Überlebende des Strukturwandels: Wattwiler Firma behauptet sich seit 100 Jahren in der Textilbranche

Am Donnerstag feierte der Garnhersteller Beag sein 100-jähriges Bestehen.

Ruben Schönenberger
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Die Beag produziert seit 1996 in Wattwil.
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Dank der elektrisch-leitenden Garne sind solche mit LED-Leuchten versehene Vorhänge möglich.
Nicht für alle Anwendungen braucht es die neuesten Geräte.
Die Beag legt viel Wert auf die Kontrolle. Hier wird die Gleichmässigkeit des Farbauftrags geprüft.

Die Beag produziert seit 1996 in Wattwil.

Bild: Ruben Schönenberger

Die Textilbranche war einst das bestimmende Element der Toggenburger Wirtschaft. Zahlreiche Betriebe stellten etliche Arbeitsplätze zur Verfügung, die wiederum zur Bevölkerungsentwicklung im Tal beitrugen.

Mit dem Niedergang der Branche schlitterte auch die Region in eine Krise. Als zu Beginn des Jahrtausends auch die Heberlein Textil AG die letzten Arbeitsplätze strich, schien das Ende der Branche besiegelt. Der Abbruch der markanten Schornsteine 2006 kam einem Schlussstrich gleich.

Auf den Tag genau 100 Jahre alt

Doch einige Firmen haben sich über die Krise hinaus behauptet. So auch der Wattwiler Garnhersteller Beag. Am Donnerstag feierte dieser sein 100-jähriges Bestehen, auf den Tag genau 100 Jahre nach der Eintragung ins Handelsregister. In Wattwil war die Firma damals allerdings noch nicht domiziliert. Die beiden Gründer Jakob Bäumlin und Karl Ernst übernahmen die ehemalige Zwirnerei Staub & Tobler im thurgauischen Ennetaach und starteten die Firma Bäumlin, Ernst & Cie. (BEC). Der Hauptsitz mit den Verkaufsbüros wurde in St.Gallen angesiedelt.

Bernd Schäfer ist seit 2007 CEO der Beag.

Bernd Schäfer ist seit 2007 CEO der Beag. 

Bild: Ruben Schönenberger

Mit schon bald 42 Mitarbeitenden produzierte und vertrieb die Firma Baumwollzwirn. 1954 kam es zum ersten grossen Technologiesprung, wie es CEO Bernd Schäfer in der Firmenpräsentation anlässlich der Feierlichkeiten bezeichnete. Die Firma startete «als eine der ersten in der Schweiz» mit der Texturierung von synthetischen Garnen, die unter anderem für Damenstrümpfe verwendet werden. Technologische Erfolge habe die Firma weiterhin erzielt. Einige davon in Zusammenarbeit mit dem englischen Maschinenhersteller E. Scragg. Letztere wurde dafür einmal mit dem Queen’s Award «Leader of Economy» ausgezeichnet. Der Preis wurde übergeben von Prinz Philip, dem Ehemann der englischen Königin.

Der Generationenwechsel war in der Firma da längst in vollem Gange. 1949 traten mit Alfred Bäumlin und Paul Ernst die Söhne der beiden Gründer in das Unternehmen ein. Sie wurden beide zu kaufmännischen Geschäftsführern. Vier Jahre später folgte auch Pauls Bruder Walter Ernst als technischer Leiter. Unter ihnen wurde aus der Kommanditgesellschaft per 1. Juni 1960 eine Aktiengesellschaft mit dem Namen Bäumlin & Ernst AG (Beag).

Die zweite Generation: Paul Ernst, Walter Ernst und Alfred Bäumlin (von links) an der 50-Jahr-Feier der Bäumlin & Ernst AG.

Die zweite Generation: Paul Ernst, Walter Ernst und Alfred Bäumlin (von links) an der 50-Jahr-Feier der Bäumlin & Ernst AG.

Bild: PD

215 Mitarbeitende vor der Wirtschaftskrise

Bis zum 50-Jahr-Jubiläum 1970 stieg die Anzahl der Mitarbeitenden auf den Höchststand von 215 an. Doch dann folgte die Wirtschaftskrise. Die Mitglieder der Geschäftsleitung waren sich uneinig, wie die schwierige Zeit überstanden werden könne. Alfred Bäumlin und die Gebrüder Ernst gingen getrennte Wege, wobei Letztere die Bäumlin & Ernst AG weiterführten.

Anfang der 90er-Jahre wurde die Firma zur Tochtergesellschaft der Viscosuisse. Kurz darauf schieden die beiden Brüder aus dem Unternehmen aus. Die Geschicke der Firma leitete fortan Wolfgang Emich, der auch die Hetex Garn AG im Werk Wattwil leitete, die ebenfalls der Viscosuisse gehörte. Die beiden Produktionsstätten wurden 1996 zusammengelegt, unter dem Namen Bäumlin & Ernst AG. Was bis dahin in Ennetaach stand, wurde nach Wattwil verlegt. «Warum man sich damals für diesen Namen entschied, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen», sagte Schäfer.

Besitzerwechsel ohne Strategie

Es folgten turbulente Jahre für die Firma. «Es gab zwei, drei Besitzerwechsel ohne ausreichende Strategie», blickte Schäfer zurück. 2006 übernahm dann die Holding H. Kuny & Cie AG die Firma. Ein Glücksfall für die Beag, konnte man den Ausführungen Schäfer entnehmen. Mit dieser Übernahme habe die Neuausrichtung der Firma begonnen werden können. Investitionen in Technik und Infrastruktur liessen sich realisieren. Diese verantwortete der jetzige CEO Schäfer ab 2007. Er übernahm die Geschäftsleitung von Emich.

Die Situation blieb auch danach anspruchsvoll. Die weltweiten Finanzkrisen und der Zusammenbruch des italienischen Markts hätten die Firma zu Restrukturierungen gezwungen, steht im eigens zum Jubiläum entstandenen Buch zur Firmengeschichte.

100 Jahre Beag

  • 16. Januar 1920 Die Bäumlin, Ernst & Cie. (BEC) wird von Jakob Bäumlin und Karl Ernst gegründet.
  • 1. Februar 1920 Die Baumwollzwirnerei im thurgauischen Ennetaach nimmt den Betrieb auf.
  • 1945 Die Beag übernimmt die Zwirnerei Tobelmühle in Lutzenberg (AR).
  • 1949 Mit Alfred Bäumlin und Paul Ernst treten die Söhne der Gründer in die Firma ein.
  • 1953 Walter Ernst, Pauls Bruder, tritt in die Firma ein.
  • 1960 Aus der Kommanditgesellschaft wird eine AG.
  • 1982 Die Wege trennen sich: Alfred Bäumlin übernimmt die Zwirnerei Tobelmühle und scheidet aus der Beag aus.
  • 1990 Die Viscosuisse übernimmt die Beag.
  • 1996 Die Produktion wird am Standort Wattwil zusammengelegt.
  • 2006 Die Holding H. Kuny & Cie AG übernimmt die Beag.
  • 2015 Der Firmenauftritt wird erneuert. Der kleingeschriebenen Firmenabkürzung beag wird der Slogan «more than just yarn» (mehr als nur Garn) hinzugefügt.
  • 2019 Die Rechte an der Marke «beag» werden eingetragen.

«Nicht einfach nur Fäden»

Mit einer neuen Strategie will die Firma die Zukunft meistern. Der dem Firmennamen angefügte Slogan «mehr als nur Garn» will das verdeutlichen. Ein Firmenrundgang sollte aufzeigen, dass in den Gebäuden «nicht einfach nur Fäden hergestellt werden». Als Beispiel dienten unter anderem nicht flammbare Klettverschlüsse für Sicherheitswesten, Mischgarne mit Kupfer, die Strahlungen abhalten können, oder auch elektrisch-leitende Garne, die beispielsweise für Vorhänge mit integrierten LED-Leuchten verwendet werden können. Grossen Wert lege die Firma dabei auf die Kontrolle, sagte CEO Schäfer. So werde zum Beispiel penibel genau geprüft, ob eine Farbe immer genau gleich Verwendung finde.

Wichtig war dem CEO schliesslich auch, die gute Zusammenarbeit mit dem Branchenverband Swiss Textiles, der Gemeinde, der Arbeitgebervereinigung Toggenburg und der Region Toggenburg hervorzuheben. Das habe er in dieser Form selten erlebt. Die Anwesenden dieser Organisationen taten es ihm gleich und gaben das Lob zurück. Die Beag spreche nicht nur davon, dass man selber aktiv werden müsse. Sie tue das auch mit Innovationen und in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Denn diese seien tatsächlich Mangelware.

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