Speerspitz
Schwelgen in Erinnerungen

An Ereignisse von vor vielen Jahren können wir uns manchmal erstaunlich genau erinnern. Bei Redaktor Beat Lanzendorfer waren es bei einem Spaziergang drei grosse Fussballspiele, die in Gedanken wieder auflebten.

Beat Lanzendorfer
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Marc Hottiger zieht im WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Italien am 1. Mai 1993 im Wankdorf-Stadion in Bern am gestürzten italienischen Spieler Roberto Baggio vorbei. Hottiger erzielt für die Schweiz in der 55. Minute das Tor zum 1:0-Sieg.

Marc Hottiger zieht im WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Italien am 1. Mai 1993 im Wankdorf-Stadion in Bern am gestürzten italienischen Spieler Roberto Baggio vorbei. Hottiger erzielt für die Schweiz in der 55. Minute das Tor zum 1:0-Sieg.

Bild: Keystone

In Zeiten wie diesen schwelgt man gern in Erinnerungen. Wie viel schöner war doch die Vergangenheit. Ist man aber ehrlich gegenüber sich selbst, war früher nicht immer alles besser.

Auf einem meiner österlichen Spaziergänge machte ich mir den Spass daraus, auf drei fussballerische Ereignisse zurückzublicken, die mir spontan in den Sinn kamen. Das erste liegt bereits 47 Jahre zurück und ereignete sich am 7. Juli 1974. Damals standen sich im Final der Fussballweltmeisterschaft in München Deutschland und Holland gegenüber. Das Resultat blieb deshalb bei mir haften, weil Johann Cruyff, er war eines meiner grössten Jugendidole, Captain des Verliererteams war. Trotz krasser Überlegenheit unterlag er im Endspiel mit seinen Holländern mit 1:2.

Von den Ereignissen acht Jahre später bleiben mir hauptsächlich die Gesänge danach in Erinnerung. Deutschland stand in Spanien wiederum im Endspiel einer Fussballweltmeisterschaft. Diesmal hiess der Gegner Italien. Nun zogen die Deutschen beim 1:3 aber den Kürzeren. Der Gesang der Fans mit ihrem Schlachtruf «Rossi, Tardelli e Altobelli», den drei italienischen Torschützen, war auch in den Schweizer Städten bis weit in die Nacht zu hören.

Das dritte Erlebnis war jenes am 1. Mai 1993. Die Schweiz empfing im altehrwürdigen Wankdorf-Stadion in Bern in der WM-Qualifikation Italien. Der 1:0-Sieg war der Grundstein, dass sich die Eidgenossen erstmals nach 28 Jahren wieder für ein Endturnier einer Fussballweltmeisterschaft qualifizierten – es war jenes 1994 in den USA. Stephane Chapuisat hatte mustergültig auf Marc Hottiger aufgelegt, der nur noch einzuschieben brauchte. Ich weiss es deshalb noch so genau, weil ich einer der 32'000 Zuschauer im Stadion war.

Was mir beim Abschweifen in die Vergangenheit auch noch aufgefallen ist: Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, kann ich in meinem Hirn problemlos abrufen. Bei Begebenheiten, die erst wenige Jahre zurückliegen, bekunde ich mehr Mühe, sie näher zu beschreiben. Oder kann mir jemand spontan sagen, wo die letzten drei Olympischen Spiele oder Fussballweltmeisterschaften stattfanden? Ich müsste das zuerst nachschlagen.

Vielleicht fällt es mir in einigen Jahren leichter, wenn ich mich an die jetzige Zeit zurückerinnere, die plötzlich nicht mehr so schlecht erscheint, wie viele sie aktuell wahrnehmen.