Interview
Stammtisch mit Inhalt und Struktur: Zum ersten Mal präsidieren zwei Frauen die Toggenburger Rotary Clubs

Erst seit etwas mehr als zehn Jahren haben sich die Toggenburger Rotary Clubs für Frauen geöffnet. Nun werden beide zum ersten Mal von einer Frau präsidiert.

Ruben Schönenberger
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Lucrezia Meier-Schatz (links) und Vreni Wild beim Gespräch auf dem Baumwipfelpfad Neckertal. (Bild: Ruben Schönenberger)

Lucrezia Meier-Schatz (links) und Vreni Wild beim Gespräch auf dem Baumwipfelpfad Neckertal. (Bild: Ruben Schönenberger)

Erst vor 30 Jahren beschloss die Rotary-Dachorganisation, auch Frauen in ihre Service Clubs zuzulassen. Bis sich die beiden Toggenburger Rotary Clubs (RC) öffneten, dauerte es nochmal knapp 20 Jahre. 2007 beschloss der RC Toggenburg, Frauen aufzunehmen. Zusammen mit zwei anderen Frauen war die Neckertaler Gemeindepräsidentin Vreni Wild die erste. Sie trat diesem Club bei, weil der RC Neckertal erst ein Jahr später Frauen aufnahm. Dort war die ehemalige Bundespolitikerin Lucrezia Meier-Schatz die erste Frau. Die beiden Frauen präsidieren nun seit Ende Juni ihren jeweiligen Club.

Zum ersten Mal stehen zwei Frauen an der Spitze der beiden Toggenburger Rotary Clubs. War das ein bewusster Entscheid?

Vreni Wild: Eigentlich war das Zufall.

Lucrezia Meier-Schatz: In unserem Club schaut man in der Regel, wer wann Zeit hat, das Präsidium zu übernehmen. Man hat mich vor längerer Zeit gefragt, wie meine Agenda in den Jahren 2019/20 aussieht.

Wild: Bei uns ist das anders.

Sie wurden nicht gefragt, ob Sie Zeit haben?

Wild: Nein. Bei uns gibt es ein fixes Rotationssystem. Wer in den Club kommt, wird nach einer gewissen Zeit Bulletinschreiber. Das macht er oder sie drei Jahre, danach wird man Programmpräsident und dann Clubpräsident. Man weiss relativ genau, wann man welches Amt innehaben wird. Zur Not könnte man aber natürlich schon umstellen.

Weshalb hat es in beiden Clubs so lange gedauert, bis Frauen zugelassen wurden?

Meier-Schatz: Das ist eine Mentalitätsfrage, eine Kulturfrage.

Veränderungen brauchen Zeit. Es gibt nach wie vor Clubs, die exklusiv Männern vorbehalten sind.

War das für Sie ein Thema beim Beitritt? Wollten Sie deshalb erst recht beitreten, um das System von innen mitzugestalten?

Wild: Bei mir war das sicher auch ein Grund. Wenn sich etwas für Frauen öffnet, braucht es ja auch jene, die eine Vorreiterrolle übernehmen. Frauen, die beweisen, dass es möglich ist.

Beide Clubs stehen aktuell bei fünf weiblichen Mitgliedern von insgesamt 43 (Neckertal) beziehungsweise 57 (Toggenburg). Gibt es Bestrebungen, das zu ändern?

Meier-Schatz: Das ist immer ein Thema. Aber wir haben ein sogenanntes Klassifikationssystem, um von möglichst allen Berufsgattungen jemanden im Club zu haben. Denn dieser Austausch mit völlig anderen Berufsgruppen ist ja gerade spannend. Es geht nicht per se darum, Frauen zu finden. Sondern Persönlichkeiten, die in den Club passen.

Was ist ein Serviceclub?

Ein Serviceclub ist eine formal organisierte Gruppe von Menschen, die auf der Grundlage gemeinsamer Werte freundschaftliche Beziehungen pflegen und sich gleichzeitig gemeinsam für das Wohl anderer einsetzen. Die bekanntesten weltweit sind: Rotary (gegründet 1905; 1,2 Millionen Mitglieder), Lions Club (1917; 1,43 Millionen), Kiwanis (1915; 550000). Alle drei haben Ableger im Toggenburg. Zudem sind im Thur- und Neckertal auch die Business Professional Women und die Junior Chamber International vertreten. (pd/rus)

Was sagen denn die Männer? Hat sich seit der Öffnung etwas geändert? Verkneifen sie sich jetzt gewisse Sprüche?

Meier-Schatz: Die Kultur hat sich durch die Präsenz von Frauen kaum geändert. Man hat ohnehin gemeinsame Werte, solche Sprüche würden sowieso nicht gut ankommen. Diese Wertehaltung ist sehr stark verankert. Wer die nicht mitbringt, hat keinen Platz im Club.

Wild: Vermutlich hat sich generell einiges geändert gegenüber früher. Es war zum Beispiel lange Pflicht, mit Krawatte zu den Anlässen zu kommen. Die Clubs müssen sich aber auch den heutigen Arbeitsweisen anpassen. Heute pendeln die Menschen eher, sich am Mittag zu treffen ist nicht einfach. Früher waren die Leute aus der Umgebung, haben nach den Treffen noch eine Zigarre geraucht. Das ist heute anders, aber das hat nichts mit den Frauen zu tun.

Meier-Schatz: Wir haben aufgrund der längeren Anreisezeit die Dauer unseres Lunchs auf eineinhalb Stunden gekürzt, damit man nicht so lange vom Arbeitsplatz weg ist. Heute kommt man zum wöchentlichen Treffen auch wegen des Referats. Das ist eigentlich eine unentgeltliche Weiterbildung.

Sind Sie deshalb Teil des Rotary Clubs geworden?

Wild: Man profitiert von diesen Kurzreferaten. Da befasst man sich mit Themen, von denen man sonst nie etwas hören würde. Und der Austausch ist natürlich spannend.

Aber der Rotary Club ist auch eine Gemeinschaft, die sehr viel für das Gemeinwesen macht.

Meier-Schatz: Für mich waren die Wertehaltung und die Sinnhaftigkeit ausschlaggebend. Die Bereitschaft, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Als Beispiel: Die Grillstellen beim Baumwipfelpfad wurden vom RC Neckertal erstellt. Ich finde solche Hands-On-Projekte spannend.

Trotzdem wirken die Rotary Clubs für viele elitär. Ein Ort zum Netzwerken, für Hinterzimmer-Deals.

Meier-Schatz: Das ist in den Köpfen nach wie vor drin. Und was drin ist, ist schwierig wegzubringen. Früher waren die Clubs sicher tatsächlich relativ elitär. Diese Netzwerke gabs damals aber nicht nur bei den Service Clubs. Auch andernorts, zum Beispiel in der Wirtschaft und in den Parteien. Das ist heute nicht mehr so. Aber das Image bleibt haften. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass der Rotary sehr diskret ist. Wir machen wenig Öffentlichkeitsarbeit, aus meiner Sicht oft zu wenig. So werden die Projekte nicht wahrgenommen.

Tue Gutes und sprich nicht darüber?

Meier-Schatz: Das hängt auch immer von den Präsidien ab. Vreni Wild und ich werden den Club sicher mehr in der Öffentlichkeit positionieren, weil wir eher öffentliche Personen sind.

Ist ein Teil der Erklärung nicht auch, dass man nur auf Einladung Mitglied werden kann?

Meier-Schatz: Das Götti-System ermöglicht eine Wechselwirkung zwischen Mitgliedervielfalt und Mitgliederbindung, diese ist für die Umsetzung herausragender Projekte zugunsten der Gesellschaft ausschlaggebend. Dadurch übernehmen Götti und Gotte bei der Empfehlung neuer Mitglieder Verantwortung.

Wild: Für Aussenstehende kann es schon elitär wirken, weil man ja nicht einfach beitreten kann.

Um Licht auf das Innenleben zu werfen: Was passiert denn an diesen wöchentlichen Treffen?

Meier-Schatz: Wir treffen uns wöchentlich, haben aber nur ein Referat pro Monat. Die Treffen verlaufen sehr strukturiert, es gibt neben dem Essen Infos vom Präsidium und aus den Kommissionen.

Wild: Bei uns gibt es praktisch jede Woche ein Referat. Der Programmchef hat entsprechend viel zu tun.

Wie muss man sich diese Referate inhaltlich vorstellen?

Wild: Der Programmchef hat freie Hand. Man kann aber davon ausgehen, dass die Inhalte jeweils aus seinem Interessensgebiet stammen. Als ich Programmchefin war, gab es relativ viele politische Inhalte.

Meier-Schatz: Wir haben ein Jahresthema, das wird vom Programmchef gesetzt. Aktuell ist dieses «Energie». Darunter fallen dann aber auch Themen wie «die süsse Energie» oder «die himmlische Energie». Die Zugänge sind also vielfältig.

Also sind diese wöchentlichen Treffen so etwas wie ein Stammtisch, einfach mit mehr Inhalt und mehr Struktur?

Meier-Schatz: Wenn man den Begriff nicht negativ konnotiert versteht, dann ja.

Wild: Ja, wir haben aber jedes Mal eine andere Sitzordnung. Eine zufällige. Wir ziehen Nummern, so gibt es immer wieder andere Gesprächspartner.

Die Struktur geben aktuell Sie als Präsidentinnen vor. Was haben Sie sich für das Präsidialjahr vorgenommen?

Wild: Immer ein Thema sind Neuaufnahmen. Ich setze mir das Ziel, etwa zwei bis drei Neuaufnahmen zu verzeichnen. Auch, um einer Überalterung entgegen zu wirken. Unser Club ist rund 70-jährig, deshalb ist der Altersschnitt schon etwas höher als beim RC Neckertal, der seit rund 25 Jahren existiert. Ansonsten bin ich als Präsidentin vor allem repräsentativ gefordert.

Meier-Schatz: Eigentlich sind wir als Präsidentinnen eher in der Rolle der Dirigentin. Der Programmchef ist der Konzertmeister. Ich habe schon ein paar Bereiche, die ich mit meinem Vorstand anpacken will, aber das sind eher Formalitäten oder Abläufe. Vielleicht aber auch ein neues Hands-On-Projekt.

Lucrezia Meier-Schatz (links) und Vreni Wild unterhalten sich auf dem Baumwipfelpfad Neckertal. Die Touristenattraktion in Mogelsberg ist eines der Projekte, bei dem der Rotary Club Neckertal geholfen hat.Bild: Ruben Schönenberger