Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Vor den Schranken des Kreisgerichts – Den Bruder mit dem Schlagstock traktiert

Ein 20-jähriger Schweizer ist wegen der versuchten schweren Körperverletzung angeklagt. Das Opfer ist sein Bruder. Die ­Anklage beantragt 24 Monate Gefängnis. Der Verteidiger plädiert für 15 Monate mit Aufschub zu Gunsten einer ambulanten Massnahme.
Martin Knoepfel
Im Oktober 2017 griff ein Mann seinen Bruder in der Wohnung, in der beide zusammen mit der Mutter lebten, mit den Fäusten und mit einem Schlagstock an. (Bild: Getty)

Im Oktober 2017 griff ein Mann seinen Bruder in der Wohnung, in der beide zusammen mit der Mutter lebten, mit den Fäusten und mit einem Schlagstock an. (Bild: Getty)

Der Richter weist auf den zehn Zentimeter dicken Aktenstapel vor sich auf dem Tisch. «Das sind alles Akten im Zusammenhang mit Ihnen», hält er dem Angeklagten vor. Dieser, ein 20-jähriger Schweizer, ist gelernter Maurer. Mit 14 Jahren ist er erstmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In der Befragung sagt er, er wolle Arbeit finden, die Schulden zahlen und eventuell die Polierschule machen. Der Mann hat eine bewegte Kindheit und Jugend hinter sich, mit Wechseln von Pflegefamilien in Jugendheime und zurück. 14 Wechsel seien es, wird der Verteidiger später sagen. Der Angeklagte habe es nur in Pflegefamilien mit wenig Regeln länger ausgehalten, argumentiert der Staatsanwalt.

Am Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig muss sich der Angeklagte am Mittwoch wegen versuchter schwerer Körperverletzung sowie Vergehen gegen das Waffengesetz und Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes verantworten. Diese beiden Vorwürfe wiegen weniger schwer und sind unbestritten.

Alkohol ist vorher reichlich geflossen

Der Bruder des Angeklagten – das Opfer – stösst später dazu. Als er in einer Pause den Saal verlässt, würdigt er den Angeklagten keines Blicks. Die Polizei hat diesen aus dem Gefängnis Gossau gebracht. Im Gerichtssaal nehmen die Polizisten dem Mann auf Verlangen des vorsitzenden Richters die Handschellen ab. Die Fussfesseln bleiben. Der Angeklagte trägt Jeans und Kapuzenpullover. Er folgt den Plädoyers sowie der Befragung des Gutachters fast ohne Regung. Er schüttelt nur den Kopf, als der Staatsanwalt argumentiert, allein Zufall und Glück sei es zu verdanken, dass das Opfer nicht schwer verletzt wurde.

Er habe seinen Bruder verdächtigt, ihm Geld gestohlen zu haben, und habe ihm eine Lektion erteilen wollen, erklärt der Mann den Grund für den Angriff. Das Verhältnis zum Bruder sei aber schon früher schwierig gewesen. Er sagt, er habe kein Verlangen mehr nach Alkohol. Zum Cannabiskonsum sagt der Angeklagte: «Wenn ich muss, dann muss ich».

Tatablauf mehrheitlich geklärt

Der Tatablauf Ende Oktober ist nur in Details umstritten. Der Angriff geschieht in einer Wohnung im Neckertal. Der Angeklagte lebt dort seit vier Monaten, also seit dem letzten Heimaufenthalt, mit der Mutter und dem Bruder. An Wochenenden kommt die Schwester heim. Am Tattag grillieren die Geschwister und der Freund der Schwester in Dietfurt an der Thur. Alkohol fliesst reichlich. Nur der Freund der Schwester, der keinen Alkohol trinke, sei am späten Abend noch nüchtern gewesen, sagt der Verteidiger.

Der Angeklagte hat einen Teleskopschlagstock aus Metall dabei, den er illegal gekauft hat. Man brauche einen Stock zum Angeln, erklärt er. Auf der Rückfahrt zerbricht der Bruder dem Angeklagten fünfmal Zigaretten, die dieser im Zug anstecken will.

In der Wohnung fordert der Angeklagte den Bruder auf, ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen, damit er zurückschlagen könne. Der Bruder weigert sich und will in sein Zimmer. Der Angeklagte stösst darauf den Bruder gegen eine Wand und schlägt nun mit dem Stock zu, so dass dieser bricht. Es sind mehrere Hiebe, einen, auf den Kopf gezielt, wehrt der Bruder ab. Der Angreifer drückt seinen Bruder gegen ein Bild an der Wand, so dass das Glas zerbricht. Zuletzt können die Schwester und ihr Freund den Angeklagten fixieren. Die Verletzungen des Opfers sind oberflächlich, Wunden an Kopf und Schulter sowie eine Bisswunde an einem Finger.

Antrag gegenüber Anklageschrift modifiziert

Stockschläge gegen Kopf und Hals könnten schwere Verletzungen verursachen. Der Angeklagte habe dies angestrebt oder billigend in Kauf genommen, sagt der Staatsanwalt. Er beantragt einen Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung und eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Sie solle im Gegensatz zur Anklageschrift nicht mehr zu Gunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden.

Die Prognose sei schlecht, also sei die Strafe unbedingt auszusprechen. Die bedingte Geldstrafe von 1500 Franken, die der Angeklagte im Herbst 2017 in Winterthur erhalten hat, sei zu vollziehen. Das heisst, der Angeklagte muss bezahlen. Dem Angeklagten fehle die Empathie für die von ihm geschädigten Personen. Das psychiatrische Gutachten sei in der Diagnose präzise und in den Empfehlungen vage. findet der Staatsanwalt. Das Waffen- und das Drogendelikt will er mit 800 Franken Busse ahnden.

Unverwertbare Protokolle der Einvernahmen?

Der Verteidiger plädiert für einen Schuldspruch wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung sowie wegen Verstösse gegen das Waffen- und das Betäubungsmittelgesetz und beantragt 15 Monate Freiheitsstrafe, aufgeschoben zu Gunsten einer ambulanten Massnahme. Dazu soll eine Busse von maximal 500 Franken kommen. Sein Mandant sei aus dem vorzeitigen Strafvollzug zu entlassen. Die Geldstrafe solle nicht widerrufen werden, sagt der Anwalt.

Die Protokolle der ersten Einvernahmen seien nicht verwertbar, da sein Mandant nicht über das Aussageverweigerungsrecht informiert wurde, sagt der Verteidiger. Das gelte auch für die Aussage des Angeklagten, er hätte den Bruder erschossen, wenn er eine Schusswaffe gehabt hätte.

Das lässt der Staatsanwalt nicht gelten. Man habe einen Verteidiger organisiert, sobald das nötig gewesen sei. Das Institut für Rechtsmedizin stufe Knochenbrüche am Kopf als lebensgefährlich ein, sagte der Staatsanwalt. Die Zeugenaussagen stimmten alle überein, soweit das beim raschen Tatablauf möglich sei.

Urteil steht noch aus

Den Tatablauf bestreitet der Verteidiger nicht, aber die Wertung als versuchte schwere Körperverletzung. Diese sei nicht erfüllt, da das Opfer nicht bleibend entstellt und kein lebenswichtiges Organ verletzt worden sei. Es habe einen nicht sehr heftigen Schlag auf den Kopf erhalten. Sein Mandant habe die Strafe abgesessen. Sühne sei kein Thema mehr. Jetzt zähle nur, welche Behandlung für seinen Mandanten am besten sei, sagte der Verteidiger. Der Gutachter empfehle eine ambulante Massnahme. Das Gericht gibt das Urteil später bekannt.

Moderate Chance bei ambulanter Therapie

Das Gericht befragt auch einen psychiatrischen Gutachter. 2017 hat dieser eine ambulante Therapie als voraussichtlich erfolglos bezeichnet, da sich der Angeklagte der Therapie rasch entziehen werde. Stattdessen empfahl der Gutachter eine stationäre Massnahme, obwohl er hier die Aussichten als nicht gut einstuft. Der Angeklagte ist laut Aussage des Gutachters unreif, besitzt eine Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Zügen. Der Angeklagte wolle nur eine Therapie zu seinen eigenen Bedingungen absolvieren. Das gehe nicht. Er kenne keinen Fall, wo eine stationäre Massnahme in dieser Konstellation erfolgreich gewesen sei, sagt der Gutachter. Zugleich attestiert er dem Angeklagten Intelligenz. Das zeigten die Noten in der Berufsschule. Im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) habe der Angeklagte nur den eigenen Regeln folgen wollen und mit Provokation reagiert. Dazu seien gravierende Regelverstösse gekommen. In der Arrestzelle habe der Angeklagte die Zahnbürste zugespitzt, sagt der Gutachter. In der Befragung erklärt das der Angeklagte damit, dass er mit der Zahnbürste auf die Wand habe kritzeln wollen.


Das MZU lehnt eine Wiederaufnahme des Angeklagten ab. Der Verteidiger wird später den Abschlussbericht des MZU als unverwertbar bezeichnen, weil man seinen Mandanten nicht aufgeklärt habe, dass Aussagen gegenüber Therapeuten vor Gericht verwendet würden. Vor Gericht rät der Gutachter zu einer ambulanten Therapie mit flankierenden Massnahmen wie der Bewährungshilfe. Die Erfolgsaussichten seien moderat und damit leicht höher als bei der stationären Massnahme. (mkn)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.