Wattwil
«Die Arbeit in der Schuhwerkstatt hat sich verändert, verschwinden wird sie nie»

Nach 41 Jahren übergibt Philipp Huber seine Schuhwerkstatt mit Schlüsselservice in Wattwil. Die Übergabe am 1. Juli 2021 erfolgt nahtlos.

Fränzi Göggel
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Martin Schubiger (links) und Philipp Huber sind zu Spässen aufgelegt und posieren untypisch für das Handwerk, mit zwei Hämmern.

Martin Schubiger (links) und Philipp Huber sind zu Spässen aufgelegt und posieren untypisch für das Handwerk, mit zwei Hämmern.

Bild: Fränzi Göggel

Es riecht nach Leder. Der 1956 geborene Philipp Huber verbrachte 41 Berufsjahre in der schmucken Schuhwerkstatt an der Bahnhofstrasse/Näppisuelistrasse in Wattwil. Er reparierte Schuhe jeglicher Art, ersetzte kaputte Reissverschlüsse, befestigte neue Ösen, Nieten oder Henkel, nähte Gürtel und vieles mehr. «Als ich 1980 in Wattwil begann, reparierte ich oft die ledernen Schultornister der Kinder und auch Militärschuhe der Kompanien, die grad in der Region Dienst hatten. Heute ist das nicht mehr gefragt», erzählt der gelernte Schuhmacher.

In den vier Jahrzehnten baute sich Philipp Huber eine ansehnliche Stammkundschaft auf. Trotzdem hätte sich mit der Schuhwerkstatt ohne den reichhaltig dotierten Schlüsselservice nicht genügend Einkommen für eine Existenz erwirtschaften lassen. Der Vater einer erwachsenen Tochter äussert sich kritisch:

«Die Aufträge sind mit den Jahren zurückgegangen, es ist nicht mehr der grosse Ansturm. Wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden, die Leute haben genug Geld, um ständig Neues zu kaufen.»

Trotzdem ist er überzeugt, dass es auch in der heutigen Zeit noch Schuhmacher braucht. «Meine Kundschaft schätzt diesen Service sehr. Die Arbeit in der Schuhwerkstatt hat sich verändert, verschwinden wird sie nie.»

Vor etwas mehr als zwei Jahren reduzierte Philipp Huber aus gesundheitlichen Gründen die Öffnungszeiten von fünf Tagen auf nur noch einen Tag pro Woche und suchte seither einen Nachfolger. Er wollte aber nicht einfach irgendwen akzeptieren, die Chemie musste stimmen, zu sehr ist ihm seine Schuhwerkstatt zur Herzensangelegenheit geworden.

«Es haben sich nicht viele auf meine Inserate gemeldet. Die Leute haben halt gerne Feierabend und wollen am Abend nicht noch Rechnungen schreiben», ist ihm bewusst. Er aber schätzte die Freiheit, stets sein eigener Chef zu sein. «Für mich war meine Arbeit nie ein Müssen», bringt er es auf den Punkt.

Was erst spontan war, ist nun definitiv

«Eines Tages kam Martin Schubiger in mein Geschäft und erkundigte sich über die Bedingungen der Nachfolge. Nicht ich habe ihn gesucht, er hat mich gefunden», schwärmt Philipp Huber. Martin Schubiger hat Jahrgang 1963, ist Oberstufenlehrer in Werken, Mathematik und Natur & Technik in Wattwil. Genau wie Philipp Huber liebt der Familienvater das Velofahren und Wandern. «Wir haben uns auch schon mal rein zufällig auf einer Wanderung getroffen», lachen beide.

Der handwerklich begabte Martin Schubiger träumte schon seit langem, eigene Schuhe herzustellen. Vor zweieinhalb Jahren belegte er einen Kurs zu diesem Thema, seither lässt ihn diese Idee nicht mehr los. Als dann seine Frau mit der Nachricht nach Hause kam, dass Philipp Huber einen Nachfolger suche, war für ihn klar, dass er Neuland betreten würde. Seit einem halben Jahr arbeiten die beiden Männer an Philipp Hubers Arbeitstag gemeinsam. Er sagt:

«Anfänglich hatte ich noch nicht so eine grosse Ahnung von Nähten oder wie man Reissverschlüsse ersetzt. Aber mit zunehmender Routine wird es immer besser.»

Vom Lehrer zum Schuhmacher

Martin Schubiger wird sein Lehrerpensum stark reduzieren. «Das Probearbeiten in der Schuhwerkstatt hat unsere Erwartungen erfüllt. Aber ich bin schon noch etwas nervös, ob ich das packe. Die Arbeit ist extrem vielseitig und oft mit sehr vielen kleinen Arbeitsschritten verbunden. Ich will das Geschäft so weiterführen wie bisher, einzig die Öffnungszeiten werde ich auf vier Tage erweitern, von Dienstag bis Freitag. Die Wichtigkeit des Schlüsselservice ist mir sehr bewusst, entsprechend viele Rohlinge sind an Lager», erzählt er begeistert.

«Schuhe nach Mass anzubieten oder einen Kurs aufzugleisen, wo man seine eigenen Schuhe herstellen kann, das ist mein Traum», sagt Martin Schubiger. Bis das so weit ist, wird ihm Philipp Huber mit Rat und Tat noch ein Weilchen zur Seite stehen.