WATTWIL
«Meine Stimme wird bald verstummen»

Einer der letzten lebenden Zeugen des Holocaust sprach in einer Online-Veranstaltung der Kanti Wattwil.

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Ivan Lefkovits ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz. Er berichtete in einer Online-Veranstaltung der Kanti Wattwil von seinen Erfahrungen.

Ivan Lefkovits ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz. Er berichtete in einer Online-Veranstaltung der Kanti Wattwil von seinen Erfahrungen.

Bild: PD

(pd/mkn) Rund 150 Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und geladene Gäste waren am 25. März – coronabedingt online – zusammengekommen, um dem Referat von Ivan Lefkovits, einem der letzten noch lebenden Zeugen des Holocaust, beizuwohnen. Der inzwischen 84-jährige Lefkovits wurde 1937 in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren und lebt seit rund 50 Jahren in Basel. Er ist Immunologe.

Aus der Tschechoslowakei via Ravensbrück nach Bergen-Belsen

Mit seiner Mutter und seinem sechs Jahre älteren Bruder Paul wurde er im Oktober 1944 verhaftet und mit etwa 1000 anderen Personen in Viehwaggons gepfercht und ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Er konnte nach der Ankunft bei der Mutter bleiben, während der Bruder von der Familie getrennt und kurz danach in den Gaskammern getötet wurde.

Das Schicksal des Bruders erfuhr Lefkovits aber erst Jahrzehnte später. Für ihn und seine Mutter ging es wenige Monate nach der Ankunft in Ravensbrück mit einem der letzten Transporte ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die britische Armee befreite dieses Lager am 15. April 1945.

«Ich habe über den Holocaust lange, vor allem in meinen jungen Jahren, nicht gesprochen, weil dieser in der damaligen Welt nicht von Interesse war».

Die Veröffentlichung der Memoiren seiner Mutter sei der Auslöser gewesen, um über den Holocaust zu sprechen. Er habe sich quasi outen müsse, denn es gab vorher nichts zum Holocaust zu sagen.

In Bergen-Belsen war sofort klar, hier gibt es null Chancen zu überleben».

Sie hätten schon bei der Ankunft die Berge an Leichen gesehen. Es waren so viele Leichen, dass man sie gar nicht mehr habe wegschaffen können. Am 4. April 1945, elf Tage vor der Befreiung, war das Lager komplett abgeriegelt. Wassertanks und Lagerhäuser waren gesprengt worden. Die Deutschen hatten das Lager verlassen.

«Wasser gab es keines mehr. Es gab neben unserer Baracke einen Teich mit Löschwasser, doch darin schwammen schon Leichen und Exkremente.»

Selbst nach der Befreiung hätten die Gefangenen noch zwei weitere Tage auf Wasser und Nahrung warten müssen, da die Briten keine Möglichkeit der Versorgung einer solchen Menge an Personen hatten, erinnert sich Lefkovits.

Die Rückreise als Katharsis

Bei der Rückreise aus Bergen-Belsen durch das zerstörte Deutschland hätten die Gefangenen die enorme Zerstörung gesehen und das habe ihnen gut getan, sagte Lefkovits.

«Wir waren glücklich und zufrieden, dass Deutschland kaputt war. Es ist nicht besonders edel, das zu denken, doch es war so. Das Ende der Reise war wie eine Katharsis. Ich brauchte die Deutschen nicht mehr zu hassen.»

Aber als kleiner Junge habe er sowieso nirgends hingehen können, besonders gegen Ende seiner Inhaftierung in Bergen-Belsen. Die Gefahr sei auch von Häftlingen gekommen. Jeder habe bei jedem stehlen wollen, da es nichts mehr gab. Zum Glück sei er als kleiner Junge davon verschont geblieben, vor allem dank seiner Mutter.

Slowaken als willige Helfer

Für ein Kind sei das alles sehr viel einfacher gewesen, sagte Lefkovits.

«In den ersten Wochen und Monaten versucht man sich sowieso erst einmal gesund pflegen zu lassen. Wir kannten auch nichts anderes als dieses Leben im Lager. Darum waren die sauberen Betten, das gute Essen und all die anderen Annehmlichkeiten eine unglaubliche Erleichterung. »

Die ersten Jahre nach dem Krieg sei voll von anderen Problemen gewesen, die es zu lösen galt, wie zum Beispiel der Wiederaufbau. Zudem habe er sehr lange Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass die Deutschen zwar die Täter, doch die Slowaken die willigen Helfer gewesen seien, erinnert sich Lefkovits.

«Sie haben den Deutschen sogar für jeden verhafteten Juden 500 Reichsmark gezahlt. Die Slowaken haben also nicht Geld genommen für ihren Verrat, sondern Geld gezahlt.»

Es habe niemand die Lagerhäftlinge mit offenen Armen empfangen, als sie zurückgekommen seien. Denn Slowaken hätten das Eigentum der Juden gestohlen, als ebendiese Juden von den Deutschen verschleppt worden waren. Und nun, als die Juden wieder da waren, hätten die Slowaken die gestohlenen Güter nicht mehr zurückgeben wollen.

«In der Schweiz habe ich sowieso nie Antisemitismus erlebt.»

Er sei kein praktizierender Jude, sagte Lefkovits zum Schluss. Für ihn sei das Judentum wichtig, speziell Israel, jedoch vor allem aus politischer Sicht, denn dieser Staat bot den Überlebenden des Holocaust eine neue Heimat. Ihn ziehe es allerdings nicht nach Israel.

«Ich bin glücklich in der Schweiz.»

Weitere Informationen: www.last-swiss-holocaust-survivors.ch