Kolumne

Speerspitz: Horten ist egoistisch

Derzeit teilt man viel und gerne. Doch manch einer stottert beim Thema Ausflugsziele. Die schönsten Orte möchten einige nur ungern mit aller Welt teilen, während andere dies ausgiebig tun.

Liska Meier
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Liska Meier

Liska Meier

Bild: Urs Jaudas

Bis anhin habe ich mich für grosszügig gehalten. Ich teile auch ungebeten vieles: Informationen, Erkenntnisse, Herzschmerz, Fahrzeuge, ein bisschen Geld, Essen, Wohnraum – Kleider eher weniger – und jede Menge Zeit.

Doch in der immer noch andauernden Coronapandemie hat sich in meiner Gefühlslage etwas in aller Schärfe herauskristallisiert: Ich will die vermeintlich von mir entdeckten schönsten Ecken und Orte in der Landschaft nicht mit anderen Menschen teilen. Wirklich nicht. Geizig horte ich meine Favoriten und gerate ins Stottern, wenn mich jemand um einen Tipp für schöne Wanderungen bittet.

Einziger Trost: Noch führt keine Seilbahn hoch

Zum Beispiel der Ursprung eines grossen Alpenflusses. Aktuell wird dieser zauberhafte, vom Wollgras umrahmte und meist fast menschenleere Ort auf allen möglichen Plattformen in den sozialen Medien als Ausflugstipp breitgetreten. Von allen Seiten her prasselt das Bild des mir in allen Wetterlagen und Stimmungen so gut bekannten Sees auf mich ein, und jedes Mal muss ich egoistische Regungen unterdrücken. Zwar hoffe ich für die dort in der Nähe stehende SAC-Hütte, dass sie vom prognostizierten Zulauf profitieren kann. Doch mir bleibt nur ein Trost: Trotz der relativen Nähe dieses Ortes zu einem Strassen-Passübergang fährt zumindest noch keine Seilbahn zum See hoch.

Diese gibt es dafür hierzulande genügend. Im Toggenburg selbstverständlich, und da führen die Bahnen zu fast ebenso zauberhaften Orten (alles Ansichtssache), und viele Bahnen erschliessen das Alpstein-Massiv. Auch ich gehe in den Alpstein, das aber von der St. Galler Seite her. Teils unbequemer, weil längere Anlaufzeiten, dafür ist ausser dem eigenen Keuchen den Berg hoch nicht viel Menschliches zu hören. Rundherum herrscht Ruhe. Dass das «Grüezi»-Sagen und das Platz machen auf dem Weg entfällt, ist im Alpstein auf Toggenburger Seite ein toller Effekt.

Was stand während des Lockdowns über den Alpstein in den Nachrichten? Im April wurde der «Eingang» zum Seealpsee bei Wasserauen gesperrt. «Bitte kommt nicht in den Alpstein», hiess es. Jetzt tönt es: «Guet göll, gratis ond grüe uf Appezöll.» Wohlan, Leute, folget dem Ruf.

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