Wattwil
50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts: Frauen sind essenzieller Teil der Politik

Der Film «De la cuisine au parlement» zeigt den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung, der mehr als 100 Jahre dauert. Nach der Vorführung im Kino Passerelle in Wattwil sprachen vier Frauen über ihre aktuelle Situation und erzählten, was ihnen beim Film durch den Kopf gegangen ist.

Sabine Camedda
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Sind sich einig, dass der Kampf der Frauen noch nicht beendet ist: (von links) Clarisse Pellizzari, Kathrin Bolt, Rita Roos und Franziska Ryser.

Sind sich einig, dass der Kampf der Frauen noch nicht beendet ist: (von links) Clarisse Pellizzari, Kathrin Bolt, Rita Roos und Franziska Ryser.

Bild: Sabine Camedda

Einige Szenen auf der Leinwand muten im Jahr 2021 fremd an. Frauen an der Urne? Nein, das können sie sich nicht vorstellen, sagen Mitglieder eines Westschweizer Ringerklubs in einem Filmausschnitt aus den 1950er-Jahren. Warum nicht? Das entspreche nicht dem Wesen der Frau. Auch einige Frauen äussern sich damals ablehnend zum Frauenstimmrecht. Ihr Platz sei zu Hause bei der Familie und den Kindern, sagte eine und erntete von ihrem Mann Zustimmung.

Der Film zeigt aber auch anderes: Frauen, die sich seit dem Ende des Ersten Weltkriegs für ihre Rechte einsetzten und noch immer dafür kämpfen. Solche Feministinnen gaben 1929 im Bundeshaus eine Petition ab, in welcher sie das Stimm- und Wahlrecht forderten. Bis es allerdings so weit war, dauerte es noch einige Jahrzehnte.

Der Film «De la cuisine au parlement» zeigt, dass Frauen bereits 1929 mit einer Petition das Frauenstimmrecht forderten.

Der Film «De la cuisine au parlement» zeigt, dass Frauen bereits 1929 mit einer Petition das Frauenstimmrecht forderten.

Bild: PD

Mit dem Ja zum Frauenstimmrecht im Februar 1971 gaben sich die Frauen aber nicht zufrieden. Es zog noch einmal mehr als ein Jahrzehnt ins Land, bis die Frauen mit Elisabeth Kopp im Bundesrat vertreten waren. Und ziemlich schnell schon wieder nicht mehr. Frauen, die ihren Teil zur Verbesserung der Stellung der Frauen betrugen oder darüber geforscht haben, erzählten eindrücklich, wie sie die Zeit bis zum zweiten Frauenstreik von 2019 erlebt haben.

Das politische Leben in der Schweiz vor 1971, gezeigt im Film «De la cuisine au parlement».

Das politische Leben in der Schweiz vor 1971, gezeigt im Film «De la cuisine au parlement».

Bild: PD

Von «Elefanten» und Frauen mit «dicker Haut»

Der Film bot mehr als genügend Gesprächsstoff für eine Podiumsdiskussion. Die Nationalrätin Franziska Ryser, die ehemalige Regierungsrätin Rita Roos und die Pfarrerin und Kabarettistin Kathrin Bolt breiteten ihre Gedanken gegenüber der Moderatorin Clarisse Pellizzari, ehemalige Kantonsrätin, und dem Publikum aus.

Rita Roos bestätigte Clarisse Pellizzaris Eindruck, dass ein Mann anstelle von Bundesrätin Elisabeth Kopp nicht zum Rücktritt gedrängt worden wäre. Es sei wohl darum gegangen, dass Männer ihre Macht demonstrieren wollten. Dieses Machtbewusste habe sie später in der St.Galler Regierung auch gespürt, sagte Rita Roos. Sie habe diese Männer darum «Elefanten» genannt.

Clarisse Pellizzari nahm einen anderen Punkt auf: Frauen seien zu emotional und zu dünnhäutig für die Politik, lautete ein Argument gegen das Stimm- und Wahlrecht. Dem hielt Nationalrätin Franziska Ryser, die von sich sagt, dass ihre Haut dick genug sei, entgegen. Es sei ein Vorurteil, das Frauen weniger Kritik aushalten würden als Männer.

Der Ton hat sich in der Zwischenzeit verändert

Viel mehr störte die junge Politikerin der Ton in den alten Dokumenten, der gegenüber den ersten Frauen im Parlament angeschlagen wurde. Lise Girardin, die erste Stadtpräsidentin von Genf, musste gegenüber Journalisten rechtfertigen, wie sie die Familienarbeit – und damit auch das Einkaufen – und ihr Amt unter einen Hut bringen kann.

Gar nicht einig ist Franziska Ryser mit der Aussage der Walliserin Gabrielle Nanchen, die als eine der ersten Frauen in den Nationalrat eingezogen ist. Nanchen erzählte, sie habe sich in der ersten Legislaturperiode bewusst nicht profiliert. «Heute sind Frauen aber ein essenzieller Teil der Politik», sagte Franziska Ryser. Immerhin seien 42 Prozent der Sitze im Nationalrat von Frauen besetzt. Das zeige sich auch in der Politik, die gemacht werde.

Die Reise ist noch lange nicht zu Ende

Um für ihre Anliegen einzustehen, führten die Frauen im Juni 2019 schweizweit einen Streik durch.

Um für ihre Anliegen einzustehen, führten die Frauen im Juni 2019 schweizweit einen Streik durch.

Bild: PD

Für die beiden jüngeren Frauen, Kathrin Bolt und Franziska Ryser, sind einige Forderungen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem müsse weitergemacht werden, auch wenn sie manchmal mit diesem Kämpferischen selbst zu kämpfen habe, sagte Kathrin Bolt. Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie sei bei ihr ein grosses Thema. Aber: Diese Frage sollte auch den Vätern gestellt werden.

Noch etwas macht die Seelsorgerin betroffen: Sie erlebe es bei ihrer Arbeit, wie Frauen mit Kindern nach einer Scheidung in die Armut abfallen. Oftmals, weil sie beruflich zurückgesteckt und dafür unbezahlte Haus- und Carearbeit geleistet haben. In diesen Punkten gebe es noch einiges zu tun.

Die vier Frauen waren sich einig, dass es eine lange Reise war, bis die Schweizer Männer 1971 Ja zum Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene gesagt haben. Die Reise sei aber noch lange nicht zu Ende, bis alle Forderungen erfüllt sein. Dabei gelte es auf allen Ebenen, Lösungen zu finden und die Frauensolidarität weiterzuleben.