Szenarien der bevölkerungsentwicklung
Im Wahlkreis Wil leben vielleicht bald 100'000 Menschen, während das Toggenburg abgehängt wird

Gemäss neusten Szenarien der Fachstelle für Statistik des Kantons St.Gallen könnte der Wahlkreis Wil im Jahr 2050 über 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Aber nur, wenn ein bestimmtes Szenario eintritt. Der Wahlkreis Toggenburg droht derweil immer mehr abgehängt und älter zu werden.

Ruben Schönenberger
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Im Wahlkreis Wil könnten sich bis 2050 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner tummeln.

Im Wahlkreis Wil könnten sich bis 2050 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner tummeln.

Bild: Getty

«Prognosen sind äusserst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.» So unklar wie die tatsächliche Quelle dieses Zitats ist – in Frage kommen unter anderem Mark Twain oder Kurt Tucholsky – so klar ist die Botschaft: Was in Zukunft sein wird, weiss niemand genau.

Und doch stellen wir tagtäglich Prognosen an, was denn dereinst sein könnte. Auch die Statistiker des Kantons St.Gallen, von Berufs wegen eher vertraut mit dem rückwärtsgerichteten Blick auf Zahlen, tun das. Unlängst wagten sie sich an einen Ausblick zur Bevölkerungsentwicklung im Kanton St.Gallen.

Alle Regionen des Kantons wachsen

Basierend auf den Szenarien des Bundesamts für Statistik veröffentlichte die kantonale Fachstelle Zahlen zur möglichen Entwicklung der einzelnen Regionen. Gemein ist allen Regionen in allen Entwicklungspfaden: Sie wachsen.

Bevölkerungsentwicklung in den Wahlkreisen des Kantons St.Gallen

Wachstum bis 2050 (in Tausend)
Szenario «Tief»
Szenario «Trend»
Szenario «Hoch»
01020304050St.GallenRheintalWilSee-GasterWerdenbergRorschachSarganserlandToggenburg

Im Szenario «Tief» ist der Kanton in 30 Jahren um knapp 80'000 Einwohnerinnen und Einwohner reicher, im Szenario «Hoch» gar um fast 195'000. Das Szenario «Trend» liegt mit rund 135'000 zusätzlichen St.Gallerinnen und St.Gallern bis 2050 dazwischen.

Bevölkerungsentwicklung im Kanton St.Gallen

Anzahl EinwohnerInnen (in Tausend)
Szenario «Trend»
Szenario «Hoch»
Szenario «Tief»
201920202021202220232024202520262027202820292030203120322033203420352036203720382039204020412042204320442045204620472048204920500200400600800

Drei Szenarien bis 2050

Die Fachstelle für Statistik hat für die Entwicklung der Bevölkerungszahl in den Wahlkreisen des Kantons St.Gallen drei Szenarien errechnet. Sie bauen auf den tatsächlichen Bevölkerungszahlen von 2019 auf und regionalisieren die vom Bundesamt für Statistik eruierten Szenarien für den Gesamtkanton. Die wesentlichen Annahmen werden für die Regionalisierung unverändert übernommen. 

Das Szenario «Trend» geht davon aus, dass sich die in den letzten Jahren beobachteten Trends in den Bereichen Wanderung, Fruchtbarkeit und Sterblichkeit fortsetzen. Im Szenario «Hoch» sind die Nettozuwanderung, die Fruchtbarkeit und die Lebenserwartung höher. Im Szenario «Tief» sind sie tiefer. (pd/rus)

Wil könnte die 100'000er-Marke knacken

Zum Wachstum der kantonalen Bevölkerung trägt in absoluten Zahlen der Wahlkreis St.Gallen am meisten bei. Aber auch der Wahlkreis Wil trägt je nach Szenario am dritt- oder viertmeisten bei, obwohl er relativ zur Bevölkerungszahl Ende 2019 schwächer wachsen soll als fast alle anderen Wahlkreise.

2050 werden rund 11'000 (Szenario «Tief») bis rund 27'500 (Szenario «Hoch») mehr Einwohnerinnen und Einwohner in dieser Region leben. Letzteres würde reichen, damit der Wahlkreis die Grenze von 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner knackt. Dazu sind gegenüber Ende des letzten Jahres 23'954 zusätzliche Einwohnerinnen und Einwohner nötig. So oder so gehen die Statistiker aber davon aus, dass der Wahlkreis Wil seinen zweiten Rang im Ranking der bevölkerungsstärksten Wahlkreise des Kantons an das Rheintal wird abgegeben müssen. Auf Platz 1 steht wenig überraschend weiterhin der Wahlkreis St.Gallen.

Das Toggenburg wird abgehängt

Von diesen Höhen ist der Wahlkreis Toggenburg weit entfernt. Die Statistiker prognostizieren für das Thur- und Neckertal das geringste Wachstum unter den St.Galler Wahlkreisen, sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen. Im Szenario «Tief» sind bis in 30 Jahren nur gerade 2724 Einwohnerinnen und Einwohner dazugekommen. Im Szenario «Hoch» sind es mit 11'260 auch vergleichsweise wenig. Und selbst damit käme das Toggenburg bis 2050 auf nur gerade 57'806 Einwohnerinnen und Einwohner.

Bevölkerungsentwicklung Wahlkreise Wil und Toggenburg

Anzahl EinwohnerInnen / Szenario «Trend» (in Tausend)
Wahlkreis Toggenburg
Wahlkreis Wil
Prognose (ab 2020)
1981198219831984198519861987198819891990199119921993199419951996199719981999200020012002200320042005200620072008200920102011201220132014201520162017201820192020202120222023202420252026202720282029203020312032203320342035203620372038203920402041204220432044204520462047204820492050020406080100

Schaut man sich die Bevölkerungsentwicklung etwas weiter zurück an, wird ersichtlich, dass der Wahlkreis Toggenburg schon länger hinter der Gesamtentwicklung des Kantons herhinkt. Nach einem im Vergleich starken Wachstum in den 1990er-Jahren folgte gar ein Bevölkerungsrückgang, der erst 2010 aufgefangen und 2018 wettgemacht werden konnte. Haben die Statistiker mit ihren Prognosen recht, wird sich die Schere noch weiter öffnen.

Bevölkerungsentwicklung Wahlkreise Wil und Toggenburg

indexiert (100% = 1981) / Szenario «Trend»
Kanton St.Gallen
Wahlkreis Toggenburg
Wahlkreis Wil
Prognose (ab 2020)
1981198219831984198519861987198819891990199119921993199419951996199719981999200020012002200320042005200620072008200920102011201220132014201520162017201820192020202120222023202420252026202720282029203020312032203320342035203620372038203920402041204220432044204520462047204820492050100120140160

Sowieso keine Frage ist gemäss der Fachstelle für Statistik, dass der Wahlkreis Rorschach das Toggenburg überholt. Das Werdenberg und das Sarganserland bleiben in allen drei Szenarien zwar kleiner als das Toggenburg, aber holen deutlich auf.

Bevölkerungsentwicklung in den Wahlkreisen des Kantons St.Gallen

Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 2050 (in Tausend)
Szenario «Tief»
Szenario «Trend»
Szenario «Hoch»
St.GallenRheintalWilSee-GasterRorschachToggenburgWerdenbergSarganserland050100150

Ob die Statistiker recht behalten beziehungsweise welches ihrer Szenarien der Realität am nächsten kommt, wird erst die Zukunft zeigen. Schliesslich könnte gerade das aktuelle Jahr zu einer Anpassung führen. Denn: Die Zuwanderung ist massgeblich von der Entwicklung der Wirtschaft geprägt, die im Coronajahr 2020 stark unter Druck gekommen ist.

Mehr Alte, weniger Junge

Bereits ziemlich klar ist, dass die Bevölkerung älter wird. «Der Anteil der Alten nimmt zu, derjenige der Jungen nimmt ab», schreiben die Statistiker. Im Kanton kommen auf eine junge Person von unter 20 Jahren etwa drei Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren. Im Szenario «Trend» dürfte das auch bis 2050 so bleiben.

Eine Veränderung gibt es aber beim Anteil der Pensionierten an den Personen im erwerbsfähigen Alter. «Auf eine Person im Pensionsalter kommen aktuell 3,3 Personen im erwerbsaktiven Alter, im Jahr 2050 werden es gemäss Szenario noch knapp 2,4 sein», so die Fachstelle für Statistik.

Der Anteil von Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung

Jugendquotient

Der Jugendquotient gibt an, wie gross der Anteil der unter 20-Jährigen am Total der 20- bis 64-Jährigen ist. Je höher der Jugendquotient, desto höher sind die Aufwendungen der erwerbsaktiven Generation für die Betreuung, Erziehung und Schulung der nachwachsenden Generationen.

Altersquotient

Der Altersquotient gibt an, wie gross der Anteil der über 64-Jährigen am Total der 20-64-Jährigen ist. Je höher der Altersquotient, desto grösser ist, wenn sonst alles gleich bleibt, der Beitragsbedarf zulasten der erwerbsaktiven Altersgruppen im Bereich der Sozialen Sicherung der älteren Generationen. (pd/rus)

Auch in den Wahlkreisen Wil und Toggenburg ist die Entwicklung ähnlich. Der Jugendquotient bleibt in etwa gleich, wenn auch auf etwas höherem Niveau als im Gesamtkanton. Im Toggenburg sinkt er ganz leicht von 37,8 Prozent im letzten Jahr auf prognostizierte 37,1 Prozent im Jahr 2050, im Wahlkreis Wil steigt er gar leicht von 36 Prozent auf 36,8 Prozent.

Entwicklung der Altersstruktur im Wahlkreis Wil

in Prozent / Szenario «Trend»
Altersquotient
Jugendquotient
Prognose (ab 2020)
2010201120122013201420152016201720182019202020212022202320242025202620272028202920302031203220332034203520362037203820392040204120422043204420452046204720482049205001020304050

Während der Jugendquotient in beiden Wahlkreisen also bei rund 37 Prozent zu liegen kommt, entwickelt sich der Altersquotient unterschiedlich. Im Wahlkreis Wil steigt dieser von 29,9 Prozent im letzten Jahr auf prognostizierte 41,3 Prozent im Jahr 2050. Der Indikator entwickelt sich ähnlich wie jener im gesamten Kanton. Im Toggenburg steigt er indes von 34,1 Prozent auf 50,2 Prozent. Im Jahr 2050 sollen gemäss des Szenarios «Trend» also auf einen Pensionierten nur noch zwei Personen im erwerbsfähigen Alter kommen.

Entwicklung der Altersstruktur im Wahlkreis Toggenburg

in Prozent / Szenario «Trend»
Altersquotient
Jugendquotient
Prognose (ab 2020)
201020112012201320142015201620172018201920202021202220232024202520262027202820292030203120322033203420352036203720382039204020412042204320442045204620472048204920500204060