Von der Juuzerin, die das Jodeln im Toggenburg gelernt hat

Karin Gwerder ist als Juuzerin ein Naturtalent. Früher verbreitete sie Stimmung in mancher Beiz – jetzt singt und spielt sie zum zweiten Mal im Jodelmusical. Premiere ist morgen Freitag im Thurpark in Wattwil.

Michael Hug
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Karin Gwerder stammt aus einer Volksmusikkomponistenfamilie.

Karin Gwerder stammt aus einer Volksmusikkomponistenfamilie. 

Bild: Michel Canonica

Sie sind ein wenig eigen, die Muotathaler aus dem Kanton Schwyz. Aber das sind die Toggenburger ja auch. Und so passen sie doch gut zusammen. Die einen wissen, wie man mit Musik, mit Singen und Zäuerlen gute Stimmung macht. Die anderen wissen es ebenso, nur zäuerlen sie nicht, sie juuzen. Manchmal kommen die einen zu den anderen und zeigen, wie das geht. Dann steigt Stimmung am Fest, an der Stobete, im «Löwen» oder im «Chrüüz» und die Nacht wird lang.

Bei solchen Gelegenheiten ist Karin Gwerder öfters auch dabei – und so ist die Schwyzerin auf den St.Galler Simon Lüthi getroffen. «Man hat sich gesehen, aber es ging dann noch eine Weile, bis wir zusammenkamen.» Auf einem Fest sei es gewesen – sie hat ihn zum Tanz aufgefordert.

Man bleibt im Tal oder geht richtig

Heute ist Karin Gwerder mit Simon Lüthi liiert, lebt im gemeinsamen Haus in Ebnat-Kappel:

«Wenn man im Muotathal aufgewachsen ist, dann bleibt man eigentlich immer dort. Wenn man aber doch wegzieht, dann sicher nicht ins Nachbardorf, dann schon gleich richtig weg.»

Es gäbe Gründe genug, im Tal zu bleiben, sagt Gwerder, aber es gibt auch Gründe, um wegzuziehen: «Weit ist es ja nicht in die Innerschweiz und wir sind auch öfters dort.» Entweder um Familie und Freunde zu besuchen, oder um mal wieder in vertrauter Umgebung gemeinsam mit anderen zu juuzen. Mit Karin Gwerder juuzen die Muotathaler gerne: «Es gab früher eine weitherum bekannte, legendäre Beiz bei uns im Tal, das Chrüüz, da hat man sich oft spontan getroffen. Dann wurde gesungen und gejuuzt.» Sie spielte auch Theater: im berühmten Muotathaler Theater, das durch seinen Dialekt und die urchige Art weit über das Muotathal hinaus bekannt ist.

Viel im Ausgang unterwegs

Das Juuzen hat Karin Gwerder schon als Teenager gelernt: «Im Ausgang waren wir viel unterwegs, wir waren eine Clique mit Beni Betschart, meinem Cou-Cousin, seinen und meinen Freunden.» Gwerders Grossmutter war die bekannte Komponistin Cecilia Schmidig, die heuer 100 Jahre alt geworden wäre. Ihr Grossvater war Franz Schmidig, auch ein bekannter Volksmusikkomponist. Früher wurde viel mehr in der Familie gesungen, sagt die Enkelin, so trug man das Liedgut und die Jüüz weiter. Lernen kann man es nur durch zuhören und nachmachen.

«In einem Verein war ich aber nie und aus- oder weitergebildet habe ich mich auch nie.»

Wenn man ein Naturtalent ist, bekommt man allenthalben eine Rolle in einem Jodelmusical. Karin Gwerder hat sie bekommen: Im ersten Jodelmusical «Stilli Zärtlichkeite» spielte sie die Alice, die Frau von Sepp und tourte mit dem Ensemble zwei Winter hintereinander durchs Land. 30 Vorstellungen, fast jedes Wochenende zwei Auftritte. Nun kommt das zweite Jodelmusical – Gwerder spielt und singt Elsbeth Kummer, eine Bankangestellte. Am 10. Januar ist Premiere im Thurpark Wattwil – ein Tag nach ihrem 40. Geburtstag.

Das Jodeln im Toggenburg gelernt

«Im ersten Jodelmusical habe ich sehr viel über das Singen und Jodeln im Toggenburg gelernt.» Die Art, wie man im Toggenburg jodelt, gefalle ihr gut und manchmal singt sie mit, wenn es eine Gelegenheit gibt, «nimmt eins» wie man sagt: «Aber so gut wie die hier werde ich es wohl nie können.» Wenn es ihr fehlt, das Juuzen, dann fahre sie «halt öppe einsch i d’Heimat.»

Aber: «Mit einem Juuz kann man nicht an ein Jodelfest, da können sie es nicht bewerten. Wir würden schlecht abschneiden – aber anpassen wollen wir uns auch nicht.» Doch mit Singen und Juuzen kann man weder im Toggenburg noch im Muotathal viel Geld verdienen. Karin Gwerder lernte Maurerin: «Ich wollte etwas Handwerkliches machen und habe es durchgesetzt.» Aber nach der Lehre weitermachen wollte sie nicht: «Ich habe gesagt: Also im Winter komme ich nicht mehr!»

In der Sackmesserfabrik als Betriebsmitarbeiterin

Sie wechselte das Fach und ging in die Gastronomie. Nach einem Jahr wechselte sie nochmals und wurde Betriebsmitarbeiterin bei der Victorinox in Schwyz: «Dort habe ich alles gemacht, Metzgermesser geschliffen, Lieferungen verpackt. Als ich nach dreizehn Jahren ging, war ich Sachbearbeiterin im Bereich Reparaturen.» Nach ihrem Umzug nach Ebnat-Kappel 2013 fand Gwerder schnell eine Stelle bei der Bürstenfabrik. Sie begann in der Produktion und heute arbeitet sie im Qualitätsmanagement.

Nebenberuflich liess sie sich zur klassischen Masseurin ausbilden: «Grad diesen Sommer habe ich auch den Berufsmasseur abgeschlossen.» Ihre Praxis betriebt sie im Gebäude der Bürstenfabrik: «Der Arbeitgeber hat erkannt, dass Massage auch der Prävention dienen kann und deshalb bekommen Bürsti-Mitarbeiter einen Zustupf, wenn sie zu mir kommen.» Doch auch Privatkunden massiert sie: «Ich mache klassische Massage, Dorntherapie, Sportmassage oder Hot Stone und neu auch energetische ­Behandlungen mit Zeichen nach ­Körbler.»

Juuzen an Geburtstagen, Hochzeiten und im Chor

Wenn Karin Gwerder nicht arbeitet, massiert oder heilt, wandert sie durchs Toggenburg oder erkundet es mit dem Bike. Oder singt und juuzt mit Partner Simon Lüthi, mit Beni Betschart, mit Jodlern im Toggenburg oder im Muotathal, sie juuzt an Geburtstagen, Hochzeiten, singt im Ebnat-Kappler Adhoc-Chor, in verschiedenen Chorprojekten wie kürzlich im «Jugendstreich» von Matthias Ammann.

«Ich bin nicht so der Vereinsmensch, aber ich habe mich gut eingelebt hier, auch weil Simon viele Leute kennt und wir viel unternehmen.»

Nun fiebert sie der morgigen Premiere des zweiten Jodelmusicals «Uf immer und ewig» entgegen: «Doch erst mal wird Geburtstag gefeiert!» Ob sie da auch aus vollem Herzen juuzt?