Kolumne

Speerspitz: Wenn es von Herzen kommt

Auch oder gerade während der Weihnachtszeit sollten die guten Sitten nicht vergessen gehen. Danke fürs Lesen.

Urs M. Hemm
Hören
Drucken
Teilen
Urs M. Hemm

Urs M. Hemm

Katja Nideröst

Eigentlich sollte die Zeit um Weihnachten und Neujahr eine Zeit der Ruhe, der Besinnlichkeit, des Friedens und der Harmonie sein. Von wegen. Es gibt wohl keine andere Phase im Jahr, in welcher die Menschen so gestresst, unzufrieden, gereizt, wenn nicht gar gehässig sind.

Mit der Mütze tief im Gesicht, den Kragen hochgeschlagen und mit dem Schal bis über die Nase gezogen, hetzen die Menschen von Geschäft zu Geschäft. Sie schauen dabei weder nach links noch nach rechts, sondern haben nur ihr Ziel vor Augen, noch die letzten Geschenke zu besorgen. Doch jemanden zu beschenken, hat in der heutigen Zeit offenbar nicht mehr viel mit der Wertschätzung für die beschenkte Person zu tun.

So hörte ich kurz vor Heiligabend eine Frau in einem Geschäft ihre Bekannte fragen: «Was soll ich bloss Bruno schenken?» Die Antwort: «Nimm doch einfach so einen Kalender. Ist ja egal. Hauptsache, du hast etwas.» Wenn das nicht von Herzen kommt.

Die erste Dame wandte sich an eine Verkäuferin: «Haben Sie einen Kalender mit Bergmotiven?» Im Gegensatz zu der Dame antwortete die Verkäuferin zuerst mit einem freundlichen «Grüezi» und meinte, dass diese wohl ausverkauft seien, wenn es am Ständer keine mehr habe. Die eine Frau verzog ihr Gesicht und beide verliessen ohne ein weiteres Wort das Geschäft. Die Verkäuferin sah mich nur achselzuckend und ziemlich verständnislos an. Ob Bruno schliesslich einen Bildkalender oder am Ende eine Schachtel Lindor-Kugeln (bereits in Aktion zu 50 Prozent) aus dem Tankstellen-Shop bekommen hat, weiss ich freilich nicht.

Mit den Weihnachtskugeln hängen viele Menschen offenbar auch ihren Anstand an den Baum. Kaum ein anständiges «Grüezi» oder ein eigentlich selbstverständliches Bitte oder Danke ist in diesen Tagen zu hören. Beim Schenken geht es längst nicht mehr darum, dem anderen eine Freude zu machen, vielmehr scheint es – zumindest für manche Menschen–an Weihnachten zu einer lästigen Pflicht verkommen zu sein.

Daher erstaunt es nicht, dass nach Weihnachten in den Geschäften fast so viel los ist wie vor dem Fest. Dann nämlich tauschen alle Brunos ihre Geschenke in Dinge um, die ihnen wirklich gefallen. Ein Danke wird dem Verkaufspersonal dafür sicher sein.