Toggenburger Kühe gehen gerne ins Freie – auch an kalten Wintertagen

Geht es um die Gesundheit und das Tierwohl, ist für Kühe der regelmässige Aufenthalt im Freien äusserst wichtig.

Adi Lippuner
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Mirjam Ammann und Simon Wenk beobachten die Kühe während des Aufenthalts im Freien ganz genau.

Mirjam Ammann und Simon Wenk beobachten die Kühe während des Aufenthalts im Freien ganz genau.

Bild: Adi Lippuner

Ob Schneefall, Regen oder Sonne: Kühe halten sich gerne im Freien auf, das beweist ein Blick auf die Gewohnheiten der Tiere, die in einem Laufstall leben und selbst entscheiden können, ob sie sich drinnen oder draussen aufhalten wollen.

Landwirte, die ihre Tiere in einem Anbindestall halten, müssen diese, gemäss Artikel 40 der Tierschutzverordnung, auch im Winter regelmässig ins Freie lassen. Mindestens 30 Tage pro Winter, bei Bio-Betrieben sogar jeden zweiten Tag, lautet die Vorschrift.

Höchstens zwei Wochen ohne Auslauf

Der Artikel 40 der Tierschutzverordnung bezüglich Anbindehaltung, Stand April 2008, lautet folgendermassen: «Rinder, die angebunden gehalten werden, müssen regelmässig, mindestens jedoch an 60 Tagen während der Vegetationsperiode und an 30 Tagen während der Winterfütterungsperiode, Auslauf erhalten. Sie dürfen höchstens zwei Wochen ohne Auslauf bleiben. Der Auslauf ist in einem Auslaufjournal einzutragen.

Das Tierwohl-Programm RAUS des Bundes ist für die Tierhalterinnen und Tierhalter (ohne Bio) freiwillig. Mit diesem Programm soll das Wohlbefinden der Nutztiere durch regelmässigen Auslauf ins Freie verbessert werden. Es gilt für die Tierarten Rindvieh, Wasserbüffel, Pferdeartige, Ziegen, Schafe, Schweine, Kaninchen, Geflügel, Bisons und Hirsche.

Sämtliche Tiere einer Kategorie müssen gemäss den Programmanforderungen gehalten werden, um beitragsberechtigt zu sein. Weidetiere benötigen vom 1. Mai bis am 31. Oktober mindestens 26 Tage pro Monat Auslauf auf einer Weide; vom 1. November bis am 30. April mindestens 13 Tage pro Monat Auslauf auf einer Auslauffläche oder einer Weide. Schweine, Kaninchen und Geflügel müssen täglich mehrere Stunden Auslauf haben. (pd/lis)

Unterschiedlicher Charakter wird sichtbar

Was bedeutet dies für einen Bio-Betrieb mit gut 20 Kühen, wie ihn Mirjam Ammann und Simon Wenk in Wildhaus führen?

«Der zusätzliche Arbeitsaufwand, bedingt durch den Anbindestall, beinhaltet nicht nur das regelmässige Freilassen der Tiere, ihr Fell wird auch mit Striegel und Bürste gepflegt.»

Und wenn sich die Tiere dann im Freilauf bewegen, gönnen sich auch die Betreuer eine kurze Auszeit. «Das Beobachten der Kühe ist äusserst wichtig, denn so erkennen wir die Brunft-Anzeichen», erklärt die Bäuerin. Zudem tue es auch den Menschen gut, für ein paar Minuten die Sonne am Fusse des Wildhauser Schafberges zu geniessen.

Im Freilauf lasse sich der Charakter der Kühe sehr gut beobachten, die einen sind eher ruhig, andere lebhaft, erläutert Mirjam Ammann. Sie ist Bäuerin mit eidgenössischem Fachzeugnis (EFZ) und damit berechtigt, einen Hof zu führen.

Ihr Partner unterstützt sie dabei. Er arbeitet aber insbesondere im Winter in seinem erlernten Beruf als Schreiner. Das junge Paar hat den Hof von Mirjam Ammanns Vater übernommen und somit war die Ausgangslage mit dem Anbindestall bereits gegeben. Jede Haltungsform habe ihre Vor- und Nachteile, sind sich die Beiden einig. Einig sind sich Mirjam Ammann und Simon Wenk auch darin, dass Kühe Bewegung, Luft und vor allem Sonne brauchen.

Bei stürmischem Wetter wollen die Tiere nicht hinaus

Die aktuell 20 Kühe und 12 Stück Jungvieh halten sich gerne im Freien auf, auch wenn es einzelne gebe, die kaum draussen, bereits zurück an ihrem angestammten Platz im Stall wollen. Wenn das Wetter stürmisch ist, wollen die Kühe gar nicht ins Freie. «Trotzdem ist es wichtig, die Vorschriften einzuhalten, denn die Tiere sollten auch konditionell gut über den Winter kommen», betont Mirjam Ammann.

Apropos Vorschriften: Das Journal, in dem die Freilauftage festgehalten werden, muss aktuell nachgeführt sein, wird bei einem Besuch vor Ort erklärt. Und weil der Hof nach Bio-Richtlinien geführt wird, gehören auch die Vorschriften, welche das Programm RAUS (regelmässiger Auslauf im Freien) des Bundes verlangt, dazu.

Diese besagen, dass jedes Tier pro Monat mindestens 13-mal ins Freie gelassen werden muss. Was für Bio-Betriebe selbstverständlich ist, kann durch den Leiter eines konventionellen geführten Hofes freiwillig vereinbart werden.

Sonne tut auch den Tieren gut

Für Konrad Höhener von der Fachstelle Rindvieh am Landwirtschaftlichen Zentrum St.Gallen in Salez (LZSG) ist für Kühe aus einem Anbindestall die Bewegung im Freien wichtig.

«Sonne tut nicht nur uns Menschen, sondern auch den Tieren gut, denn auch sie brauchen Vitamin D, welches durch die Sonne gebildet wird.»

In diesem Zusammenhang ist die Erwähnung einer Versuchsreihe mit Weiderindern aus Deutschland interessant: Es wurden unterschiedlich grosse Hautareale von der Sonneneinstrahlung abgeschirmt und damit bewiesen, dass Rinder und Kühe auch auf der behaarten Körperoberfläche Vitamin D bilden können.

Und wenn dann im März das erste Grün auf den Wiesen wieder zu spriessen beginnt, ziehe es nicht nur die Menschen, sondern auch die Kühe wieder ins Freie. «Die Tiere spüren, dass ihr ‹Tisch› auf der Weide wieder reich gedeckt wird und drängen vermehrt auf ins Freie», geben die Landwirte Einblick in den für sie selbstverständlichen Jahresablauf.