrief zum Blauen Kreuz

Das Blaue Kreuz ist ein Hilfswerk, das seinen Schwerpunkt auf der Alkoholprävention, der Gesundheitsförderung und der Beratung von Menschen mit Alkoholproblemen und ihren Angehörigen hat. Es ist ein diakonisches Werk, das jedoch politisch und konfessionell unabhängig ist. Die Hilfe basiert auf anerkannten fachlichen Konzepten und christlichen Grundwerten. Die Organisation finanziert sich mit Spenden, Brockenstubenerlösen, Legaten und Eigenleistungen. 

Frischknecht war 36, als er der Anfrage zusagte und somit anfing, seine Energie in die Tätigkeit des Blaukreuz-Agenten zu stecken. Er setzte sich für alkoholkranke Menschen ein. Dies tat er, indem er den Betroffenen, dort wo sie gerade waren, Besuche abstattete, das Gespräch einleitete, zuhörte und zu helfen versuchte. Hauptsächlich oblag dem Blaukreuz-Fürsorger die Gründung, Förderung und die «Pflege» von Ortsvereinen. In 48 Sektionen des Blaukreuz-Verbandes St. Gallen – Appenzell wurden über 1500 Mitglieder zu hilfreichen Freundeskreisen für viele Betroffene und ihren Angehörigen. Sie nahmen Anteil bei der «Front-Arbeit», unterstützten die «Berufsarbeiter» und wurden zum Rückgrat des Werkes.

Solidarische Begegnung auf einer Ebene mit den Klienten

«Der Agent steckt seine ganze Zeit und Kraft in die Arbeit des Blauen Kreuzes», lautet die Verpflichtung im Anstellungsvertrag. Die Betroffenen sollen erleben, dass man sich um sie kümmert. Das Wichtigste sei, dass man den Alkoholkranken auf Augenhöhe begegnet und vollstes Verständnis aufbringt, für die Schicksale derer, die ihre Sorgen in Alkohol ertränken.

«Aus den schwersten Fällen wurden oft die besten Freundschaften fürs Leben. Die Menschen spüren und schätzen es, wenn du ihnen mit Solidarität und Liebe begegnest.»

Frischknecht bedauert, dass heute eine solche Herangehensweise vielfach abhandengekommen ist. Ehemalige Abhängige wirkten zum Teil als Vereinspräsidenten, wurden eindrückliche Zeugen für ein neues, sinnvolles Leben. Ohne diese Vereine wäre der Dienst des Blauen Kreuzes so nicht möglich gewesen. Im Toggenburg und Umgebung gab es 14 Blaukreuz-Vereine. Die Vereinstätigkeit ist im Verlauf der Jahre aber vielerorts verschwunden.

Zu der Arbeit eines Blaukreuz-Agenten gehörten auch mannigfache administrative Aufgaben wie Vormundschaften, Beistandsschaften oder Rechtsberatung. Durch die intensive Zusammenarbeit im Blaukreuz-Wohnheim Felsengrund in Stein, haben sich Dora Brügger und Fritz Frischknecht kennen und schätzen gelernt. Als längst Pensionierte freuen sie sich über ihr Mitwirken und die Präsentation des Buchprojektes «Von Mistgabeln und Nächstenliebe».

Aktiv im Obergericht

Mit 50 Jahren wurde Frischknecht an der Landsgemeinde in Trogen ins Obergericht von Appenzell Ausserrhoden gewählt. Er konnte bahnbrechende Entscheide und Urteile zugunsten von Alkohol-Delinquenten bewirken.

Seit 25 Jahren ist er mit seiner zweiten Frau Maja verheiratet. Ihr gemeinsames Heim, hoch über Unterwasser, hat Frischknecht nach ihr benannt. Das Majerisli. Hier dürfen Erinnerungs-, Dank- und Besinnungsjahre erlebt, rehabilitierte Freunde besucht und empfangen und edle alkoholfreie Gastlichkeit gepflegt werden. Das wieder «Daheim-Sein» im Blaukreuz-Verein Nesslau, wo vor 85 Jahren alles begann, vermittelt Fritz Frischknecht dankbare Zufriedenheit. Hier hat er Raum und Zeit, um sich vorzubereiten auf alles Schöne, was noch kommt.