Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Wahr ist nicht, was stimmt – Simon Enzler begeistert im ausverkauften Zeltainer in Unterwasser

Der Innerrhödler Kabarettist Simon Enzler trat in Unterwasser auf. Er brachte das Publikum mit seinen bissigen Erzählungen zum Lachen, Nachdenken und Applaudieren.
Rudolf Steiner
Simon Enzler gibt sich im Zeltainer ganz zeitgemäss und hat fast pausenlos das Handy am Ohr. (Bild: Rudolf Steiner)

Simon Enzler gibt sich im Zeltainer ganz zeitgemäss und hat fast pausenlos das Handy am Ohr. (Bild: Rudolf Steiner)

Wenn Simon Enzler auf der Affiche steht, brauchen sich die Veranstalter um volle Säle keine Sorgen zu machen. Das war am Donnerstag und Freitag bei den beiden Auftritten des Kabarettisten im Zeltainer ebenfalls der Fall. An beiden Abenden war die Location lange im Voraus bis auf den letzten Platz ausverkauft und auch für die beiden geplanten Auftritte im September gibt es nur noch wenige Plätze, wie Veranstalter Martin Sailer verriet.

Bissiger «Götti» des Zeltainers

Simon Enzler ist so etwas wie ein Zeltainer-Urgestein und gerngesehener Gast. Er ist 2003 bei der Gründung als erster Künstler – damals noch in Wildhaus – und seither immer wieder im Zeltainer in Unterwasser aufgetreten. Der 43-jährige Appenzeller enttäuschte das Publikum mit seinen bissigen Kommentaren, nachdenklichen Bemerkungen und cholerischen Wutausbrüchen im neuen Programm «Wahrhalsig» nicht.

Zeitgemäss fast pausenlos mit dem Handy am Ohr spritzt er Gift und Galle. Er macht sich Gedanken, wie er sich über die nächsten 22 Jahre möglichst geruhsam, dafür mit umso mehr Risiko in den Ruhestand retten kann und will daher seinen Lebensunterhalt mit einem Food-Truck in einem alten VW-Bus bestreiten. Zu diesem Zweck kauft er schon mal einen grösseren Posten (1200 Stück) vakuumierte Bratwüste günstig ein, auf denen er während der ganzen Vorstellung trotz Businessplan und mehrerer verzweifelter Verkaufsversuche sitzen bleibt. Bitterbös kommt er dabei in seinem unverwechselbaren toxischen Innerrhödler Dialekt auf Gluten, Lactoseintoleranz und Allergiker zu sprechen.

Wahl zwischen Flexarier und Fruktarier

Als letzten Schrei könne man heute sogar zwischen Flexitarier und Fruktarier wählen. Diese modernen Erscheinungen seien ein Luxusproblem für diese «mageren Sauhaken», wie er Vegetarier bezeichnet, und verursachten Magenbrennen, gegen das er als Appenzeller natürlich naheliegend Alpenbitter empfiehlt. Es werde immer schwieriger, zu unterscheiden, was in unserem Handyzeitalter und der Allgegenwart von Google wahr ist.

«Wahr ist nicht, was stimmt, sondern was die Leute glauben», stellt Enzler zynisch fest und fläzt sich entspannt in einem Ikea-Campingsessel, schwärmt dabei von seinem Campingurlaub in Kroatien. Wie jedes Jahr natürlich auf demselben Stellplatz und zufälligerweise auch mit den gleichen Zeltnachbarn aus dem Nachbarland im Norden – und aus dem Thurgau. Statt erhoffter Erholung und Geniessen der fremden Kultur ärgert er sich über diese «Sauschwaben» – «Hat es Deutsche hier?», erkundigt er sich darauf besorgt beim Publikum – und über einen deutschen Anglerkollegen, der anstelle von ihm mit seinem ausgeliehenem Anglerequipment den dicken Fisch fängt.

Nach zwei Stunden noch standfest

Zwei Stunden sind fast vorbei, Enzler steht immer noch standfest und mit stechendem Blick und wildgestikulierend auf der Bühne, wettert und spritzt Gift und Galle gegen Facebook, Instagram und die tägliche Informationsflut. Das könne man ja problemlos sechs Wochen später im Appenzeller Volksfreund nachlesen, meint er lakonisch, allerdings nicht gerade umsatzfördernd und kommt unweigerlich zum Ende und zu möglichen Zugaben. «Da begebe ich mich immer auf dünnes Eis und habe eine zwiespältige Meinung.» Für ihn sei es immer ein grosser Druck, für die fremdfinanzierten Plätze in der ersten Reihe noch Zugaben zu geben und verabschiedet sich wahrhaftig und wahrhalsig mit grossem Applaus bis im Herbst am gleichen Ort.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.