Tätärätä! Die Guggenmusiken im Toggenburg und Fürstenland spielen weiter – Auch wenn der Nachwuchs schwierig zu finden ist

Wachstum? Fehlanzeige! Die Guggenmusiken des Toggenburgs und Fürstenlands gewinnen kaum neue Mitglieder – mit einer Ausnahme.

David Grob
Hören
Drucken
Teilen
Die Musik schräg, die Kostüme bunt: Wie geht es den Guggenmusiken der Region?

Die Musik schräg, die Kostüme bunt: Wie geht es den Guggenmusiken der Region?

Bild: Andrea Stalder

Ihre Musik ist so schräg wie die Kostüme bunt. Es ist Hochsaison für die Guggenmusikgruppen der Region. In Wil, im Toggenburg, im Fürstenland: Überall finden Maskenbälle und Fasnachtsumzüge statt (Ausgabe vom 25. Januar). So etwa die Fasnachtsparty Grössenwahn in Bichwil, die über 800 Gugger aus der ganzen Ostschweiz anlockte. Und doch hat die Fasnacht nicht mehr den gleichen Stellenwert wie noch in früheren Jahren. Die Anzahl an Maskenbällen geht stetig zurück.

Vor knapp einem Jahr fand in Rickenbach der letzte Katerball statt. Aus für den einst grössten Maskenball der Ostschweiz. Geht diese Entwicklung spurlos an jenen vorüber, die eine der tragenden Säulen der Fasnacht sind: den Guggenmusiken? Finden die Guggen aus Wil, aus dem Fürstenland, aus dem Toggenburg weiterhin neue Mitglieder? Oder kämpfen sie wie viele andere Vereine aus den unterschiedlichsten Bereichen ebenfalls mit sinkenden Mitgliederzahlen?

Nein, erschallt es im Kanon aus den Guggenmusikgruppen aus Wil, aus Alt St.Johann, aus Bazenheid oder aus Oberuzwil. Und doch: Einfach haben es die Guggen derzeit nicht. Denn die Mitgliederzahlen gehen zwar nicht zurück– sie steigen aber auch nicht an. Allenthalben bleibt es beim Status quo. Wachstum? Fehlanzeige! Weitgehend.

Bütschwil oder Bazenheid sind Fasnachtshochburgen

Anruf bei Daniel Wohlgensinger. Er ist Präsident der Guugewörger Bazenheid. «Wir sind zum Glück einigermassen konstant. Doch es ist nicht einfach, Neumitglieder zu gewinnen», sagt Wohlgensinger. Warum nicht, hier im Alttoggenburg, wo die Fasnacht noch verankert ist? Hier in Bütschwil, Mosnang oder Bazenheid, Gemeinden, die weiterhin Hochburgen der Narren sind. Genau darin sieht er ein Problem. «Es gibt viele andere Vereine.» In den direkten Nachbargemeinden oder in Wil.

Ähnlich wie Wohlgensinger sieht es auch Carmen Wehrli, Präsidentin der Gräppälä-Schränzer aus Oberuzwil. Auch in ihrer Region gibt es viele Guggenmusiken. «Wer in eine Guggenmusik eintreten will, hat viel Auswahl.» So ist es für die Gräppälä-Schränzer schwierig, zu wachsen. Und auch in der Gemeinde Wil kann sich ein potenzielles Neumitglied zwischen fünf Guggenmusiken entscheiden.

Keine Konkurrenz im Obertoggenburg

Über zu viel Konkurrenz kann sich Robin Aerni nicht beklagen. Seine Lutere Gugger Obertoggenburg ist die einzige Guggenmusik zwischen Wattwil und Wildhaus. Sind Wil und das Alttoggenburg Hochburgen der Fasnacht, so ist sie im Obertoggenburg eine kümmerliche Ruine. Und darin sieht Aerni das Hauptproblem der Lutere Gugger. «Die Fasnacht ist im Obertoggenburg kaum mehr präsent. Es gibt immer weniger Beizen, die dekoriert sind.» Dies zeigt sich auch in den Mitgliederzahlen, die seit Jahren zwischen 20 und 25 Mitgliedern pendeln. Ein Wert, mit dem sich Aerni mittlerweile zufriedengibt, waren es in früheren Jahren doch mal nur deren 17. Er hofft aber leise wieder auf die 30 bis 35 Mitglieder, welche die Lutere Gugger vor über 20 Jahren mal zählten.

Doch dafür braucht es Neumitglieder. Solche stossen zwar immer wieder dazu. «Aber leider hören auch immer mindestens gleich viele auf», sagt Aerni. Der Grund? Abwanderung. Viele Mitglieder wohnen längst nicht mehr im Obertoggenburg, sondern sind nach St.Gallen, Wil, ins Rheintal oder in den Thurgau gezogen. Viele kämen für die wöchentliche Probe zwar zurück, doch teilweise verliere man die Mitglieder, sagt Aerni. «Auch an Guggen in den neuen Wohnorten.»

Der Nachwuchs ist das Problem

Viele Präsidenten der Guggenmusikvereine sehen aber noch ein weiteres Problem: Es sei schwierig, die jüngere Generation und damit den möglichen Nachwuchs zu erreichen. Daniel Wohlgensinger, Präsident der Guugewörger Bazenheid, sagt etwa: «Viele Jungen wollen sich immer weniger festlegen und verpflichten.»

Mathias Kündig, Präsident ad interim der Wiler Semphoniker, pflichtet ihm bei. «Man will sich immer weniger binden.» Kündig nimmt deshalb die jüngeren Mitglieder seiner Guggenmusik in die Pflicht, aktiv Kollegen anzufragen. Nur so könne der Nachwuchs gesichert werden. Der Altersdurchschnitt der Semphoniker liegt bei rund 28 Jahren. Ohnehin werben die Wiler Semphoniker aktiv um Neumitglieder. Zeige sich an der Fasnacht jemand begeistert von der Guggenmusik – «Dies kann schon mal auch der Alkohol sein», meint Kündig –, so nehme man seinen Kontaktdaten auf. Jeweils im Frühling veranstalten die Wiler Semphoniker einen Neuguggerapéro, an den mögliche Neumitglieder eingeladen werden. «Bleibt einer eine Saison, so bleibt er meistens gleich ganz.»

Dieses Vorgehen zahlt sich aus: Als einzige der befragten Guggenmusiken wachsen die Wiler Semphoniker. Mit den aktuell 51 Mitgliedern zählen sie zu den grösseren Guggen der Region. Vor 15 Jahren waren es noch deren 28. «Wir hatten damals den Fehler gemacht, nicht aktiv nach Neumitglieder zu suchen», sagt Kündig. Die Folge: erst Überalterung, dann eine Welle von Austritten. Daraus habe man jetzt gelernt.

Auch in der ganzen Schweiz haben es einzelne Guggen schwierig

Schweizweit gehe es den Guggenmusiken nicht schlecht, sagt Ferdinand Segmüller, Präsident des schweizerischen Fasnachtsverbandes Hefari, der die Interessen von Guggenmusiken und Narrencliquen, Maskengruppen und Wagenbauern vertritt. Segmüller schränkt aber gleich ein: «Es gibt vereinzelt Gegenden, in denen es die Guggenmusiken schwierig haben.» Er nennt etwa Gebiete im Aargau und im Kanton Zürich, in denen es in den letzten Jahren zu Zusammenschlüssen oder Auflösungen von Guggenmusik-Vereinen kam.

Und wie beurteilt Segmüller die Situation im Fürstenland und im Toggenburg? «Aus diesen Gebieten habe ich nur wenig gehört», sagt der Rheintaler. Dies sei positiv. «Es wird schliesslich viel gemunkelt unter den Fasnächtlern.» So werde schnell bekannt, wenn eine Guggenmusik mit nur wenigen Mitgliedern an einem Umzug teilnimmt. Und solche Gerüchte habe er bisher nicht gehört.

Auch wenn viele Guggen kaum mehr wachsen, auch wenn die Hochzeit der Maskenbälle vorbei ist: Die Guggenmusiken spielen weiter. Schräg und bunt.

Mehr zum Thema