Von den Churfirsten in den Himalaja und fast bis auf das Dach der Welt: Der Oberuzwiler Hansruedi Wirth schaut auf eine bewegte Bergsteigerkarriere zurück

Hansruedi Wirth aus Oberuzwil war Höhenbergsteiger. Viele Sechs-, Sieben- und vier Achttausender im Himalaja hat er bestiegen. Am 20. November tritt er als Präsident des SAC Sektion Uzwil ab.

Christiana Sutter
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Vor den Churfirsten blickt SAC-Uzwil-Präsident Hansruedi Wirth auf eine eindrückliche Bergsteigerkarriere zurück.

Vor den Churfirsten blickt SAC-Uzwil-Präsident Hansruedi Wirth auf eine eindrückliche Bergsteigerkarriere zurück.

Bild: Christiana Sutter

Mit den Händen in den Hosentaschen steht Hansruedi Wirth vor dem Klubhaus des SAC Uzwil. Seit 1996 ist er Präsident der Sektion, seit 1951 hat diese ihr Klubhaus auf der Selamatt in Alt St.Johann. Es ist kalt an diesem Morgen. Feine Nebelschwaden ziehen über die Alpweiden.

Wirth schaut zufrieden auf die Churfirsten, diese haben bereits ein Schäumchen Schnee auf den Gipfeln. «Der Zuestoll ist mein Lieblingschurfirst», sagt der 77-Jährige. Dort, auf dem Gipfel des Zuestolls, hat der pensionierte Architekt schon öfters seinen Geburtstag gefeiert. Mit seiner Frau lebt er in Oberuzwil. Die Tochter und die beiden Söhne sind längst ausgezogen und haben selber Kinder. «Wir sind Grosseltern von neun Enkelinnen und Enkeln», sagt Wirth voller Stolz.

Der Zuestoll ist Hansruedi Wirths Lieblingschurfirst.

Der Zuestoll ist Hansruedi Wirths Lieblingschurfirst.

Bild: Christiana Sutter

Reinhold Messner weckte die Faszination

Bereits als 15-Jähriger hat Wirth in der Pfadi und mit Kollegen die Berge entdeckt. Sie faszinieren den begeisterten Sportler. Eines seiner Hobbys ist die Bergliteratur, vor allem der Extremalpinismus fesselt ihn. In den 1970er- und 80er-Jahren war die Zeit der Eroberung der 14 Achttausender. Wirth hat sämtliche Bergliteratur über diese Zeit bei sich zu Hause. «Meterlang», fügt er lachend an.

Es gab damals einen Wettbewerb unter den arrivierten Bergsteigern: Wer ist der Erste, der alle Achttausender zuerst ohne Sauerstoff besteigen kann? Reinhold Messner und Peter Habeler waren 1978 die Ersten, die den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff bezwungen hatten. Dies war die Zeit, als sich Wirth für die Höhenbergsteigerei zu interessieren begann. Der Architekt besuchte Vorträge der beiden Alpinisten. Auch der Schweizer Alpinist Norbert «Noppa» Joos stand im Wettbewerb. Dieser bestieg insgesamt 13 der 14 Achttausender.

Ohne Mühe auf einen Sechstausender

Als Hansruedi Wirth 45-jährig wurde, sagte er sich, dass er mit 50 keinen dieser üblichen Geburtstage feiern möchte.

«Ich gehe alleine in den Himalaja.»

Er wollte alles selber sehen, was er gelesen hatte, «den Fels selber spüren». Es war der Start von Hansruedi Wirths Karriere als Höhenbergsteiger.

Wirth informierte sich und befand den Island Peak mit 6189 Metern als geeignet. Dieser befindet sich in Nepal und ist in unmittelbarer Nähe des Lhotse, einem der 14 Achttausender. Er schloss sich einer Expedition des Himalaja-Kenners Max Eiselin an. Diesen Berg bestieg Wirth 1993 ohne Mühe. «Das kann es nicht gewesen sein», sagte sich Wirth, der Newcomer in der Höhenbergsteigerei.

Durch Pakistan nach China

Er wollte höher hinaus. Mit Kari Kobler hat er einen Bergführer gefunden, der ihm sympathisch war. «Der Kopf und die Stimme haben mir gefallen», sagt Wirth, «vielleicht auch, dass er ein Ostschweizer ist. Ich habe ihm geschildert, was mir vorschwebt.»

1996 war ein Siebentausender in China das Ziel: Der Muztagh Ata ist 7546 Meter hoch. Ein Siebentausender, der mit Skis bestiegen werden kann. Die Crux war aber, dass die Anreise durch Pakistan ging. «Das will ich nicht», sagte Wirth im ersten Moment. Kobler machte ihm die Reise schmackhaft. «Nur schon die Busfahrt über den Kunjirap-Pass war ein Abenteuer», erinnert er sich zurück. Dieser ist mit 4693 Metern einer der höchsten befestigten Pässe der Welt. Auf dem Aufstieg zum Muztagh Ata gab es drei Höhenlager.

«Das Material haben wir selber hochgetragen, es gab keine Sherpas.»

Noch immer steht Hansruedi Wirth vor dem Klubhaus auf der Selamatt. Sein Blick hat sich auf die andere Talseite gewendet. «Im Alpstein kenne ich die meisten Wege.» Er zeigt hinüber zum Säntis. Er erzählt, dass er immer neue Wege suche, «mir gefällt das».

Wer diesen Berg schafft, schafft auch einen Achttausender

Der Höhenbergsteiger Wirth hat schon das eine oder andere Erlebnis im Fels gehabt. Am sichersten fühlt er sich aber, wenn er alleine unterwegs ist:

«Da habe ich nur Verantwortung für mich selbst.»

Nach der Expedition 1996 sagte Bergführer Kari Kobler zu Hansruedi Wirth, wer auf diesen Berg gekommen ist, schafft auch einen Achttausender. Wirth musste nur kurz überlegen. Zwei Jahre später – 1998 – kam die nächste Herausforderung: ein Achttausender auf der Grenze zwischen Nepal und Tibet.

«Von da an ging ich zirka alle zwei, drei Jahre in den Himalaja.»

Höhenbergsteiger Wirth strahlt und hält einen Moment inne. Er hat mehrere Sechs- und Siebentausender in Tibet, Indien, China, Pakistan und Nepal bestiegen und war an vier Achttausender-Expeditionen mit dabei. Diese Länder hat er nicht nur wegen der Berge für seine Touren ausgesucht, «es sind die Kultur und die Menschen, die mich interessieren».

Bevor er eine Tour in eines dieser Länder antrat, hat sich Wirth intensiv mit dem Land, der Kultur, den Menschen und natürlich mit den Bergen und deren Begehung beschäftigt. Auch mental und körperlich hat er sich auf die Expeditionen vorbereitet. «Es ist viel einfacher einen Berg zu besteigen, wenn du weisst, was dich erwartet.»

200 Meter vor dem Mount-Everest-Gipfel umgekehrt

Auch auf eine Tour am Mount Everest – mit 8848 Metern der höchste Berg der Welt – hat er sich vorbereitet. 200 Meter vor dem Gipfel ist er umgekehrt, die Zeit hätte nicht mehr gereicht. «Ich war stolz, dass ich überhaupt so weit gekommen bin.» Der Expeditionsleiter Kari Kobler habe gesagt, wer um 11 Uhr nicht auf dem Gipfel ist, muss umkehren. «Es war halb 11, ich habe gelernt zu folgen», sagt Wirth und lacht.

Hansruedi Wirth schaffte es fast bis ganz nach oben.

Hansruedi Wirth schaffte es fast bis ganz nach oben.

Bild: PD
«Als Höhenbergsteiger wirst du nur alt, wenn du umkehren kannst.»

Wirth sagt, das Traurigste sei, wenn man nach Hause komme und die Leute nur fragten: «Bisch dobe gsi?» Es interessiere niemanden, ob die Expedition schön gewesen sei. Das galt für ihn nicht.

Der Kreis schliesst sich auf dem Island Peak

Letztes Jahr im Oktober und November hat Hansruedi Wirth zum letzten Mal an einer Expedition im Himalaja teilgenommen. «Ganz bewusst nochmals den Island Peak mit seinen 6190 Metern, ich wollte den Kreis schliessen.» Er wollte erfahren, was sich in den letzten 26 Jahren, seit seiner ersten Expedition im Himalaja, verändert hat.

«Es war eine Enttäuschung, überall hat es Lodges, Essen kann man wie zu Hause, das ist nicht mehr schön.»

Dass es anders sein wird, hat er gewusst. «Das Schlimmste war aber das Handy.» Er schüttelt den Kopf beim Erzählen. Immer und überall hätten die Berggänger das Handy in der Hand gehabt und als Erstes eine Verbindung gesucht. «Heute ist es nur noch Deluxe, das habe ich nie gesucht.» Der Berg ist derselbe, aber der Weg dorthin hat sich verändert.

Mit sich im Reinen

Dass er letztes Jahr mit der Höhenbergsteigerei abgeschlossen hat, war ein bewusster Entscheid, den er auch mit seiner Frau besprochen hat. «Meine Frau hatte nie Angst um mich, sie wusste, dass der Gipfel für mich nicht das Wichtigste ist.»

Man sieht Hansruedi Wirth an, dass er mit sich im Reinen ist. Die Augen strahlen, es ist kein Bedauern im Blick zu sehen. Es war die Grenzerfahrung – der Weg zum Berg, die Menschen und die Kultur, die ihn immer wieder zu Höchstleistungen angespornt haben.

Die Begeisterung den Enkeln weitergeben

Am 20. November tritt Hansruedi Wirth als Präsident der SAC-Sektion Uzwil ab. In den Bergen wird er weiterhin unterwegs sein. Auch sonst ist er sportlich aktiv. Wöchentlich spielt er Badminton und Unihockey. Vor einiger Zeit hat er mit Golf begonnen. «Das kann ich mit meiner Frau spielen.»

Auch für seine Enkel nimmt er sich Zeit: Unlängst war er mit zwei seiner neun Enkel unterwegs. «Wir wollten im Klettergarten am Stoos klettern», erzählt er. Leider fing es an zu regnen und der Fels war zu nass. Den Enkeln die Freude an den Bergen weiterzugeben und Zeit mit ihnen zur verbringen, ist Hansruedi Wirth wichtig.

Wieder schaut er hoch zum Zuestoll, seinem Lieblingschurfirsten. Sein Blick gleitet über die Berge, «die sieben Churfirsten sind eine Welt-Gebirgsgruppe», sagt er. Hansruedi Wirth weiss, wovon er spricht.