WANDERUNG
Auf dem Toggenburger Höhenweg: Ein versteckter Wasserfall, keine Kerzen in der Grotte und vergebliches Warten auf das Postauto

Wandertipp XXL (1/6): Auf einer Strecke von gut 90 Kilometern zieht sich der Toggenburger Höhenweg westlich der Thur von Wil hinauf bis nach Wildhaus – und das in 6 Etappen und 35 Stunden Wanderzeit. Der erste Abschnitt befindet sich zu einem grossen Teil in der Gemeinde Kirchberg.

Simon Dudle
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Ein erster Höhepunkt auf dem Toggenburger Höhenweg: der Giessenfall bei Dietschwil.

Ein erster Höhepunkt auf dem Toggenburger Höhenweg: der Giessenfall bei Dietschwil.

Bild: Simon Dudle

In praktisch allen Beschreibungen wird der Toggenburger Höhenweg von oben nach unten begangen, also von Wildhaus nach Wil. Weil es mehr ab- als aufwärtsgeht. Diese Zeitung findet: Im Frühjahr 2021 muss es dringend aufwärtsgehen – und wir beginnen die Wanderung am Wiler Bahnhof. Die erste Etappe funktioniert auch jetzt im März schon, der sich eher wie ein Januar anfühlt. Mit Wanderschuhen und guter Trittsicherheit sind die ersten rund 24 Kilometer hinauf auf die Hulftegg gut machbar, auch wenn an den Schattenhängen noch einiges an Schnee liegt. Die nötige Vorsicht ist allerdings geboten.

Da unterwegs alle Restaurants geschlossen sind und Einkaufsmöglichkeiten nicht bestehen, lohnt sich das Beschaffen von Proviant spätestens vor dem Start in Wil. Der Start am Äbtestädter Bahn-Knotenpunkt auf 570 Metern Seehöhe ist gemächlich. Südwärts wird die Stadt verlassen. Bevor man das Toggenburg erreicht, werden mit Wilen und Rickenbach zwei Hinterthurgauer Gemeinden durchschritten. Und nach knapp einer halben Stunde ist beim Vogelherd festzustellen: Die ersten 13 Höhenmeter sind geschafft – abwärts.

Auf die Plätze, fertig los. Beim Südportal des Wiler Bahnhofs.

Auf die Plätze, fertig los. Beim Südportal des Wiler Bahnhofs.

Bild: Simon Dudle

Giessenfall oder Giessenbachfall?

Doch dann geht es los: Willkommen im Toggenburg. Der Weg steigt an. Die erste Pause eignet sich beim ziemlich gut versteckten und recht spektakulären Giessenfall unweit des Dorfes Dietschwil. Dort stürzt der Altbach rund 40 Meter über einen Nagelfluhfelsen in die Tiefe. Gleich mehrere Grillstellen gibt es in der Nähe. Und wie war das nochmals mit den Namensvettern? Giessenfall im unteren Toggenburg, Giessbachfälle im Kanton Bern. Und ja: Auch bei Nesslau gibt es einen Giessenfall, der in die Thur hinabfällt. Alles klar?

Zeit für derlei Gedanken ist im Verlauf der ersten Wanderetappe zur Genüge vorhanden. Immerhin wird mehr als ein Halbmarathon zurückgelegt. Vor allem wird einem klar, wie gross doch die Gemeinde Kirchberg ist. Der mit Abstand grösste Teil dieser ersten Etappe verläuft auf Kirchberger Gemeindegebiet. Zu diesem gehören neben den fünf grösseren Dörfern Bazenheid, Kirchberg, Gähwil, Dietschwil und Müselbach rund 100 Weiler. Etwa 42,5 Quadratkilometer ist die Gemeinde gross und gehört damit zu den grösseren im Kanton. Allerdings ist Kirchberg längst nicht kantonaler Leader in dieser Rangliste. Diesen Titel schnappt sich Mels mit fast 140 Quadratkilometern. Und selbst im Toggenburg ist Nesslau mehr als doppelt so gross.

Möglichkeit für eine Pause auf dem Stäägenpass zwischen Ötwil und Gähwil.

Möglichkeit für eine Pause auf dem Stäägenpass zwischen Ötwil und Gähwil.

Bild: Simon Dudle

Ruhe auf der Iddaburg

Über so manchen Kirchberger Hügel führt der Weg, und ein weiterer Stopp bietet sich auf dem Stäägenpass zwischen Gähwil und Ötwil an. Danach rückt das nächste Zwischenziel in den Fokus: die Iddaburg. Angesteuert wird sie nicht von Gähwiler Seite her, sondern von Fischingen. Die ziemlich nahe beieinanderstehenden 14 Kreuzwegstationen deuten an, dass der Höhepunkt des Tages bald erreicht ist. Denn höher als der Kraftort auf 962 Metern über Meer ist man während dieser Etappe nie.

Der Aufstieg zum Wallfahrtsort hat sich gelohnt: Blick von der Iddaburg Richtung Nord-Osten.

Der Aufstieg zum Wallfahrtsort hat sich gelohnt: Blick von der Iddaburg Richtung Nord-Osten.

Bild: Simon Dudle
Keine einzige Kerze brennt in der Lourdes-Grotte der Iddaburg.

Keine einzige Kerze brennt in der Lourdes-Grotte der Iddaburg.

Bild: Simon Dudle

An diesem sonnigen Freitagnachmittag in der zweiten Märzhälfte ist praktisch nichts los auf der Iddaburg. Nur ein paar Bauarbeiter sind da. Die Vorbereitungen für die Sommer- und Nach-Corona-Saison laufen. Kaum Ausflügler. Und selbst in der Lourdes-Grotte brennt keine einzige Kerze. Haben alle schon aufgegeben? Oder ist der eine Franken zum Kauf einer Kerze zu teuer? Fragen, denen auf dem Abstieg, dem ein Auf- und dann wieder ein Abstieg Richtung Mühlrüti folgt, nachgehangen werden kann.

Für das Postauto bedarf es Planung

Nach etwa sieben Stunden Brutto-Wander- und Rast-Zeit ist Mühlrüti, das zur Gemeinde Mosnang gehört, erreicht. Für Wanderer, welche den Höhenweg nicht während einer Woche am Stück zurücklegen, sondern sich immer mal wieder eine Etappe rauspicken, ist hier das erste Ziel gekommen. Postautos fahren nach Bütschwil, an Sonntagen allerdings nur im Zwei-Stunden-Rhythmus.

Ein mögliches Ziel der ersten Etappe: das Dorfzentrum von Mühlrüti.

Ein mögliches Ziel der ersten Etappe: das Dorfzentrum von Mühlrüti.

Bild: Simon Dudle

Offiziell führt die erste Etappe aber noch knapp eine Stunde weiter, hinauf auf die Hulftegg, welche Mühlrüti mit Steg im Tösstal verbindet. Es geht nicht der Strasse entlang. Somit stehen auch keine bei Töfffahrern beliebten Serpentinen auf dem Programm. Dafür geht es noch einmal ordentlich aufwärts, um auf 952 Metern über Meer das eigentliche Tagesziel zu erreichen. Belohnt wird man unter anderem mit einem Witzweg für Kinder. Mit dem Postauto soll es nun zurück nach Mühlrüti–Mosnang–Bütschwil gehen. Soll. Denn ein ebensolches erscheint an diesem Freitagvorabend nicht. Was ist da los mit der Fahrplanstabilität? Genaueres Fahrplan-Lesen wäre angebracht gewesen. Denn auf der Strecke Mühlrüti–Hulftegg fährt das Postauto von Montag bis Freitag nur, wenn man es mindestens 24 Stunden im Vorfeld telefonisch bestellt und dann einen Zuschlag von fünf Franken bezahlt. Am Wochenende genügt es, wenn die Postautobestellung eine halbe Stunde im Voraus beim Restaurant Hulftegg telefonisch erfolgt. Nun gut: Auch der Abstieg nach Mühlrüti wird bei einfallender Dunkelheit noch bewältigt.

Fazit: Obwohl die Wanderzeit lang ist, wird einem nicht langweilig, da der Pfad abwechslungsreich ist. Beginnend auf geteerten Strassen in Wil, dann auf breiten Naturstrassen im untersten Toggenburg, über schmale Holzbrücken entlang des Altbaches, schmalen Wegen hinauf zur Iddaburg – oder gar einmal über ein unberührtes Schneefeld zwischen Iddaburg und Mühlrüti. Der Frühling wird dieser Etappe zusätzliche Attraktivität verleihen, wenn die Natur spriesst.

In loser Folge beschreitet diese Zeitung heuer die sechs Etappen des Toggenburger Höhenwegs von Wil nach Wildhaus.