Verwirrungen und ein Happy End: Premiere der «Chössi»-Eigenproduktion erhält viel Applaus

Etwa alle zwei Jahre führt das Lichtensteiger Chössi-Theater eine Eigenproduktion auf. Am Donnerstag feierte das jüngste Werk Premiere.

Sascha Erni
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Heiri Giezendanner (Bea Waldvogel) will sich von der Heiratsvermittlerin (Veronika Wieland) verkuppeln lassen.

Heiri Giezendanner (Bea Waldvogel) will sich von der Heiratsvermittlerin (Veronika Wieland) verkuppeln lassen.

Bild: PD

Es passiert nur etwa alle zwei Jahre, dass das Lichtensteiger Chössi-Theater zur Premiere einer Eigenproduktion lädt. Am Donnerstag war es wieder so weit: «Die Heiratsvermittlerin» kam vors Publikum. Im aktuellen Stück lädt das «Chössi» seine Gäste dazu ein, sich mit gewitzten und schnellen Dialogen ins Toggenburg des Fin de Siècle transportieren zu lassen.

Das Ensemble um Regisseurin Seraina Kobelt brachte das Kunststück fertig, aus Thornton Wilders Theaterstück eine veritable Screwball-Komödie zu zaubern, wie sie in den US-Kinos der 30er- und 40er-Jahre beliebt waren. Der ausverkaufte Saal quittierte die gelungene Premiere mit einem Blumenregen, Bravo-Rufen und minutenlangem Applaus.

Im Toggenburg liegt die Liebe in der Luft

Heiri Giezendanner (stark gespielt von Bea Waldvogel) möchte sich neu verheiraten. Als reicher Lichtensteiger Geschäftsmann ums Jahr 1900 geht man natürlich nicht selbst auf Brautschau, nein, das soll Veronika Wieland (Elfride Verbruggen) für ihn übernehmen. Die titelgebende Heiratsvermittlerin sucht in Wil nach einer passenden Partnerin für den grummeligen Kaufmann – oder vielleicht auch nicht? Denn schon bald wird klar, dass sie wohl ihre eigenen Pläne verfolgt.

Rolf Studerus in einer Glanzrolle in der neuesten «Chössi»-Eigenproduktion: Der Bedienstete Cornelius kann dank explodierender Erbsen in Wil feiern gehen.

Rolf Studerus in einer Glanzrolle in der neuesten «Chössi»-Eigenproduktion: Der Bedienstete Cornelius kann dank explodierender Erbsen in Wil feiern gehen.

Bild: PD

Überhaupt liegt im Toggenburg die Liebe in der Luft. Der stürmische Künstler Andrea Bürgi (Urban Kressibucher) buhlt um Giezendanners Nichte Bethli Biedermann (eine herrlich spröde Salome Haller) und die beiden Bediensteten Cornelius (Rolf Studerus in einer Glanzrolle) und Barnabas (Norina Schleusser) würden auch gerne endlich eine Frau küssen. Die Chance ergibt sich, als die zwei in Wil über die Stränge schlagen und auf die Hutmacherin Adelheid Silber (Judith Eberhardt) treffen. Als Giezendanner die Nichte nach Wil schickt und selbst hinreist, um sich endlich von der vermeintlichen Heiratsvermittlerin verkuppeln zu lassen, überstürzen sich die Ereignisse. Was folgt, sind Verwirrungen und Entwirrungen, Zu- und Unfälle, und natürlich ein gleich vierfaches Happy End.

Das Sein hinter dem Schein

Thornton Wilders Stück «Die Heiratsvermittlerin» ist geprägt von schnellen Dialogen und aberwitzigen Situationen mit einem sarkastisch-satirischen Unterton – wenig überraschend, denn die Urfassung entstand Ende der 30er-Jahre, zum Höhepunkt der US-amerikanischen Screwball-Filme. In diese Richtung orientiert sich auch die Chössi-Eigenproduktion. Die schweizerdeutsche Adaption kann mit treffen Pointen, angenehm überdrehtem Spiel und spitzen Kommentaren auftrumpfen. Daneben stellt das Stück die Frage: Was macht denn die sogenannt «Bessere Gesellschaft» aus? Aus armen Trotteln werden begehrte Lebemänner, sobald das Umfeld glaubt, dass sie reich wären. Aber aller Reichtum schützt den kultivierten Geschäftsmann nicht davor, selbst die Narrenkappe aufgestülpt zu bekommen. Schlussendlich ist doch alles bloss eine Charakterfrage, keine von Stand und Geld.

Das Chössi-Theater inszeniert «Die Heiratsvermittlerin» entsprechend in einem Widerspruch aus aufwendiger Kostümierung (Marisa Mayer und Laura Oertle), pragmatischer Ausstattung (Vroni Gubler und Rita Gabathuler) und spartanisch-inspiriertem Bühnenbild (Thomas Freydl) und hinterfragt so den Schein vor dem Sein. Die Laiendarsteller überzeugen, auch die Regie ist mehr als bloss gelungen. Vielleicht hätte der dritte Akt etwas temporeicher ausfallen dürfen, aber trotzdem hat das Stück über seine fast zweieinhalb Stunden kaum Längen. Im Anschluss an die Premiere wies Chössi-Präsident Urban Kressibucher nochmals auf die Zusatzvorstellung vom Samstagnachmittag hin, denn die regulären Aufführungen seien fast ausverkauft. Man ist versucht, zu sagen: und das aus gutem Grund.

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