Tochter wurde von Ex-Freund misshandelt: Toggenburger «Löwenmama» übt Selbstjustiz und wird verurteilt

Um ihre Tochter zu schützen, ging eine im Toggenburg lebende Frau auf deren Ex-Freund los und verletzte ihn. Das Kreisgericht Toggenburg verurteilte sie wegen einfacher Körperverletzung.

Sabine Camedda
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Das Kreisgericht konnte der Angeschuldigten beim Streit mit dem Ex-Freund ihrer Tochter keine Tötungsabsicht nachweisen.

Das Kreisgericht konnte der Angeschuldigten beim Streit mit dem Ex-Freund ihrer Tochter keine Tötungsabsicht nachweisen.

Bild: Susan Basler

Die Tränen der jungen K.* an diesem Freitagabend im vergangenen Sommer waren zu viel. Ihr Ex-Freund R.* habe sie wohl wieder geschlagen, dachte sich K.s Mutter und beschloss zu handeln. «Ich war in der Küche und dachte mir, dass es das letzte Mal war, dass er meine Tochter geschlagen hat. Er hat kein Recht dazu», erklärte sie vor dem Kreisgericht Toggenburg.

In ihrer Wut packte die Mutter ein Rüstmesser, das auf dem Küchentisch lag und liess sich von ihrem Mann zu K.s Wohnung fahren. Vor dem Haus, in welchem die Tochter wohnte, nahm sie einen Stein mit. Zuerst liess K. ihre Mutter nicht in die Wohnung, doch sie drückte die Tür auf und trat trotzdem ein.

Instinktiv einen Stein mitgenommen

Dann eskalierte der Streit zwischen R., K. und der Mutter. Sie sei auf ihn losgestürmt, hätte ihn mit dem Stein, der in einem Kleidungsstück eingewickelt war, geschlagen, das Messer gezückt und geschrien, dass sie ihn umbringen würde, sagte R. später aus.

Dem widersprach die Angeschuldigte. Zwar bestritt sie nicht, den Stein und ein Messer bei sich gehabt zu haben. Sie hätte damit R. aber nicht töten wollen. Sie wollte damit sich und ihre Tochter besser gegen den gross gewachsenen R. verteidigen können. Den Stein habe sie instinktiv mitgenommen, eine wirkliche Tötungsabsicht habe nicht bestanden. Trotzdem hat die Mutter den Ex-Freund der Tochter beim Streit verletzt: Sie fügte ihm mit dem Messer eine leichte Hautverletzung am Unterarm zu und traf ihn mit dem Stein am Jochbein, was aber keine grössere Verletzung nach sich zog.

Sie wollte, dass es nie wieder passiert

Die Staatsanwältin klassierte das Vergehen als versuchte vorsätzliche Tötung und verlangte eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Zudem sei die Frau, die aus dem Ausland stammt, für sieben Jahre aus der Schweiz auszuweisen.

Die Staatsanwältin sah es als Tötungsabsicht, dass die Mutter mit dem Messer bewaffnet auf R. zugerannt sei. Dies würden die Aussagen von K. und R. belegen. Mit der Eskalation des Streits sei die Wut der Mutter noch grösser geworden. Sie hätte nur noch einen Gedanken gehabt: Sie wollte allem ein Ende setzen und dass R. nie mehr K. schlagen könne. «Wenn das keine Tötungsabsicht war, was dann?», fragte die Staatsanwältin vor dem Kreisgericht.

Für die Verteidigerin ist der Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung keinesfalls erfüllt. Es sei kein tatsächlicher Wille erkennbar, ihre Mandantin hätte in ihrer Wut gesagt, dass sie R. umbringen werde. «Sie wollte so Druck auf R. aufbauen, dass keine weiteren tätlichen Übergriffe auf K. stattfinden», sagte die Anwältin.

Sie verglich die Angeschuldigte mit einer Löwenmutter, die ihre Junge beschützen wolle. In diesem Fall habe sie aus Hilflosigkeit zur Selbstjustiz gegriffen. Sie plädierte für einen Freispruch für die versuchte vorsätzliche Tötung. Hingegen sei die Mutter der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung schuldig zu sprechen und mit einem Jahr Haft bei einer Probezeit von zwei Jahren zu bestrafen. Dies, weil sie R. verletzt hat, wenn auch nicht sehr schwer.

Es ist nicht klar, was wann genau ausgeführt wurde

Die Richter am Kreisgericht in Lichtensteig folgten dem Antrag der Verteidigung und sprachen die Angeklagte der einfachen Körperverletzung schuldig. Sie legte die Haftstrafe auf zehn Monate bei einer Probezeit von zwei Jahren fest. Auf den Landesverweis verzichteten sie.

Weder aus den Akten noch aus der an der Hauptverhandlung durchgeführten Befragung der Angeschuldigten sei es möglich, zweifelsfrei herauszufinden, was im Laufe des Streits wann genau ausgeführt wurde. Das sei aber nötig, um von dem Ereignis auf den Willen der Angeschuldigten zu schliessen. Somit sei die Tötungsabsicht auch nicht zweifelsfrei gegeben, argumentierten die Richter. Jemandem eine Lektion erteilen zu wollen, sei nicht genug für eine Tötungsabsicht.

Somit haben die Richter den Streit als Tateinheit gesehen, aus welchem eine einfache Körperverletzung resultierte. Das habe die Angeschuldigte in Kauf genommen, indem sie mit dem Stein auf R. eingeschlagen habe und vor ihm das Messer gezückt habe.

«Wir sind überzeugt, dass es der Angeschuldigten leidtut, was passiert ist und schauen es als einmaligen Ausrutscher an», sagte der vorsitzende Richter weiter. Er stützte diese Aussage mit den Folgen, welche die 21-tätige Untersuchungshaft für die Angeschuldigte gehabt hatte. Zudem betonte sie in ihrem Schlusswort, dass ihr die Tat leidtue wegen der Konsequenzen für sich und für ihre Familie.

* Namen von der Redaktion geändert.