Toggenburger Wirte als Politiker: In Restaurants wurde früher nicht nur konsumiert

So mancher Wirt war früher politisch ambitioniert und wollte gesellschaftlich höher hinaus.

Fabian Brändle
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Heftige Diskussionen am Stammtisch: Auch im 18. Jahrhundert war das schon der Fall.

Heftige Diskussionen am Stammtisch: Auch im 18. Jahrhundert war das schon der Fall.

Symbolbild: Keystone

Fridolin «Fridle» Erb hielt das Toggenburg während der unruhigen 1730er-Jahre in Atem. Der katholische Bütschwiler Wirt forderte die fürstäbtische Obrigkeit heraus, schmähte die Oberen, war frech und renitent. Er griff nach der Macht.

In seiner Gaststube hielt Fridle Erb stets einige Schläger frei, die seine politischen Gegner einschüchtern sollten. Von Bütschwil aus sandte er sogenannte «Wühler» hinaus ins übrige Toggenburg, die für seine Sache und Person agitieren sol­lten. Fridle Erb war ein Kraftmensch. Beim Armdrücken brach er seinem Kontrahenten einmal den Arm. Doch kannte Erb auch subtilere Formen der Herrschaftstechnik als rohe Kraft. So inszenierte er einmal ein Attentat auf sich, um die Gegner einzuschüchtern. Er blieb dabei natürlich unverletzt. In den späten 1730er-Jahren verlieren sich seine Spuren.

Wirte besassen mehr finanzielle Mittel

Wirte haben sich in der Schweizer Geschichte häufig als Politiker in Szene gesetzt und wahrhaft Geschichte geschrieben. Sie wussten, wo ihre Gäste der Schuh drückt, waren überregional vernetzt, indem sie beispielsweise Wein- und Schnapshandel betrieben, hatten wichtige Ämter, waren im lokalen und regionalen Kapitalgeschäft tätig (Kredithandel) und wus­sten sich gegenüber Mächtigeren zu artikulieren.

Wirte, zumal die in der Regel wohlhabenden Tavernenwirte wie zum Beispiel beim «Rössli» in Mogelsberg, besassen mehr Bargeld als Bauern oder Tagelöhner und waren auch mobil, denn sie nannten ein Pferd samt Wagen ihr Eigen. So mancher Wirt war politisch ambitioniert und wollte gesellschaftlich höher hinaus. Er war beispielsweise für mehr Demokratie oder für tiefere Steuern und widersetzte sich den Ansprüchen der Obrigkeit. In seiner Gaststube überzeugte er Gäste von seinen Meinungen. Er mobilisierte seine Kundschaft, indem er den teuren, aber heiss begehrten Alkohol gratis oder zu einem tiefen Preis spendierte.

An der Spitze einer Revolte

Der gemeinsame Wein- oder Mostgenuss schweisste die Unzufriedenen enger zusammen. Einmal gehörig alkoholisiert, wurden hochfliegende, riskante Pläne geschmiedet und eventuell sofort, noch im Rausch, in die Tat umgesetzt.

Da Wirte eher schreiben und lesen konnten als andere Dorf- und Stadtbewohnerinnen und -bewohner und sowieso über Autorität innerhalb ihrer Gemeinschaft verfügten, schwangen sie sich häufig an die Spitze einer Revolte. Falls diese militärisch niedergeschlagen wurde, zahlten sie einen hohen Preis für ihr riskantes Engagement und büssten mit Leib, Ehre und Gut.

Der Bäckersohn von Hemberg

Letzter landesweit bekannter Toggenburger Wirt und Politiker war der freisinnige Hemberger Georg Nef (1927 bis 2018). Nef hatte natürlich mit dem oben skizzierten Handlungsrepertoire nichts zu tun, war ganz ein Sohn der Moderne. Der Bäckerssohn Nef war Schulpräsident von Hemberg, Gemeinderat, St.Galler FDP-Kantonsrat (1969 bis 1972) und schliesslich sogar Nationalrat in Bern (1971 bis 1984).

Als Politiker engagierte sich Georg Nef vor allem für die Bergbevölkerung sowie für energiepolitische und ökologische Belange. Nationales Aufsehen erregte Nef im Jahre 1980, als er ein noch nicht zur Publikation vorgesehenes Papier über den brisanten Fall des Nachrichtenoffiziers Bachmann dem «Blick» zuhielt und sich nachher dazu bekannte.

«Toggenburger Wirtshäuser und Wirte im 17. und 18. Jahrhundert». Inhalt: Brändle, Fabian, Lorenz Heiligensetzer und Paul Michel (Hg.). Obrigkeit und Opposition. Beiträge zur Kulturgeschichte des Toggenburgs aus dem 17./18. Jahrhundert. Wattwil 1999, S. 7 bis 51.