Interview

Präsident der Toggenburger Ärzte kritisiert Regierung scharf: «Alternativmodelle wurden nicht ernsthaft verfolgt»

Der Präsident des Toggenburger Ärztevereins glaubt, dass die Schliessung von fünf Spitälern nur der Anfang ist.

Ruben Schönenberger
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Uwe Hauswirth ist Präsident des Toggenburger Ärztevereins und Facharzt für Dermatologie und Venerologie. (Bild: Ruben Schönenberger)

Uwe Hauswirth ist Präsident des Toggenburger Ärztevereins und Facharzt für Dermatologie und Venerologie. (Bild: Ruben Schönenberger)

Scharfe Kritik vom Präsidenten des Toggenburger Ärztevereins Uwe Hauswirth: Sowohl der Prozess zur Weiterentwicklung der Spitalstrategie der Regierung als auch das Resultat überzeugten nicht. Damit habe man eine Chance vertan, denn die Analyse sei grundsätzlich richtig gewesen. Es müsse etwas passieren im Kanton.

Sie anerkennen die finanziellen Probleme der St.Galler Spitäler, kritisieren die Regierung aber dennoch. Was hat sie falsch gemacht?

Uwe Hauswirth: Finanziell kann es so ja tatsächlich nicht mehr weitergehen. Die Weiterentwicklung der Spitalstrategie wäre deshalb eine Chance gewesen. Aber es war gar nicht erlaubt, sich grundsätzlich Gedanken zu machen. Der Verwaltungsrat hat ein Konzept vorgestellt und daran durfte man dann lediglich noch ein paar Details mitgestalten. Es ging einzig und allein um die Ausgestaltung der 4-Spitäler-Strategie.

Wie müssten diese grundsätzlichen Gedanken denn aussehen?

In einem fairen Prozess hätte man die Sache überregional, ja überkantonal angehen müssen. Was ist mit den beiden Appenzell, mit Graubünden, dem Thurgau oder Zürich? Da liegen ja überall Spitäler in der Umgebung unseres Ringkantons. Synergien muss man in grösseren Dimensionen suchen. Auch Alternativmodelle wurden nicht ernsthaft verfolgt. Nur dank Regierungsrätin Heidi Hanselmann gab es immerhin ein Teilprojekt zu möglichen Alternativen. Aber hierbei kämpften die betroffenen Spitäler natürlich lediglich um ihre Daseinsberechtigung.

Diese Alternativen hat man nun nicht weiterverfolgt. War das Feigenblattpolitik?

Vom Verwaltungsrat oder von der Gesamtregierung war es das. Es war aber auch einfach zu wenig Zeit. Das Grobkonzept des Verwaltungsrates wurde im Mai des letzten Jahres vorgestellt. Dann hat man den Lenkungsausschuss eingesetzt, erst dann startete das Teilprojekt zu Alternativen. Da muss man sich erst mal sortieren. Dabei kommt der Blick aufs grosse Ganze natürlich im ersten Moment zu kurz. Zudem wurden auch falsche Abrechnungsstatistiken geliefert. Und bis das in Schwung kam, war am Spital Wattwil schon der Baustopp verhängt.

Die Sicht auf das grosse Ganze hätte Zeit verschlungen. Gerade, wenn andere Kantone involviert gewesen wären. Ist das wirklich realistisch?

Wenn die Gemeinde Wattwil in einem halben Jahr ein plausibles Konzept auf die Beine stellen kann, dann wäre auch das drin gelegen.

Das jetzige Resultat überzeugt Sie also nicht. Was hätte man anders machen können?

Um Spitalschliessungen kommt man sicherlich nicht herum. Aber die Frage ist, wieso man für eine neue Spitalinfrastruktur nicht andere Spitalnutzungen prüfen kann. Man kann aus einem modernen Spital nicht einfach ein Gesundheitszentrum machen. Das wurde als Akutspital gebaut, nicht als Praxiszentrum. So eine Umnutzung würde ja wieder Millionen kosten.

Was wären denn andere Nutzungen als die jetzigen?

Vielleicht müsste das Kantonsspital einfach mal ein paar Teile abgeben. Warum kann man nicht eine Abteilung, die sich auf etwas Spezifisches konzentriert, vom Kantonsspital auslagern?

Die Verantwortlichen sagen, das sei nicht praktikabel, weil Patienten oft mehrere Leiden hätten.

Das ist dummes Zeug. Wir haben ja genügend Privatkliniken, die nur auf orthopädische Operationen spezialisiert sind. In der Regel sind das gesunde Patienten, die nur ein einziges Problem haben. Verwaltungsratspräsident Felix Sennhauser hat bei der Informationsveranstaltung im «Thurpark» selbst gesagt, man könne in Zukunft vermutlich Hüften ambulant operieren. Das ist ja ein Widerspruch in sich, dass die Patienten alle mehrere Leiden haben sollen, Hüften aber ambulant operiert werden können. Spezialgebiete kann man auslagern.

Spielt die Lage an sich auch eine Rolle?

Das meine ich mit dem überkantonalen Denken. In Wattwil sind wir wirklich etwas abgelegen und haben dafür eine moderne Infrastruktur. In Wil liegen Winterthur und Frauenfeld nahe und man müsste in die Infrastruktur investieren.

Ein Argument der Regierung ist, dass man die Patientenströme beeinflusst, wenn man Wil statt Wattwil schliessen würde.

In dieser Betrachtung schaut man den Patienten nur ökonomisch an. Aber auch dann ist das absurd. Das Geld fliesst ja schlussendlich in den gleichen Topf.

Geld ist ein gutes Stichwort: Sie kritisieren auch, dass die Spitäler mit ambulanten Angeboten die niedergelassenen Ärzte konkurrenzieren. Der Konsens, dass ambulant vor stationär besser ist, ist aber gross.

Ja, das ist er, weil ambulante Leistungen insgesamt günstiger sind.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Spitalärzten und Hausärzten scheint nicht grundsätzlich konfliktbehaftet zu sein, wie die neue Integrierte Notfallpraxis am Spital Wattwil zeigt.

Ja, oder wir versuchen, bestehende Gräben zu beseitigen.

Eigentlich ist doch also alles gegeben, dass die Grenzen zwischen den Ärzten verschwimmen, trotzdem ist es ein Problem, wenn ein Spital ambulante Angebote hat?

Das Gesetz sagt, stationäre Medizin ist Sache des Staates. Ambulante Medizin ist privatwirtschaftlich zu organisieren. Die Spitäler dürfen gewisse Spezialsprechstunden anbieten. Darunter leiden die St.Galler Ärzte heute schon enorm. Das Kantonsspital baut seine Spezialambulanzen immer mehr aus. Durch die Gesundheitszentren wird den Spitälern jetzt aber dann sogar gesetzlich die Möglichkeit gegeben, ihre Ambulatorien auch in der Peripherie auszubauen. Sie generieren auch in der ambulanten Medizin Umsätze, wo sie gar nichts verloren haben.

Das ist also eine wirtschaftliche Frage.

Ja, die Spitäler klagen ja über die zu geringe EBITDA-Marge.

Sie sagen also auch, der Prozess geht noch weiter?

Ja, auch die Spitalkonzentration. Es heisst ja, dass eine Ein-Spital-Lösung betriebswirtschaftlich die beste wäre. Es gibt Überlegung, dass man die Chirurgie Wil und Linth nach St.Gallen verlegt. Das sagt niemand öffentlich, aber das wird diskutiert. Wenn man das macht, nimmt man den Spitälern einen wesentlichen Teil des Umsatzes, die Spitäler geraten noch mehr in Schieflage, was passiert dann? Man diskutiert wieder über Schliessungen. Das ist eine Salamitaktik, weil politisch jetzt nur die Strategie mit vier Spitälern durchsetzbar ist. Der Rest ergibt sich dann später über die Zahlen. Das Ziel ist ein Universitätsspital St.Gallen. Das dürfte auch bei Frau Regierungsrätin Hanselmann das Fass zum Überlaufen gebracht haben und ihren Rückzug erklären. Denn Spitalschliessungen sind nicht die Lösung.

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