Toggenburg
Ort der Rekorde: Minus 30 Grad in der Nacht auf Freitag im Kaltluftsee Hintergräppelen – nirgends in der Ostschweiz wurden je tiefere Temperaturen gemessen

In Hintergräppelen im Obertoggenburg befindet sich der kälteste Ort der Ostschweiz. Und er machte seinem Namen einmal mehr alle Ehre. Messstations-Betreiber Stephan Vogt kennt den Grund für die bitterkalten Temperaturen.

Lia Allenspach
Drucken
Teilen
Im Gräppelental wurde die tiefste Temperatur des bisherigen Winters gemessen.

Im Gräppelental wurde die tiefste Temperatur des bisherigen Winters gemessen.

Bild: Stephan Vogt/kaltluftseen.ch

Die Alp Hintergräppelen ist ein kleines Tal oberhalb von Alt St.Johann. Es liegt auf 1307 Meter Höhe. Nordwestlich ragt die nördliche Alpsteinkette und südlich der Schwendigrat, Mittelberg und der Lauiberg auf. Somit ist das kleine Tal das eingeklemmte Tief zwischen hohen Bergen. Trotzdem werden in Hintergräppelen weit tiefere Temperaturen gemessen als auf den Bergen ringsum. Die unscheinbare Idylle ist der kälteste Ort der Ostschweiz.

In der Nacht auf den Freitag verzeichnen die Messstationen von Stefan Vogt in Hintergräppelen minus 30 Grad. Mit dieser Temperatur hat das Gräppelental den Schweizer Rekord des bisherigen Winters geknackt.

Die Entstehung eines Kaltluftsees

«Ein Kaltluftsee entsteht in der Senke, also am tiefsten Punkt des Geländes», sagt Stefan Vogt. Die kalte Luft verhalte sich ähnlich wie Wasser. Sie würde sinken, also den Hang herabwandern, weil sie schwerer ist als warme. Die wärmere Luft hingegen steigt. So sammle sich die kalte Luft ganz unten in der Senke an, wie ein See, deshalb auch der Name. «In der Senke kühlt die Luft weiter aus», erklärt Vogt.

Neben der Lage gebe es aber auch verschiedene andere Bedingungen, die für die tiefen Temperaturen sorgen. Neuschnee hilft der Luft bei der Auskühlung. Eine weitere Voraussetzung ist ein wolkenloser Himmel, damit eine freie Strahlung zum Weltraum besteht. Ausserdem sollte es windstill sein, damit sich die Luft nicht vermischt und die kalte Luft ungestört auskühlen kann. Vogt sagt:

«In der Nacht auf den Freitag waren die Bedingungen ideal.»

Dass es in letzter Zeit ausserordentlich warm gewesen sei, spiele nicht so eine Rolle. Es gehe hauptsächlich um das Zusammenspiel der Faktoren. Bis jetzt sei der Winter zweigeteilt gewesen. Anfangs seien die Temperaturen normal bis kalt gewesen. Über die Festtage sei dann der Bruch gekommen: Warme bis extrem warme Temperaturen seien verzeichnet worden. Nun folgt die tiefste Temperatur, sagt Stephan Vogt.

Im Kanton Schwyz noch kälter

Messungen unter minus 30 Grad gebe es im Kaltluftsee im Gräppelental nur ein bis zwei Mal in einem typischen Winter. Vogt sagt:

«Hintergräppelen ist wirklich ein spezieller Ort: In der Ostschweiz wurden noch keine kälteren Temperaturen gemessen.»

Der kälteste Wert, welcher im Obertoggenburg überhaupt je gemessen wurde, stammt aus dem Winter 2016/2017. Das Thermometer sank im Gräppelental auf sibirische minus 38,2 Grad. Schweizweit liegt der Kälterekord aber gar bei Minus 52,5 Grad. Er wurde 1991 bei einer privaten Messstation auf der Glattalp im Kanton Schwyz registriert.

Aktuelle Nachrichten