Kreisgericht Wil
«I ha ihn abgstoche»: 17-Jähriger stach auf wehrloses Opfer ein – und wurde wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt

Ein 17-Jähriger musste sich vor dem Kreisgericht Wil in Flawil wegen versuchter Körperverletzung und Raufhandel verantworten. Der Jugendliche hatte auf ein wehrloses Opfer eingestochen.

Christof Lampart
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Bei einer Auseinandersetzung in der St.Galler Innenstadt soll ein junger Mann einen anderen Mann mit einem Messer niedergestochen haben. Der jetzt Verurteilte bestreitet die Tat.

Bei einer Auseinandersetzung in der St.Galler Innenstadt soll ein junger Mann einen anderen Mann mit einem Messer niedergestochen haben. Der jetzt Verurteilte bestreitet die Tat.

Symbolbild

Der in der Region Wil wohnhafte junge Mann, der gegenwärtig eine Lehre absolviert, hatte im September 2020 in der Innenstadt von St.Gallen frühmorgens einen am Anfang nur verbalen Streit mit einem anderen Passanten. Im Laufe des Disputs wurde er vom nachmaligen Opfer zuerst mit einer kaputten Flasche bedroht und später – als der Streit schon vorüber schien – mit einem Stuhl angegriffen.

Diese Dummheit sollte der Angreifer teuer bezahlen, war doch der Beschuldigte mit zwei Freunden unterwegs, die sich beim Raufhandel mit ihm solidarisierten. Zudem beteiligten sich plötzlich weitere Personen – welche der Angeklagte und seine Freunde nicht kannten – an der Schlägerei. Der Jugendstaatsanwalt sprach von einer «unübersichtlichen Situation» und «insgesamt mindestens sechs Personen», die den mittlerweile wehrlos am Boden Liegenden mit Tritten und Schlägen traktierten.

Unbestritten war, dass der Beschuldigte sich daran beteiligte. Er habe den Mann «am Bein gezogen», räumte er gegenüber dem Richter ein. Abstreiten tat er jedoch einen massiv schwereren Vorwurf. Nämlich jenen, dass er auf das Opfer mit einem Messer eingestochen und dann zum Kollegen gesagt habe: «Chumm, i ha ihn abgstoche», worauf das Trio die Flucht ergriffen habe.

«Um krass zu sein, um cool dazustehen»

Bei der Befragung gab sich der Jugendliche einsilbig. Er könne sich an nichts erinnern. Ja, er habe ein Messer in der Hand gehabt. Und ja, das Messer gehöre ihm. Aber er habe nicht gestochen. Selbst der Hinweis des Richters, dass man am Griff seine DNA-Spuren gefunden habe und es Zeugen gebe, die den Spruch «Chumm, i ha ihn abgstoche» gehört hätten, entlockten dem Jugendlichen kein Geständnis.

Auch eine kurze Verhandlungspause, die der Richter ihm gewährte, um sich zusammen mit der Verteidigerin und seinem ihn begleitenden Vater Gedanken über ein womöglich strafminderndes Geständnis zu machen, führte beim Beschuldigten nicht zum Sinneswandel.

Er blieb dabei: Raufhandel, ja, Messerstecherei, nein. Den Spruch «Chumm, i ha ihn abgstoche» habe er gegenüber seinem Kollegen nur gebraucht, «um krass zu sein, um cool dazustehen».

Richter erhöhte das Strafmass

Der Richter machte in der Urteilsbegründung unverhohlen deutlich, dass er den «Schmarren», welcher der Delinquent ihm auftischte, nicht glaubte – und stockte das Strafmass um einen Monat auf. Der Jugendliche wurde wegen der versuchten schweren Körperverletzung sowie des Raufhandels zu 13 Monaten abzüglich sechs Tage (U-)Haft bedingt bei einem Jahr Probe verurteilt; die Anklage hatte zwölf Monate gefordert.

Die Straferhöhung erfolgte wegen der fehlenden Tateinsicht und der fehlenden Bereitschaft, Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen. Auch habe sich der Beschuldigte beim Opfer bis heute nicht entschuldigt und keine Reue gezeigt.

Der Lehrling muss 1000 Franken der total 15'146 Franken Verfahrenskosten bezahlen; der Rest geht zu Lasten der Staatskasse. Die übrigen Forderungen des Klägers, 11'243 Franken an Schadenersatz und Genugtuung, wurden auf den Zivilweg verwiesen.

Ambulante Behandlung schlägt positiv an

Der Richter redete dem jungen Mann ins Gewissen: Er habe sehr grosses Glück, dass der Mann den fünf Zentimeter tiefen Stich in den Bauch überlebt habe – schliesslich gebe es dort viele lebenswichtige Organe und Blutgefässe. Auch altersmässig habe er Schwein gehabt. Denn wäre er erwachsen, «dann würden wir jetzt von ganz anderen Strafen und vom Landesverweis reden».

Positiv sei, dass der Beschuldigte sich seit April 2021 einer ambulanten Behandlung unterziehe, bei der er Handlungsstrategien lerne, damit es nicht mehr zu ähnlichen Vorfällen komme. Der Jugendliche versuchte zu erklären, was ihm die wöchentliche Sitzung bringe:

«Man hat mir dort gezeigt, dass das Leben ab hier weitergeht und nicht einfach hier endet.»

Der Richter erklärte ihm, dass er in Zukunft die Behandlung jedoch unbedingt auch nutzen müsse, um nicht nur seinen Alltag wieder auf die Reihe zu bringen, sondern um sich mit dem tatsächlichen Geschehen am Tatort auseinanderzusetzen.

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