Kolumne
Speerspitz: Ich weiss, dass ich nichts weiss

Das Coronavirus beschäftigt nicht nur Wissenschafter und Politiker, sondern auch Schreiber in Kommentarspalten von Social Media. Redaktorin Sabine Camedda verliert da schon bald den Überblick.

Sabine Camedda
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Sabine Camedda, Redaktorin.

Sabine Camedda, Redaktorin.

Bild: Urs Jaudas

Im Februar liess mich das Coronavirus kalt. Ansteckungen gab es in Asien, ich fühlte mich sicher. Noch als erste Krankheitsfälle in Europa bekannt wurden, dachte ich, dass es so schlimm nicht sein würde. Ich war mir so sicher, dass ich sogar eine Wette aufstellte: Nach Ostern wird in der Schweiz kein Hahn mehr nach Corona krähen. Falsch gedacht, Wette verloren.

Je mehr die Wissenschafter über das Virus forschen, desto interessierter verfolge ich die Neuigkeiten. Doch es kommt mir vor, dass die Wissenschafter auch nicht klüger scheinen als viele andere. Während der eine A sagt, plädiert der andere für B.

Dazu kommt, dass sie selten etwas mit Sicherheit sagen. «Ich gehe davon aus» und «ich nehme an» begleiten in diesen Kreisen jede Aussage. Für alle Wissenschafter ist das Virus neu. Das lässt bald nur den einen Schluss zu: Ich weiss, dass ich nichts weiss.

Die Politiker sind in dieser Situation nicht zu beneiden

Die Politiker, die basierend auf den Erkenntnissen dieser Wissenschafter einen für alle gangbaren Weg suchen müssen, sind nicht zu beneiden. Auch sie wissen nicht, wie die Bevölkerung vor der Ansteckung geschützt werden und das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll, während gleichzeitig der Wirtschaftsmotor brummen und der Schulunterricht regulär stattfinden muss.

Wie gut, dass es die Bevölkerung gibt. Sie kann im Internet alles Wissen und alle Weisheit rund um das Coronavirus publizieren. Quasi ohne Netz und doppelten Boden. Da wird frisch fröhlich behauptet, dass das Virus von fremden Mächten (je nach Verfasser von unterschiedlichen) in die Welt geschickt worden sei.

Es wird gefordert, dass man die Beizen schnell öffnet, Fussballspiele anpfeift und wieder Konzerte gibt. Schützen kann man sich ja mit einer Maske. Woher die kommt und wie man einen selbst genähten Gesichtsschutz richtig waschen soll, darüber sollen sich die Politiker und Wissenschafter einig werden.

Alle Massnahmen sind sowieso überflüssig

Am liebsten sind mir alle jene Kommentare, die im Nachhinein wissen, was man hätte besser machen können. Alles überflüssig, die Todesrate sei ja niemals so hoch gewesen, wie es die «Pessimisten» befürchtet hätten. Das erinnert mich an eine Weisheit, die mir mein Vater mitgegeben hat: Walliser Rat kommt nach der Tat.