Kolumne

Speerspitz: Die Freude bleibt dennoch

Manchmal fehlt es am grünen Daumen, manchmal hat die Natur einfach andere Pläne. Auch wenn die Ernte selbst gepflanzter Früchte mager ausfällt, bleibt der Spass an der Arbeit.

Urs M. Hemm
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Urs M. Hemm

Urs M. Hemm

Bild: Katja Nideröst

Diesen Sommer wollten wir einmal versuchen, auf unserem kleinen Balkon Tomaten anzupflanzen. Wir kauften einen kräftig wirkenden Setzling der Sorte «Berner Rose» und setzten die etwa zehn Zentimeter hohe Pflanze in einen grossen Topf.

Fortan pflegten und hegten wir das Pflänzchen, redeten gut auf es ein und sorgten dafür, dass es immer genügend Wasser hatte. Die Mühe schien sich auszuzahlen: Mit Freude beobachteten wir, wie das zuerst zarte Gewächs in wenigen Tagen wuchs und wuchs – manchmal bis zu fünf oder sechs Zentimeter pro Tag.

Bald schon bildeten sich die ersten Blüten, die uns reiche und vor allem auch schmackhafte Ernte versprachen. Schon sahen wir uns an der milden Abendsonne einen Teller voll mit fleischig-roten Tomaten geniessen, die nur leicht mit Olivenöl sowie etwas Pfeffer und Salz angemacht sind und dazu ein Stück frisches, knuspriges Brot.

Keine Rekorde gebrochen

Eines schönen Morgens entdeckten wir tatsächlich, wie sich eine der Blüten verwandelte und sich langsam eine Frucht bildete. Die Natur nahm ihren Lauf. Da es an der Pflanze noch sechs weitere Blüten hatte, erwarteten wir jeden Tag, dass sich auch diese zu schönen Tomaten wandeln würden.

Doch leider verwelkte eine nach der anderen, bis nur noch die eine Frucht alleine übrig blieb. Natürlich waren wir ob dieser unerfreulichen Entwicklung enttäuscht und die Vorstellung des randvollen Tellers war in weite, sehr weite Ferne gerückt.

Um uns in dieser Situation dennoch selbst Mut zuzusprechen, redeten wir uns ein, dass die Pflanze entschieden hat, ihre ganze Kraft in eine einzige Supertomate zu investieren und alles daran zu setzen, dass diese Frucht Rekorde brechen wird, was Grösse und Geschmack angeht. So fokussierten auch wir uns auf diese eine Tomate, die tatsächlich Tag für Tag grösser wurde und sich mit jeder Sonnenstunde mehr und mehr rot verfärbte.

Unsere diesjährige Tomatenernte war schnell erledigt, was die Freude darüber aber nicht schmälerte. Wir teilten uns die eine Tomate und genossen ihr würziges Aroma. Unsere Erwartungen bezüglich zukünftiger Ernteerträge haben wir jedoch relativiert. Denn am Ende macht die Natur doch nur das, was sie will.