Kolumne

Speerspitz: Schon wieder falsch gemacht

Die Redaktorin und Produzentin Liska Meier hat sich entschieden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren. Nicht immer und überall stösst sie damit auf Verständnis.

Liska Meier
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Liska Meier

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Bild: Urs Jaudas

«Lässt Du Dich tatsächlich von den Sprüchen dieses Mädchens aus Schweden in Deinem Leben beeinflussen?» Die Frau, mit der ich gar nicht per Du bin, schaut mich zuerst scharf an, verdreht dann ungläubig die Augen und redet sich in Rage.

So ein Grünschnabel-Mädchen täte ihr grad noch fehlen, wettert sie. Keiner und keine habe ihr Ratschläge zu erteilen, sie könne im Fall schon noch selber bestimmen, mit was, wie häufig und wohin sie fahre oder reise und sowieso!

Ich schlucke, gebe der Frau keine Antwort und grüble. Ja doch. Ich lasse mich beeinflussen, und sehe das nicht als Schwäche. Ich finde es wichtig, was Greta sagt. Denn auch in meiner Familie gibt es bezüglich Umweltschutz und Sensibilisierung gegenüber der Erde Verbesserungspotenzial, und sind die Schritte noch so klein. Als erste Handlung bleibt seit Anfang Jahr das Auto zumindest unter der Woche zu Hause stehen. Ich fahre mit dem Zug zur Arbeit.

Ich sitze in übervollen Bussen und kann keine Mindestabstände einhalten

Aber das alles war noch vor dem Corona-Virus und der Epidemie, die seit Donnerstag eine Pandemie ist. Inzwischen gehöre ich – im Grunde wegen der Klimastreiks – nun ausgerechnet zu der Gruppe Leute im Land, die gemäss dem Bundesrat zur falschen Zeit mit dem Zug zur Arbeit pendelt.

Schlimmer noch: Ich sitze in übervollen Bussen, kann keine Mindestabstände einhalten, berühre Haltestangen, atme, und statt mit dem Regenschirm, dem Ärmel oder dem Fuss drücke ich die Halte- knöpfe in den Verkehrsmitteln mit der baren Hand. Ich bin also trotz bestem Wissen und Gewissen ganz unverhofft erst recht oder schon wieder «falsch» unterwegs.

Etwas habe ich schon bei meiner ersten Fahr begriffen

Dafür habe ich bei meiner ersten Fahrt mit dem Zug nach St.Gallen zu Stosszeiten schlagartig begriffen, weshalb fast alle Passagiere jederzeit stoisch aufs Handy gaffen und sich die Kopfhörer in die Ohren stopfen. Reiner Selbstschutz.

Da können die alten Leute noch lange von der guten, alten, gesprächigen Zeit schwadronieren – aber wenn ich im Zug mithören muss, wie eine Mittsechzigerin in höchster Lautstärke und sehr detailliert ihrem Gegenüber von den abgestorbenen Zehen ihres im Spital liegenden Vaters erzählt– genau dann drücke ich die Kopfhörer noch tiefer in meine Ohren und drehe die Lautstärke hoch.