Bevor sie kam, wollten die Bewohner des Altersheims in Oberhelfenschwil nur noch weg

In den letzten 25 Jahre verwandelte Renate Klein den «Dorfplatz» in Oberhelfenschwil von einem heruntergewirtschafteten Pflegeheim in ein blühendes Pflege- und Kurzentrum. Im Sommer gibt sie die Leitung ab.

Urs M. Hemm
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Renate Klein hat das Pflege- und Kurzentrum Dorfplatz während 25 Jahre geprägt und es mit über 50 Mitarbeitenden zum grössten Arbeitgeber in Oberhelfenschwil gemacht. (Bild: Urs M. Hemm)

Renate Klein hat das Pflege- und Kurzentrum Dorfplatz während 25 Jahre geprägt und es mit über 50 Mitarbeitenden zum grössten Arbeitgeber in Oberhelfenschwil gemacht. (Bild: Urs M. Hemm)

Amtsmüde sei sie nicht, die Arbeit mache ihr noch immer sehr viel Spass, sagt Renate Klein. Der Grund für ihren Rücktritt als Leiterin des Pflege- und Kurzentrums Dorfplatz sei viel mehr das bald erreichte Pensionsalter. «Bis dahin sind es zwar noch zwei Jahre, doch ich wollte nach und nach aussteigen», sagt sie. Deswegen sei sie noch nicht ganz weg, da sie ihre Nachfolgerin Regula Rusconi einarbeite − eine Aufgabe, die nicht so leicht zu bewältigen sei.

«So vielschichtig wie der Betrieb mit Pflegeheim, Kurhaus, Wellness, Solebad, Restaurant, Catering und Bankett ist, so vielseitig sind die Anforderungen der einzelnen Bereiche, was die Übergabe aller Geschäfte nicht gerade vereinfacht», sagt Renate Klein. Zudem hat sie im Sommer die Geschäftsleitung von Liebenau Schweiz übernommen, einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft, unter deren Dach neben dem Pflege- und Kurzentrum Dorfplatz das Seniorenheim Neckertal sowie das Pflegeheim Helios in Goldach vereint sind.

Flexible Arbeitsmethode behagte nicht allen

Renate Kleins Weg bis hierhin war nicht immer einfach, bisweilen sogar steinig. Als Quereinsteigerin fand die gelernte Bauzeichnerin und Innenarchitektin den Betrieb vor 25 Jahren in einem desolaten Zustand vor.

«Das Heim war führungslos, die Bewohner wollten nur noch weg, niemand wollte hier arbeiten. Anstelle von Konzepten gab es nur Unruhe, Unfrieden und die Akzeptanz im Dorf war gleich null.»

Zwar hatte sie damals noch keine Branchenkenntnis, dafür brachte sie Führungserfahrung und viel Enthusiasmus mit, so dass aus einem anfänglichen Kurzbesuch eine halbe Lebensaufgabe wurde. «Als ich hier anfing, wusste ich nur, dass ich so im Alter nicht behandelt werden will», sagt Renate Klein. Aufgrund ihrer mangelnden Fachkenntnis habe sie dann als erstes eine neue Pflegedienstleiterin eingestellt, die in diesem Jahr ebenfalls ihr 25-Jahr-Dienstjubiläum feiere.

«In der Folge habe ich sie bei Abläufen im Heim immer wieder gefragt: ‹Muss das so sein?›. Da sie meistens verneinte, haben wir vieles entsprechend geändert und so die Prozesse für Bewohner und Angestellte angenehmer gemacht und optimiert.» Dennoch habe es bei den Mitarbeitenden viele Wechsel gegeben, weil sie die flexible Arbeitsmethode, die auf das Wohl der Bewohner fokussierte, nicht mittragen wollten. In der Zeit erwarb Renate Klein das Heimleiter-Diplom, absolvierte die Ausbildung zur Hauswirtschafterin und schloss ihr Studium in Gerontologie mit einem Master ab.

Auch baulich war das Haus in einem schlechten Zustand. «Wir mussten alles von Grund auf sanieren, kleine Zimmer wurden zusammengelegt und schliesslich der Neubau realisiert», zählt Renate Klein auf. Gleichzeitig mit der Bautätigkeit stieg die Akzeptanz im Dorf, weil es ein Bekenntnis zum Standort war. Dies umso mehr, als Renate Klein das Heim damals mit ihrem Privatvermögen mitfinanzierte.

«Dorfplatz» konnte fachlich immer mithalten

In allen fachlichen Bereichen konnte der «Dorfplatz» seither den dauernd steigenden Ansprüchen stets genügen. «Als kleiner Privatbetrieb ist es nicht einfach, jeweils alle Vorgaben des Kantons zu erfüllen, was beispielsweise die immer wieder neuen Erhebungen und Statistiken betrifft. Dies vor allem dann, wenn sich einem der Sinn nicht von Anfang an erschliesst und man weiss, dass die aufgewendete Zeit von der Pflege der Bewohner abgeht», sagt Renate Klein. Auch die Vorgaben bezüglich der Anzahl von qualifiziertem Personal waren nicht immer leicht zu erfüllen. Mittlerweile hätten sie aber mehr Bewerbungen als freie Stellen. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass die Mitarbeiterfluktuation sehr klein sei.

«Wir haben viele langjährige Mitarbeitende, was zeigt, dass die Bedingungen und das Arbeitsklima im ‹Dorfplatz› gut sind.»

Unter solchen Voraussetzungen liessen sich auch grössere Herausforderungen meistern, wie die Umstellung von der handschriftlichen auf die elektronische Erfassung der Krankengeschichten. «Viele hatten bisher noch nie mit Computern zu tun, so dass es einigen Effort erforderte, alle Mitarbeitenden auf den gleichen Wissensstand zu bringen. Mit viel Arbeit und Fleiss aller Beteiligten ist aber auch diese Umstellung gut gelaufen», erzählt Renate Klein. Mittlerweile sei es so, dass alles, was nicht elektronisch dokumentiert ist, von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Das sei aber für das Überleben jeder privat finanzierten Institution massgebend.

Qualitätsmanagement als Arbeitsinstrument

Überhaupt sei bei allen ihren Entscheidungen − neben dem Wohl der Bewohner und des Personals − der betriebswirtschaftliche Gedanke stets tragend gewesen. «Diese Grundhaltung werde ich meiner Nachfolgerin mitgeben, auch wenn das Zentrum mittlerweile von einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft getragen wird.» Denn die erwirtschafteten Gewinne werden nicht an Aktionäre ausgeschüttet, sondern in den Unterhalt und den Ausbau des «Dorfplatzes» investiert.

Der finanzielle, aber auch der administrative Aufwand seien die Gründe, warum das Pflege- und Kurzentrum kein Qualitätszertifikat besitzt, sondern das Qualitätsmanagement als Arbeitsinstrument einsetzt. «Wir schneiden bei allen Kontrollen immer hervorragend ab, so dass ich mir gesagt habe, dass ich die 20 000 Franken, die für eine Zertifizierung notwendig sind, woanders besser investieren kann», begründet Renate Klein ihren Entscheid. So stehen den Mitarbeitenden beispielsweise kostenlos sämtliche Angebote des Zentrums wie Fitnessraum, Solebad, Physiotherapie oder Massage zur Verfügung. Das vermindere Arbeitsunfälle, insbesondere im Rückenbereich, und halte Ausfälle wegen Krankheit auf einem tiefen Niveau.

Soziales Engagement in der Himalayaregion

Nach ihrer Pensionierung möchte Renate Klein wieder einmal auf Reisen, genauer auf Trecking-Touren ins Himalayagebiet gehen. Zuerst wolle sie sich aber einen Hund zulegen und mit diesem auch Hundesport treiben. «Das Leben hat es mit mir eigentlich immer gut gemeint. Daher wäre es mein grösster Wunsch, etwas von diesem Glück zurückzugeben und mich in sozialen Projekten zu engagieren», sagt Renate Klein. Sie könne sich gut vorstellen, während drei Monaten im Jahr in einem Land zu arbeiten, wo es den Menschen nicht gut geht − beispielsweise in der Himalayaregion.