Kolumne
Speerspitz: Ein Leben im Irrtum

Wenn ein Mensch etwas tut, unter dessen Folgen andere leiden, verleitet uns dies aus einem inneren Gefühl heraus, ihn als unmoralisch zu bezeichnen. Warum eigentlich?

Hans Suter
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Hans Suter, stv. Redaktionsleiter Wiler Zeitung und Toggenburger Tagblatt

Hans Suter, stv. Redaktionsleiter Wiler Zeitung und Toggenburger Tagblatt

Bild: PD

Der Schriftsteller und Philosoph Friedrich Nietzsche vertrat die Auffassung, die moralischen Empfindungen und insbesondere der Glauben an das Gute und das Böse seien aufgrund eines Irrtums entstanden. «So macht man der Reihe nach den Menschen für seine Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und endlich für sein Wesen verantwortlich.» Das schrieb er 1878 in der Schrift «Menschliches, Allzumenschliches». Sachverständige deuten es so: «Ebenso, wie man dem schlechten Wetter keine Unmoralität vorwerfen kann, weil es eben naturnotwendig ist, so kann man dem Menschen keine Unmoral vorwerfen, denn er handelt aus eben der gleichen Notwendigkeit, die auch das Naturgeschehen leitet.»

Was bedeutet das für unser tägliches Leben? Drei Beispiele mit dem Effekt aus Motiv, Handlung und Wirkung mögen dies verdeutlichen. Neulich in einem Ausflugsrestaurant in der Region. Das Motiv: Ein deutsches Ehepaar hat Hunger. Die Handlung: Der Mann bestellt: «Einmal die Zweiundzwanzig und einmal die Siebenundzwanzig, bitte.» Die Wirkung: Der Kellner ist verstört. Was ist passiert? Der Kellner klärt die Situation freundlich: «Das sind die Preise, nicht Nummern.»

Zweites Beispiel: Besuch im Seniorenzentrum. Das Motiv: Eine Frau will jemanden besuchen, ist aber offensichtlich spät dran. Die Handlung: Eilig stellt sie ihr Velo vor dem Eingang des Covid-19-gesicherten Gebäudes ab. Die Wirkung: Das Velo vor dem Eingang verursacht einen Stau, weil es umständlich mit dem Rollator umgangen oder dem Rollstuhl umfahren werden muss. Nebenwirkung: Die Velofahrerin war für längere Zeit die einzige Pünktliche.

Drittes Beispiel: in der Pizzeria. Das Motiv: Sechs Personen treffen sich zum Mittagessen. Die Handlung: Eine dieser Personen hat sehr grossen Respekt vor einer Ansteckung mit Covid-19, weshalb sie telefonisch vorgewarnt wird, es werde gerade ein Bankett für eine grosse Gästegruppe vorbereitet. Die Wirkung: Die sechste Person kommt nicht. Nebenwirkung: Das Bankett war erst auf 18 Uhr bestellt.