Toggenburg
Jugendunruhen gab es auch früher: Als sich Junggesellen auf Brautschau beim «Federlaufen» die Köpfe einschlugen

Im späteren 18. Jahrhundert gab es im Toggenburg das «Federlaufen», bei dem sich an Chilbis Junggesellen zur Brautschau in Gruppen organisierten. Weil diese oft aufeinander losgingen, verbot die Obrigkeit den Brauch.

Fabian Brändle
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Nicht immer ging es an Jahrmärkten und Chilbis so ruhig zu und her wie 1911 in Lichtensteig.

Nicht immer ging es an Jahrmärkten und Chilbis so ruhig zu und her wie 1911 in Lichtensteig.

Bild: Toggenburg Museum Lichtensteig

Bräuche, so uralt sie auch sein mögen, verändern sich über die Jahre, geraten ins Kreuzfeuer der Kritik, passen sich den neuen Zeiten an. Manche von ihnen gehen aber auch ganz verloren. So etwa das Toggenburger «Federlaufen», das jeweils parallel zum Kirchweihfest (Chilbi) stattfand.

Dank einer Beschreibung von Johann Jakob Simler (1758–1815), der reformierter Pfarrer von Henau und Niederglatt sowie Mitglied der «Ascetischen Gesellschaft» in Zürich war, weiss man Näheres über jenen Brauch des späteren 18. Jahrhunderts. In einem Text, der in Band 33 der «Toggenburger Blätter für Heimatkunde» abgedruckt ist, schreibt Simler, dass die fürstäbtischen Obrigkeit den Brauch sogar verboten hat.

Junggesellen verteidigten ihr Territorium

Die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Dörfer pflegten an der Chilbi zusammenzukommen. Die ledigen Männer, organisiert in sogenannte Knabenschaften, gingen bei diesem Anlass auf Brautschau. Sie trafen dabei auf die einheimische Jungmannschaft, die ihr Territorium verbissen verteidigte.

Der Brauch des «Federlaufens» rundete einen für die Ledigen gelungenen Kirchweihtag ab. Johann Jakob Simler spricht vom «einzigen Spiel der Reformierten», das ein wenig «militärischen Geist» hat, aber oftmals «tragisch» endete. Daher rühre auch das Verbot im obrigkeitlichen Landmandat, das freilich wenig Beachtung gefunden habe. Die Junggesellen eines Dorfes zogen unter einem Hauptmann, «der mit einem Federhut bedeckt ist» (daher der Name «Federlaufen»), unter Trommeln und mit Fahnen sowie mit Unter- und «Uebergewehr» auf die Kirchweih eines anderen Dorfes und machten sich dort «Schiessen, Springen, Kegelschieben, Tanzen ausschweifend lustig».

Falls sich aus einem anderen Dorf eine weitere «Kompanie» dazugesellte, war der Streit vorprogrammiert. Schläge, Blutvergiessen, ja gar Totschlag setzten ein. Das war vielleicht eine Übertreibung des frommen Pfarrherren Johann Jakob Simmler, der mit seiner Beschreibung vor dem Exzess des Volkes warnen wollte. Doch aus Gerichtsquellen weiss man, dass Gewalt bei solchen Anlässen durchaus üblich war und Massenschlägereien gang und gäbe. Die Obrigkeit verfügte kaum über Polizisten oder über Soldaten, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Schnell verlor vielleicht ein Waffentragender die Kontrolle über sich und schlug, alkoholisiert, mit dem Säbel drein. Schwere Verletzungen waren die Folge davon.

Konkurrenz zwischen Dörfern war gross

Das waren dann regelrechte Jugendkrawalle, freilich ohne jegliche politische Ausrichtung. Der physischen Gewalt vorausgegangen waren gemäss Pfarrer Simler «Witzlen, Spitzeln und Beschimpfen», welche das Rad der Gewalt ankurbelten und schliesslich zur Eskalation führten.

Die Konkurrenz zwischen angrenzenden Dörfern war seit jeher gross – nicht nur, was den Heiratsmarkt betraf. Auch Grenzstreitigkeiten waren nicht selten. Die sogenannten «Knabenschaften» als Wachhunde der Dorfkultur übertraten manchmal bewusst Grenzen, um im gewaltsamen Konflikt zu zeigen, wer der Stärkere sei. Somit sind die Bemühungen der Obrigkeit, dem «Federlaufen» Einhalt zu gebieten, durchaus verständlich.

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