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Toggenburgerin über den Tod ihrer Tochter: «Ich bin froh, dass wir den Mut hatten, Lina zu Hause sterben zu lassen»

Ein bösartiger Hirntumor zerstört das Familienglück der Weidelis aus Kirchberg. Tochter Lina stirbt im Alter von sieben Jahren. Ihre Mama Claudia erzählt, wie die Familie nun das Leben meistert – und warum sie selbst meistens eine Sonnenbrille dabei hat.
Maria Kobler-Wyer
Claudia Weideli-Krapf zündet in Erinnerung an ihre verstorbene Tochter Lina eine Kerze an. (Bild: Urs Bucher)

Claudia Weideli-Krapf zündet in Erinnerung an ihre verstorbene Tochter Lina eine Kerze an. (Bild: Urs Bucher)

Kindergärtlerin Lina ist ein knapp siebenjähriges, fröhliches Mädchen – und kerngesund. Doch ab Silvester 2014 fühlt sie sich plötzlich kränklich, ist grippig und erbricht mehrmals nüchtern. Nach Arztbesuchen und Operation mit Biopsie folgt Ende Januar 2015 die schreckliche Diagnose: Lina leidet an einem bösartigen Hirntumor. «Das war scheisse», erinnert sich Mutter Claudia Weideli-Krapf.

«Ich fühlte mich wie mit 95 Grad in der Waschmaschine gewaschen, 50 Mal geschleudert, mit der Dampfwalze überfahren und an die Wand gepresst.»

Die Bestrahlung und die Chemotherapie zum Schlucken schlagen bei Lina nicht an. «Es handelte sich um die bösartigste Variante des Tumors.» Ihre Ausbildung als Kinderkrankenschwester hat Claudia Weideli geholfen, die Situation von Anfang an realistisch einzuschätzen. «Ich habe geahnt, dass Lina nicht überleben wird», sagt die Toggenburgerin. «Deshalb haben wir versucht, die verbleibende Zeit mit guten Erlebnissen zu füllen und das Leben mit Liebe zu fluten.»

Lina darf Pony reiten, besucht mit Opa das Sea Life in Konstanz, spielt auf dem Spielplatz im Quartier. Sie liegt auf dem Liegestuhl im Garten und lässt sich Geschichten erzählen. Beim Panettone-Essen zum Frühstück gibt Bruder Tim Lina den Puderzucker zum Schlecken. «Es braucht keine grossen Sachen», sagt Claudia Weideli.

«Die kleinen Momente sind es, die so kostbar sind.»

Tim will während dieser Zeit nicht mehr zu den Grosseltern, sondern lieber bei seiner grossen Schwester bleiben und mit ihr spielen. «Die beiden waren ein super Team», erzählt die 42-Jährige.

Auf dem Bobby Car zum WC

Zweimal ist Lina im Spital – einmal für drei Wochen, einmal vier Tage lang. Lina will jeweils so schnell wie möglich wieder nach Hause. Nach den Spitalaufenthalten will Lina nicht mehr in den Kindergarten. Sie ist geschwächt und braucht Erholung. Obwohl sie im Spital nie laufen wollte, verzichtet sie zu Hause in Kirchberg auf den Rollstuhl. Sie sagt: «Wenn ich nicht laufen kann, fahre ich mit dem Bobby Car zum WC.» Und genau das macht sie. «Sie wusste, was ihr gut tut», sagt ihre Mutter. Lina ist oft draussen, spielt, bastelt und knetet gerne, hört Hörbücher – dazwischen isst oder schläft sie. Sie erhält auch Besuch von anderen Kindern und Nachbarn.

Auf Fragen zur Krankheit bekommen Lina und ihr damals vier Jahre alter Bruder Tim immer ehrliche Antworten. «Lina hat aber nie gefragt, ob sie sterben werde», sagt Mutter Claudia Weideli. Weil auch viele Familien aus dem Dorf Anteil am Schicksal der Familie nehmen, schreibt ihr Mann einen Blog. Er gibt Antworten auf Fragen, welche die Weidelis nicht vor den Kindern besprechen wollen. Und so müssen sie auch nicht die zahlreichen SMS, Karten und Briefe einzeln beantworten. «Dafür fehlte die Zeit», sagt die Toggenburgerin. Freunde und Nachbarn bieten Unterstützung an.

«Wir haben Hilfe bekommen und von Anfang an angenommen», sagt Weideli.

So haben zum Beispiel Nachbarn für sie eingekauft. «Das ist das grösste Geschenk, das man als betroffene Familie erhalten kann.» Denn alle seien in so einer Situation hilflos. Den Schmerz könne einem niemand abnehmen, aber durch die Unterstützung von aussen werde er erträglicher.

Herzenswunsch erfüllt

Ihr Onkologe des Kinderspitals St.Gallen drängt Mitte März, einen Herzenswunsch von Lina der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe zu melden, damit dieser bald erfüllt werden kann. «Er hat wohl gewusst, dass Lina nicht mehr lange leben wird», sagt Claudia Weideli.

«Wir waren froh, dass wir nicht wussten, wie viel Zeit uns noch bleibt.»

Da Lina das Campieren liebt, wünscht sie sich einen Camper und einen Standplatz in Tenero. So darf die Familie zehn Tage im Tessin verbringen. Während des Aufenthalts verschlechtert sich der Zustand von Lina. Nach der Rückkehr ins Toggenburg schläft sie immer mehr, isst weniger, bleibt bald nur noch im Zimmer. Schliesslich dürfen nur noch wenige Menschen zu ihr. Bis zuletzt kann Lina reden, schlucken und die Hände bewegen – laufen ist jedoch nicht mehr möglich. «Wir haben Lina gesagt, wenn das Leben zu streng für dich ist, darfst du gehen», sagt ihre Mama.

Perlenanhänger für den Zwetschgenbaum

Zweieinhalb Wochen später, am 2. Mai 2015, stirbt Lina mit sieben Jahren – rund vier Monate nach der Diagnose. «Ich bin froh, dass wir den Mut hatten, Lina zu Hause sterben zu lassen», sagt Claudia Weideli. «Das war für uns als Familie ein wichtiger Abschnitt zum Loslassen.» Lina bleibt noch drei Tage zu Hause, bis sie ins Krematorium gebracht wird. «Für mich wäre es emotional nicht möglich gewesen, sie direkt nach dem Tod ins Leichenhaus zu bringen», sagt Weideli.

Die Gedenkfeier für Lina findet an einem Fluss statt. «Hier haben wir als Familie viel Zeit verbracht.» Eine Freundin leitet die Zeremonie. Die Gäste gestalten Karten und schicken diese per Luftballons in den Himmel. Die Kinder spielen zwischendurch am Ufer und werfen Steine ins Wasser. Jede Familie bastelt einen Perlenanhänger.

Linas Plätzchen beim Zwetschgenbaum neben dem Haus der Familie. (Bild: Urs Bucher)

Linas Plätzchen beim Zwetschgenbaum neben dem Haus der Familie. (Bild: Urs Bucher)

Die Perlenanhänger hängen nun im Zwetschgenbaum vor dem Einfamilienhaus in Kirchberg. Bei diesem Baum ist auch das Plätzchen von Lina. Das Mädchen hat sich diesen Ort ausgesucht, damit es auch nach dem Tod bei seiner Familie sein kann. Es ist ein wunderbarer Platz: Mit viel Sonne, schöner Aussicht über Wiesen und Felder – und liebevoll dekoriert mit einer Laterne, Namensschildern, Blumen, Tannenzapfen, Herzsteinen und Schmetterlingen. «Immer wieder kommen Freunde der Familie und Kinder hierher und legen etwas auf das Plätzchen oder gestalten ein neues Namensschild», sagt Claudia Weideli.

Inzwischen sind drei Jahre vergangen seit Linas Tod. Claudia Weideli sagt, dass sie sich in dieser Zeit verändert habe.

«Ich schätze Sachen intensiver als vorher, Erlebnisse und Fotos sind noch wichtiger geworden.»

Ihr kommt auch die Tätigkeit als Kinesiologin – sie betreibt seit 2011 eine eigene Praxis in Kirchberg – zugute. «Dadurch kann ich Emotionen klar benennen und sie dann ausleben, wenn sie da sind.» Ausserdem gibt ihr die Geborgenheit in der Familie viel Kraft. «Es ist ein Geschenk, dass wir so funktionieren», sagt sie. «Ich verstehe aber auch die Leute, die nach dem Tod ihres Kindes verzweifeln.» Sie selber sei schon immer positiv gewesen. Das helfe ihr jetzt auch.

Geburtstagsessen mit Linas Freunden

Die Trauerverarbeitung ist dennoch eine grosse Herausforderung, denn jeder trauert anders. Während Claudia Weideli viel über den Tod ihrer Tochter redet und unter erdenhimmelmamafrau.ch darüber schreibt in ihren Blogs im Internet sowie auf Facebook, ist ihr Mann mit seiner Trauer lieber für sich allein.

An Linas Geburtstag lädt die Toggenburgerin deren Gspänli zum gemeinsamen Mittagessen ein, die Kinder decken jeweils auch für Lina den Tisch. Ihr Mann will bei diesen Essen lieber nicht dabei sein. Hingegen ist am Geburtstagskuchen-Essen die ganze Familie versammelt – auch die Grosseltern sowie Gotti und Götti von Lina sind jeweils anwesend. Tim ist immer mal wieder traurig, erzählt von seiner Schwester und bezieht Lina in seine Rollenspiele ein. «Wir richten uns nach dem, der traurig ist», sagt Weideli.

«Tim hat einmal gesagt, wenn Mama traurig ist, sind Papa und ich für sie da, wenn ich traurig bin, sind Mama und Papa für mich da.»

Erinnerungen an Lina. (Bild: Urs Bucher)

Erinnerungen an Lina. (Bild: Urs Bucher)

Traurige Situationen können oftmals ganz unvermittelt eintreffen. «Wenn ich heimkomme, fehlt Lina.» Sieht die 42-Jährige ein Mädchen in Linas Alter, fragt sie sich, wie ihre Tochter wohl nun aussehen würde oder was für Kleider sie tragen würde. Claudia Weideli hält in solchen Momenten inne und lässt die Gefühle zu.

«Ich habe oft eine Sonnenbrille dabei», sagt sie, «dann kann ich einfach losheulen – egal wo ich bin.»

Die Toggenburgerin schätzt es jedoch sehr, dass Lina in ihrem Umfeld weiter präsent ist. Nachbarsmädchen tragen beispielsweise die Kleider von Lina. Sie findet es schön, wenn jemand an Lina denkt, weil er einen blauen Luftballon sieht. Blau war die Lieblingsfarbe von Lina. Die Kinder erinnern sich an Lina, wenn sie Schmetterlinge sehen. Für Claudia Weideli sind gelbe Schmetterlinge ein spezieller Gruss von Lina. Auch wenn sie eine Feder findet, sieht sie das als Zeichen von Lina. Eine besondere Bedeutung haben auch die Herzsteine. Solche Steine zieren die Mauer beim Hauseingang. Immer wieder bringen Nachbarskinder oder Freundinnen im Gedenken an Lina einen neuen Stein mit.

«Am schlimmsten ist es für die Hinterbliebenen, wenn nicht mehr über das verstorbene Kind geredet wird», sagt die zweifache Mama.

Sie habe jedoch von Anfang an gespürt, dass da ein Funken in ihr sei und das Leben weiter gehe – nicht einfach nur für Tim, sondern auch für sie selber. Claudia Weideli sagt: «Wir haben gespürt, dass unser Leben wieder bunt wird.»

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