Kolumne

Speerspitz: Der fiktive Bethlehemstern über dem Mattschulhaus zieht keine Heiligen an – Adventssingen im Fussballstadion als Alternative

Die gestrichenen Weihnachtslieder im Wiler Mattschulhaus werfen hohe Wellen. Womöglich lohnt sich ein Blick zu unseren deutschen Nachbarn, welche Adventssingen in einem ganz anderen Rahmen praktizieren.

Timon Kobelt
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Timon Kobelt, Redaktor beim «Toggenburger Tagblatt».

Timon Kobelt, Redaktor beim «Toggenburger Tagblatt».

Hanspeter Schiess

Wow – das Schulhaus, in dem ich die Primarschule besucht habe, hat es in die nationalen Schlagzeilen geschafft. Erfüllt hat mich dies aber nicht etwa mit Stolz, denn es handelt sich um das Wiler Mattschulhaus (Matt), das wegen der Streichung von drei Weihnachtsliedern nun in aller Munde ist.

Keine Sorge. Es folgt keine weitere Meinung zum Thema. Schliesslich hat die Politik den Sachverhalt bereits mehr oder weniger sinnvoll diskutiert und die Medien haben die Geschichte so ausführlich beleuchtet, dass nun fast schon ein fiktiver Bethlehem-Stern über dem Matt schwebt. Dieser zieht aber nicht etwa Heilige mit Weihrauch, Myrrhe und Gold an wie in der Weihnachtsgeschichte, sondern SVP-Vertreter mit Guetzli.

Es reichte nur bis zum Kässeli-Verwalter

Die leidige Geschichte hat bei mir Erinnerungen und Fantasien gleichzeitig geweckt. Erinnerungen daran, dass ich als kleiner Knopf einst selber im Matt Adventslieder gesungen habe und darüber hinaus sogar mit meinen älteren Geschwistern und den Sternsingern im Quartier umhergezogen bin. Allerdings durfte ich nie einen der Heiligen Drei Könige darstellen, weil ich dafür zu klein war. Man gab mir die Obhut über das Kässeli – das die Form eines kleinen Globus hatte – wohl in der Absicht, Sympathien bei den Menschen zu wecken, welche an die Haustüren gingen. Hätten die Verantwortlichen vom Sternsingen gewusst, wie es um meine buchhalterischen Fähigkeiten bestellt ist, hätten sie mir wohl nicht mal das Kässeli anvertraut.

Die Fantasie, welche in mir aufgeflammt ist, stellt eine Alternative oder Ergänzung zum Adventssingen in den Schulhäusern dar. In Deutschland strömen in der Adventszeit Tausende in die Fussballstadien, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. Bei toller Atmosphäre und ganz ohne Polemik. Warum das nicht auch in der Schweiz probieren? Vielleicht liesse sich dann der Zuschauerschnitt erhöhen, wenn es um Lieder statt den Schweizer Fussball geht.

Alle, die Angst haben, dass dadurch die Kosten wegen des Sicherheitsdispositivs ins Unermessliche steigen, kann ich beruhigen. Beim Weihnachtssingen in den deutschen Fussballstadien gibt es nur Wunderkerzen – keine Pyros.

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