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Interview

Toggenburger Kantonsrat Andreas Widmer: «Die Politik kann dem Konsumenten das Kaufverhalten nicht aufdiktieren»

Am 23. September hat das Stimmvolk über die Initiativen Fair-Food und Ernährungssouveränität zu befinden. Andreas Widmer vom St. Galler Bauernverband spricht über allfällige Auswirkungen für das Toggenburg.
Interview: Urs M. Hemm
Würden die beiden Agrarinitiativen vom Schweizer Stimmvolk angenommen, wäre der Bund verpflichtet, regionale Produkte, wie Gemüse, zu fördern. (Bild: Donato Caspari)

Würden die beiden Agrarinitiativen vom Schweizer Stimmvolk angenommen, wäre der Bund verpflichtet, regionale Produkte, wie Gemüse, zu fördern. (Bild:
Donato Caspari)

Andreas Widmer, die Initianten der Fair-Food-Initiative möchten, dass der Bund die umweltschonende, tierfreundliche und faire Produktion von Lebensmitteln fördert, indem dieser für die Produzenten in der Schweiz strengere Vorgaben erlässt. Reicht die heutige Gesetzgebung nicht aus?

Die heutige Gesetzgebung für die Produktion von Nahrungsmitteln im tierischen und pflanzlichen Bereich geht schon sehr weit. Jede weitere Verschärfung bringt mehr administrativen Aufwand, jedoch nur noch unbedeutende Mehrwerte für die Ökologie und das Tierwohl. Der Konsument soll entscheiden und nicht die Politik. Wenn jemand Fleisch aus einem Labelprogramm kauft, fördert er direkt das Label. Will jemand auf dem Küchentisch Biokäse und Biosalat, dann soll er biologische Produkte kaufen und er fördert die Bioproduktion. Verlangt der Markt nach mehr regionalen, biologischen oder speziell nachhaltigen Labelprodukten, ist die Landwirtschaft gerne bereit, diese auch in hoher Qualität konsumentengerecht zu produzieren und bereitzustellen.

Strengere Vorschriften, insbesondere im Bereich Tierschutz, gehen in der Regel mit baulichen Anpassungen einher. Wie können sich Toggenburger Bauern Investitionen überhaupt leisten?

Andreas Widmer, Präsident St.Galler Bauernverband und CVP-Kantonsrat. (Bild: PD)

Andreas Widmer, Präsident St.Galler Bauernverband und CVP-Kantonsrat. (Bild: PD)

Das ist wohl das Hauptproblem in der Tierhaltung. Die Investitionskosten für den Neubau eines Kuhplatzes liegen bei 30000 Franken und sind in einem schlechten Verhältnis zu dem, was auf dem Hof pro Tier erwirtschaftet werden kann. Dazu kommt die Situation, dass die Tiere im Sommer teilweise auf der Alp sind und die Ställe so nur acht bis neun Monate genutzt werden können. Die hohen Baukosten sind zu einem grossen Teil drittgesteuert, beispielsweise durch Auflagen für die Tierhaltung mit Mindeststandards und Auslaufmöglichkeiten, Anforderungen an die Lagerung der Hofdünger, sicherheitstechnische Aspekte und die Anforderungen an die Baustatik im Berggebiet.

Diese Vorgaben sollen auch für importierte Lebensmittel gelten. Fleisch aus Massentierhaltung dürfte bei einer Annahme der Initiative demnach nicht mehr in die Schweiz eingeführt werden. Können die Toggenburger Produzenten die Nachfrage ohne Importe abdecken?

Im ganzen Milchsektor und auch beim roten Fleisch, also Rindfleisch, Kalbfleisch und Beef, können wir die Nachfrage vollumfänglich abdecken. Hingegen kann der Bedarf in der pflanzlichen Produktion, wie Beeren, Gemüse, Getreide oder Ölsaaten, nur zu einem kleinen Teil durch das Inland abgedeckt werden. Aber auch bei anderen Nischenprodukten können wir die Konsumentennachfrage nicht befriedigen. Importe von Nahrungsmittel sind mit oder ohne Initiative auch in Zukunft nötig.

Die Einhaltung der neuen Vorschriften soll gemäss Initiativtext durch den Bund kontrolliert werden. Wer müsste für die Kosten dafür aufkommen?

Im Inland würde sich bei der Kontrolle nicht allzu viel ändern. Es sind bereits jetzt mehrere Tausend Kontrollpunkte, mit welchen die Landwirte und Produzenten überwacht werden. Die grosse Frage stellt sich bei einer Annahme der Initiative, wie die Produktionsstandards im Ausland geprüft werden. Die Rückverfolgbarkeit, die Kontrollen bei den Einfuhren sowie das dauernde Abgleichen der Standards in den einzelnen Ländern würde zu einem administrativen Moloch führen. In der Schweiz tragen die Bauern als Produzenten die Kosten für die Kontrollen. Wer die Kontrollen für die im Ausland produzierten Produkte bei einer Umsetzung der Initiative zahlen würde, ist unklar.

Inwiefern würde die Annahme der Initiative den Toggenburger Bauern helfen?

Die Initiative würde den Toggenburger Bauern dann helfen, wenn der Konsument beim Einkauf künftig auf noch mehr Regionalität, auf umweltnahe Produktion und auf die Herkunft aus bäuerlichen Familienbetriebe setzen würde. Oder anders gesagt, es werden die einheimischen Produkte bevorzugt. Aber eben, die Politik kann dem Konsumenten das Kaufverhalten nicht aufdiktieren, der Konsument entscheidet und steuert den Markt.

Die Initiative zur Ernährungssouveränität möchte zurück zu Mengen- und Preisgarantien in der Landwirtschaft, was der Agrarpolitik des Bundes der letzten 20 Jahre widerspricht. Würde ein Zurückkommen zum alten System den Toggenburger Bauern helfen?

Bei einer vollständigen Umsetzung der Initiative zur Ernährungssouveränität würde man das Rad der Zeit um 30 Jahre zurückdrehen. Preisgarantien, Kontingente und eine Steuerung von Angebot und Nachfrage durch den Staat wären die Folge. In der Summe würde die Umsetzung den eher klein strukturierten Toggenburger Betrieben helfen. Der höhere Grenzschutz hätte höhere Erlöse zur Folge. Das wäre grundsätzlich positiv, nur erkennt auch die Landwirtschaft, dass dies in der Praxis nicht umsetzbar ist. Der Steuerzahler wäre für diese Bevormundung nicht zu gewinnen. Wenn man mit den Bauern spricht, will heute fast niemand mehr zurück in die alte Zeit mit staatlicher Produktionssteuerung und garantierten Preisen.

Geht es den Toggenburger Bauern grundsätzlich schlechter oder besser als noch vor 20 Jahren?

Im Schnitt geht es ihnen heute betriebswirtschaftlich besser. Sie können in ihre Betriebe investieren und sie haben die Möglichkeiten, neue Betriebszweige aufzubauen. Dies ist aber abhängig davon, ob genügend Boden verfügbar ist. Oder anders gesagt, den Betrieben geht es finanziell nur gut, wenn sie wachsen konnten oder dies auch in Zukunft können. Das Wachsen ist immer verbunden mit Investitionen und einer hohen Arbeitsleistung. Das beunruhigt, denn auf die Dauer kann man den Bauernfamilien nicht eine Arbeitszeit von über 3400 Stunden zumuten. Da leidet die Gesundheit.

Der Trend hin zu weniger, dafür grösseren Landwirtschaftsbetrieben soll gestoppt werden. Ist ein Zurück zu kleinflächigen Strukturen in der Region überhaupt noch möglich?

Die Entwicklung der Betriebe wird gesteuert durch die Agrarpolitik, die erzielten Preise am Markt und die demografischen Strukturen. Wir haben viele Betriebsleiter, welche in den nächsten zehn Jahren das AHV-Alter erreichen. Und viele davon haben keinen Nachfolger. Es werden auch künftig ein bis zwei Prozent der Betriebe aufgeben. Ein Zurück zu kleinflächigen Strukturen ist in der Nischenproduktion oder im Nebenerwerb möglich.

Mit der Annahme der Initiative wird der Bund verpflichtet dafür zu sorgen, dass mehr Leute in der Landwirtschaft arbeiten. Gibt es im Toggenburg eine grosse Nachfrage nach Stellen auf einem Bauernbetrieb?

Die Nachfrage nach Stellen auf einem Bauernbetrieb ist sehr klein − auch im Toggenburg. Es wird zunehmend schwieriger, Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Glücklicherweise füllen Arbeitskräfte aus Osteuropa die Nachfrage in der Saison. Festzuhalten ist auch, dass mit der gesellschaftlichen Entwicklung die Begeisterung an körperlichen Tätigkeiten mit zehn bis zwölf Stunden Arbeit pro Tag nicht gerade zunimmt.

Konsumenten sollen hauptsächlich Produkte aus der Region essen. Diese sind aber, weil in kleineren Mengen produziert, teurer als Produkte aus der Massenproduktion. Sind die Konsumenten bereit, für Grundnahrungsmittel wie Milch oder Butter mehr zu bezahlen?

Ein grosser Teil unserer Bevölkerung ist bereit, für ein gutes Produkt aus der Region einen guten Preis zu zahlen. Das gilt auch für die Grundnahrungsmittel. Der Trend ist, dass unsere Konsumenten künftig weniger essen, dafür auf die Qualität noch mehr Wert legen und schliesslich für das Produkt mehr zahlen. Das wäre ein Beitrag gegen Food Waste und für die Gesundheit. Der Schweizer Gesundheitsmarkt setzt mehr als 80 Milliarden um. Es wäre ein Leichtes, einige Milliarden mehr für bewusstes Ernähren auszugeben und die doppelte Summe bei den Gesundheitskosten wieder einzusparen.

Wie könnte eine Vermarktung von regionalen Produkten aus dem Toggenburg aussehen?

Bei der Vermarktung der regionalen Produkte sind viele Kanäle vorhanden und zu nutzen. Es wäre zu wünschen, dass die Grossverteiler vermehrt auf die regionalen Angebotslinien umstellen und die Händler und die Detaillisten die regionalen Produkte ins Zentrum stellen. Der Direktverkauf ab Hof funktioniert auf vielen Höfen bereits jetzt sehr gut, er wird in Zukunft wohl über die Online-Kanäle mehr möglich sein. Wir hinken im Toggenburg jedoch bei den starken regionalen Marken hintennach. Es würde einige wenige starke Dach- oder Produktmarken brauchen. So zum Beispiel Toggenburger Alpkäse, Toggenburger Bergkäse oder Toggenburger Beef.

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