«Temperaturen von über 40 Grad werden zum Normalfall»: Heinz Wanner erklärt bei Referat in Wattwil den Klimawandel und schlägt konkrete Lösungen vor

Der Klimawandel bereitet vielen grosse Sorgen. Heinz Wanner erklärte am Mittwochabend im Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg, wie dieser Wandel stattfindet und was man dagegen unternehmen könnte.

Julia Engel
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Der emeritierte Professor Heinz Wanner klärt über den Klimawandel auf.

Der emeritierte Professor Heinz Wanner klärt über den Klimawandel auf.

Bild: Julia Engel

Bis in die hintersten Reihen war die Aula des Berufs- und Weiterbildungszentrums Toggenburg (BWZT) am Mittwochabend besetzt. Heinz Wanner hielt einen Vortrag zum Klimawandel.

Diverse Titel zeichnen den emeritierten Professor der Universität Bern aus. Vom Prix Vautrin Lud, der als inoffizieller Nobelpreis für Geografie gilt, über die Ehrenmedaille der Masaryk-Universität in Brünn bis zur Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Toggenburg unter einer Eisdecke

Mit einer Darstellung des Toggenburgs vor 23000 Jahren leitete Wanner seinen Vortrag ein. Darauf zu sehen: praktisch nur weiss. Die gesamte Region war damals vergletschert.

Wie die Erde ihre Temperatur reguliert, erklärte Wanner, indem er die Erde mit einer Wärme-Kraft-Maschine verglich.

«Am Äquator, wo es warm ist, gewinnt die Erde Energie, bei den Polen verliert sie Energie.»

Würde kein Wärmeaustausch zwischen Erdteilen unterschiedlicher Breitengrade passieren, wären sowohl Länder beim Äquator als auch bei den Polen nicht bewohnbar. Durch den Wärmeaustausch, der zur einen Hälfte über die Luftzirkulation und zur andern über die Strömungen des Ozeans geschieht, betrage die Erdmitteltemperatur etwa 15 Grad Celsius. Über die Luftteilchen geschehe dieser Austausch schnell, während Wasserteilchen dafür mehr Zeit benötigten.

Über 3 Kilometer für 1,2 Millionen Jahre Messwerte

Die Temperaturen auf der Erde unterscheiden sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Wie die Klimageschichte zeige, habe es schon immer Schwankungen im Klima gegeben. 20 bis 25 Eiszeiten und Zwischeneiszeiten seien für die letzten 2,7 Millionen Jahre bekannt. «Die nächste Eiszeit werden wohl nur die wenigsten von Ihnen erleben», scherzte Wanner. Rund 30 000 Jahre müssten wir noch warten bis diese eintreffe.

Neue Forschungsarbeiten, die durch Bohrungen bis über 3 Kilometer in die Tiefe des antarktischen Eises gehen sollen, würden Auskunft über das Klima der letzten 1,2 Millionen Jahre geben. Mithilfe von Klimamodellen, die bereits existieren, kann man um Beispiel die Veränderungen des Klimas seit den 1960er-Jahren veranschaulichen. Auf einer Grafik, die Wanner zeigte, schiesst die Kurve in den letzten Jahrzehnten in die Höhe. «Gäbe es keine Treibhausgase, wären wir zurzeit in einer kühleren Phase.»

Mensch bringt Turbulenzen ins System

Die Klimaforschung des letzten Jahrhunderts zeige auf, wie einerseits natürliche Faktoren, beispielsweise Vulkanausbrüche und die Sonne, andererseits die Menschen das Klima beeinflussen.

«Im Vulkanjahr 1816 hat es hier im Toggenburg jeden Monat einmal geschneit.»

Dies führte dazu, dass die Menschen hungerten. Um 1860 hätten die Zeitungen im Berner Oberland verkündet: «Die nächste Eiszeit naht.» Dahingegen sei das Mittelalter oft angenehm warm gewesen. «Das war teilweise ein Schlaraffenland», bezeichnete Wanner die damalige Nahrungssituation.

Der Einfluss des Menschen spiele bei den Klimaschwankungen des letzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart eine entscheidende Rolle.

«Je mehr Treibhausgase wir ins ‹Aquarium Erde› setzen, desto stärker erhöht sich die Temperatur.»

Turbulenzen und Wetterextreme wie Stürme und Überflutungen würden deshalb zunehmen.

«Mindestens zu zwei Dritteln hat der Mensch seit etwa den 1980er-Jahren zum Klimawandel beigetragen. Daran kann auch ein genialer Typ, wie Trump sich selbst nennt, nichts ändern.»

Hier in der Schweiz könne man die Folgen des Klimawandels hautnah mitverfolgen. Wanner zeigte Bilder der Gletscher, die in den letzten Jahren stark zurückgingen.

Ende Jahrhundert über 40 Grad heiss

Bereits in den letzten Jahren berichteten die Medien vermehrt von Hitzewellen.

«Machen wir weiter wie bisher, werden am Ende dieses Jahrhunderts hierzulande Temperaturen von über 40 Grad zum Normalfall.»

Der «Urgrund» für den menschengemachten Klimawandel sei die Bevölkerungsexplosion, erklärte Wanner. Diese sei vor allem entstanden, als die Menschen begannen sich niederzulassen und von der Landwirtschaft zu leben. «Viele Menschen brauchen viel Energie und viel Nahrung.» Dieser Verbrauch trage zum Klimawandel bei. Verändere sich das Klima, entstünden schliesslich Probleme wie die Wasser- und Energieverknappung, wobei Wanner auf den veränderten Wasserkreislauf hinwies.

Das Wasserproblem sei besonders akut in den Subtropen, wo viele Menschen in Armut lebten. Der Kampf um das Wasser sei bereits in Gange. In Zukunft würden Küstengebiete nicht mehr zum Leben geeignet sein, da der Meeresspiegel ansteigen werde. «Im Toggenburg ist das kein Problem. In Holland und an Küstengebieten müssen die Leute aber flüchten.» Dies trage wahrscheinlich zur Migration bei.

Ein «enkelwürdiges» Klima erhalten

An den Klimademonstrationen nehme Wanner nicht teil: «Ich bin kein Alarmist.» Er wolle bloss die Tatsachen aufzeigen. Schliesslich fragte Wanner: «Und jetzt? Was lernen wir?» Wir müssten ein «enkelwürdiges Klima» erhalten. Er betonte:

«Das Problem ist lösbar.»

Dazu nennt er fünf Punkte. Wir seien gezwungen, die Verbrennung fossiler Brennstoffe massiv einzuschränken, erneuerbare Energien mit Hilfe von Technologien zu fördern, die Energiegewinnung zu regionalisieren und zu dezentralisieren, Ressourcen zu schonen sowie den Benachteiligten zu helfen.

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